Pandemie

Kein kollektiver Antikörper

In der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in London grassiert das Virus besonders schlimm.

March 21 2019 London England United Kingdom Jewish teenagers dance on the streets of Stamford
So ausgelassen wie 2019 unter diesen Jugendlichen kann das Purim-Fest in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nicht gefeiert werden. Foto: Imago Images

„Coronavirus cases are high in Hackney“ steht auf den Plakaten, die im Londoner Stadtbezirk Hackney an den Laternenmasten hängen. Sie ermahnen: Hände waschen, Maske tragen, Abstand halten. Im einstigen Arbeiterviertel in Nordlondon leben überwiegend ethnische Minderheiten, man sieht viele Schwarze, Araber, Pakistaner auf den Straßen. Von der U-Bahn-Station Seven Sisters eine Meile weiter, in Stamford Hill, einem kleinen Hügel in Hackney, ändert sich abrupt das Bild: Hier sieht man plötzlich bärtige ultraorthodoxe Juden in schwarzen Mänteln und mit großen runden Pelzhüten, Buben mit Schläfenlocken und Frauen mit Perücken, einen Kinderwagen vor sich herschiebend.

Nirgends in Europa gab es so viele Ansteckungen

Hier in Stamford Hill spielt sich ein Corona-Drama besonderer Art ab. In keinem anderen Teil der Stadt und wohl nirgends in Europa gab es schon so viele Ansteckungen mit dem Virus wie in der jüdischen ultraorthodoxen Gemeinde Londons. Zwei Drittel (64 Prozent) waren schon oder sind infiziert. Das ist das Ergebnis einer großen Untersuchung der London School of Hygiene and Tropical Medicine (LSHTM), einem College der University of London.

Die ermittelte Corona-Rate in der ultraorthodoxen Gemeinde liegt bis zu neunmal über dem landesweiten Durchschnitt Großbritanniens, der auf sieben bis neun Prozent geschätzt wird, und ist „eine der höchsten weltweit“, so die Wissenschaftler. Die Mediziner haben für ihre Untersuchung eng mit der Gemeinde und Rabbinern zusammengearbeitet. Sie haben Blutproben von insgesamt 1 242 Mitgliedern der orthodoxen Gemeinde erhalten und auf das Virus Sars-Cov-2 getestet. Bei fast zwei Dritteln fanden sie Antikörper gegen das Virus, das heißt, sie sind schon infiziert gewesen.

Beengte Wohnverhältnisse

Da die Proben im November und Anfang Dezember genommen wurden, vor der zweiten Corona-Welle, dürfte die kumulierte Infektionsrate inzwischen noch höher sein. Unter den Erwachsenen und älteren Jugendlichen lag sie schon im Dezember bei 75 Prozent; bei den Kindern unter fünf Jahren hatten 28 Prozent schon das Virus schon. Männer waren stärker betroffen als Frauen. Auf etwa 15 000 Personen wird die ultraorthodoxe jüdische Gemeinde zumeist chassidischen Ursprungs in Stamford Hill geschätzt. Die extrem hohe Infektionsrate führen viele auf die beengten Wohnverhältnisse zurück. In der Gegend um den Hügel, wo die meisten Ultraorthodoxen in kleinen Häusern oder Sozialblocks aus dem frühen 20. Jahrhundert leben, sind die Wohnungen meist überfüllt. Die ultraorthodoxen Juden haben viel Nachwuchs, durchschnittlich etwa fünf Kinder je Frau; deshalb wächst die Gemeinde auch schnell. Und die Großfamilien mit mehreren Generationen unter einem Dach können kaum Abstand halten, wie es der Gesundheitsdienst NHS empfiehlt.

Schwer erreichbar

Zugleich ist es aber auch schwierig, die strikten Orthodoxen mit medizinischem Rat zu erreichen, heißt es aus der Kommunalverwaltung Hackney. Die Ultraorthodoxen hätten „kein TV, Radio, Mainstream-Medien und wenig Zugang zum Internet“, wird die Verwaltung in der „Times“ zitiert. Die Gemeinde schickt deshalb Sozialarbeiter mit Flugblättern von Tür zu Tür, schaltet Anzeigen im orthodoxen Gemeindeblatt und die Ärzte senden SMS-Nachrichten an Patienten.

Am Metallgitter an der Schule Beis Ruchel d'Satmar hängt ein breites Schild mit hebräischer Schrift, Warnungen bezüglich Corona. Der einzige englische Satz lautet: „Bitte halten sie immer 2 Meter Soziale Distanz ein.“ Aber genau daran hapert es oft. Vor kurzem fand wieder eine Hochzeitsfeier in der Yesoday Hatorah Mädchenschule statt, 150 Gäste kamen dort für ausgelassene Tänze zusammen. Niemand trug eine Maske. Die Polizei hat inzwischen eine Strafe von 10 000 Pfund wegen Verstoßes gegen Lockdownregeln verhängt, meldete der „Jewish Chronicle“. Die Union der Orthodoxen Hebräischen Kongregationen nannte es „absolut beschämend, dass die Veranstaltung stattgefunden hat“. Diese Hochzeitsfeier soll aber nur die Spitze des Eisbergs sein, heißt es in einem langen investigativen Bericht der „Jewish News“, die von mehr als 50 Feiern mit tausenden Gästen in dieser und anderen Schulen und Synagogen sprechen. Bei manchen Feiern trafen sich bis zu 300 Menschen. Zahlreiche Gäste und auch eine Braut sollen mit Corona infiziert gewesen sein.

Der Glaube an die Herdenimmunität

Vor den Gebäuden standen manchmal Wachposten, die Alarm schlugen, wenn die Polizei aufkreuzte. „Über Monate haben sie alle Regeln gebrochen“, lautete die Überschrift der Zeitung. Warum die Gäste sich nicht vor dem Virus fürchten? „Viele strikt orthodoxe Juden in Nordlondon glauben, dass sie einen kollektiven Antikörper besitzen, wurde uns wiederholt gesagt“, so die Zeitung. „Sie glauben, dass sie Herdenimmunität haben“, erklärte ein Beobachter der „Jewish News“.

Die Wissenschaftler der School of Hygiene and Tropical Medicine halten sich mit solchen Spekulationen zurück. Sie hätten keine Beweise dafür, dass die hohe Infektionsrate auf Regelverstöße zurückzuführen sei. Ihr Bericht hebt eher die überfüllten Häuser und die schlechten Lebensbedingungen vieler ultraorthodoxer Gemeindemitglieder hervor. Viele sind arbeitslos, viele leben von Sozialhilfe. Der Rabbi Herschel Gluck sagte in der „Times“, dass die Gemeinde sehr wohl über die Pandemie und die Hygieneregeln Bescheid wisse. „Es ist sehr schmerzvoll, die Situation zu sehen“, sagt er. Professor Michael Marks von der LSHTM betonte, dass die Gemeinde sich bemühe, alle Corona-Regeln einzuhalten. Der mehrseitige investigative Bericht der „Jewish News“ deutet eher auf das Gegenteil hin.

Schutzlos an der Synogoge

Am Freitagabend, kurz vor Beginn des Sabbats, sieht man in Stamford Hill hunderte Männer und Jungen. Sie eilen zu den Synagogen, die in eher unauffälligen älteren Backsteinhäusern an der Straße eingerichtet sind. Dort angelangt, stehen sie in dichten Gruppen und unterhalten sich. Mund-Nasen-Schutz trägt keiner.

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