Katholisch? Ohnehin auf dem Radar

Der Pfarrer Armin Bernhard erfuhr beim Lesen seiner Stasi-Akte, dass sein Bruder ihn als „IM“ observierte. Von Barbara Bönnemann
Foto: Bönnemann | Pfarrer Armin Bernhard.
Foto: Bönnemann | Pfarrer Armin Bernhard.

Bis zum Mauerbau im Jahre 1961 verließen jährlich weit über hunderttausend Einwohner die DDR. Dass Armin Bernhard 1958 – ganz im Gegensatz hierzu – unbedingt in die DDR „einwandern“ wollte, war außergewöhnlich. Er war damals gerade 26 Jahre alt und war kurz davor in Rom zum Priester geweiht worden. Aufgewachsen als einer von fünf Brüdern in einer katholischen Familie in Leipzig, machte er mit 16 Abitur und entschloss sich, Theologie zu studieren. Da dies 1948 in der sowjetischen Besatzungszone nicht möglich war, begann er sein Studium in Westdeutschland und setzte es ein Jahr später an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom fort. Nach seinem Studium bekam er Angebote aus Südamerika, um dort als Professor für Kirchenrecht zu wirken. Doch „ich wollte mit allen Mitteln zurück in meine Heimat im Osten“, erzählt er heute. Im Ausland geweihten Priestern wurde die Einreise in die DDR jedoch nur als Besucher gestattet. Seine Mutter in Leipzig hatte ihm eine Aufenthaltsgenehmigung besorgt, allerdings konnten die Grenzkontrolleure schon anhand von Größe und Inhalt seines Gepäcks seinen Beruf erkennen. Einige Tage später gelang es ihm mit deutlich unauffälligerem Gepäck, an einer anderen Übergangsstelle dann doch in die DDR hineingelassen zu werden.

Nach zwei Wochen in einem Übergangslager, wo er von Polizei und Stasi durchleuchtet wurde, arbeitete er zunächst als Transportarbeiter in einer Marmeladenfabrik und später in der Pharmaproduktion. Aufgrund von abgehörten Telefongesprächen – so vermutet Armin Bernhard heute – behielt die Stasi ihn aber im Visier und versuchte bald, ihn unter Druck zu setzen. Sie warf ihm vor, sich in die DDR eingeschlichen zu haben und mit Jesuiten in Verbindung zu stehen, die mit westlicher Kirchenliteratur angeblich „Boykott-Hetze“ gegen den Staat betrieben. Glücklicherweise bürgte der Bischof von Bautzen, Otto Spülbeck, für ihn und bot ihm eine Stelle in der Kirchenverwaltung an. Rasch wurde er Sekretär, dann Domvikar, Studentenpfarrer in Chemnitz und Seelsorger im Priesterseminar in Neuzelle. Von 1972 an arbeitete er sechs Jahre lang in der Psychiatrie des kirchlichen Krankenhauses in Berlin-Weissensee und erhielt dann die Aufgabe, in Erfurt ein einheitliches Kirchen-Gericht für alle Ost-Bistümer aufzubauen.

Es war Pfarrer Bernhard in all den Jahren durchaus bewusst, dass die Stasi sich für ihn interessiert. Denn der Staat fürchtete die „Diversion“, jegliche Form abweichenden Denkens neben der offiziellen Parteilinie. Und die Kirche samt ihren Einrichtungen war die einzige Institution in der DDR, die politisch nicht gleichgeschaltet war. „Wir haben schon durch die Art und Weise, wie wir mit den Menschen umgegangen sind, gegen die Partei gearbeitet. Selbst Widerstandsgruppen fanden bei uns ein Dach, unter dem sie frei agieren konnten“ – so sein Kommentar.

Kurz nach der Wende beantragte Armin Bernhard in Erfurt Einblick in seine Akten. In den wenigen Karteikarten, die man ihm zur Verfügung stellte, fand er nichts Bedeutendes. Was ihn damals aber bewegte war die „Diaspora-Situation“ der Christen in der DDR, in Leipzig sind es 12 Prozent. Für Armin Bernhard Anlass, den Bischof um eine „Pfarrei zur Mission“ zu bitten. Diesen Wunsch erfüllt ihm der Bischof und ernennt ihn zum Pfarrer von „St. Anna“ in Taucha bei Leipzig, seiner Heimatstadt. Dort bleibt er auch noch nach seinem offiziellen Ruhestand im Jahr 2008 bis vor einigen Monaten aktiv, lebt jetzt aber in Berlin, wo er immer noch Messen liest und Predigten hält.

Eher zufällig kommt er bei einem Gespräch auf die Idee, noch einmal seine Stasi-Unterlagen anzufordern. Bei seiner ersten Anfrage vor 20 Jahren war die Behörde erst gegründet worden. Inzwischen ist das Schriftgut des Archivs auf eine Länge von 111 Kilometern angewachsen.

Über zwei Monate dauerte es, bis er in den Besitz seiner Akten kommt. Keine Karteikarten, wie Anfang der 90er Jahre in Erfurt, sondern 130 DIN-A-4-Seiten. Und das, obwohl sie schon 1961 endet: abgeschlossen mit der Nachricht vom Tod seines Bruders Joachim.

Pfarrer Bernhards Erstaunen ist groß. Aber die auf den ersten Blick beinahe unfassbare Erklärung findet sich schnell: Ja, sein Bruder hatte bis zu seinem Tode als „GM“ (Geheimer Mitarbeiter) für die Stasi gearbeitet. Normalerweise ein großer Schock für die Betroffenen, wenn sie erfahren, dass die Stasi Information durch Familienmitglieder erhalten hat. Nicht so für Armin Bernhard: „Ich war zwar außerordentlich überrascht, als ich auf der ersten Seite der Unterlagen seine Unterschrift sah, doch wie er sich letztlich verhalten hat, ist aller Ehren wert.“ In der Tat sind die Mitteilungen von Joachim Bernhard über seinen Bruder eher nichtssagend und oberflächlich. Die Stasi beschwert sich denn auch darüber. Man schätzt ihn so ein, dass er nicht gerne über andere Leute rede. Andererseits habe er „eine positive Einstellung zur Entwicklung der DDR“ – so die Akte – und sei ein Sowjetunion-Spezialist. Jede Begegnung der Brüder wird in der Akte minutiös festgehalten, ebenso die Kopien ihrer Privatkorrespondenz und die Aufenthaltsorte von Armin Bernhard. Einen großen Teil bilden Berichte über den „Werdegang“ von Joachim Bernhard zum „IM“, der seit Juli 1955 unter dem Decknamen „Rolf Berger“ für das Ministerium für Staatssicherheit arbeitete. „Mein 10 Jahre älterer Bruder ist im März 1955 als überzeugter Kommunist aus Russland zurückgekehrt, und schon drei Monate später hat die Stasi Kontakt mit ihm aufgenommen. Er hat im Dresdner VEB Vakutronik als Laborleiter bei der Herstellung von Geigerzählern mitgearbeitet. Und da ich mich oft mit ihm getroffen habe, wurde ich von der Stasi sogar auch als Atomspion im Dienst des Vatikans eingestuft. Das Hauptmotiv ihrer Observation war natürlich, auf diesem Wege die Einstellung des Bischofs und damit der Kirche zu erfahren.“

Die katholische Kirche in der DDR hatte sehr enge Kontakte zu ihrer „anderen Hälfte“ in der BRD, was durch gegenseitige Besuche untermauert wurde. „Der „Abschirmungseffekt“ sollte verhindern, dass man im Westen nicht das wahre Leben im Sozialismus kennenlernt. Außerdem hatte man Angst davor, dass die DDR-Bürger durch Ideen beeinflusst werden“, sagt Christian Halbrock, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Stasi-Behörde, dessen Forschungsschwerpunkt die Geschichte der Kirche in der DDR ist. „Und wer als Katholik Kontakte mit Rom hatte, befand sich ohnehin auf dem „Radarschirm“ und wurde prophylaktisch observiert. Pfarrer Bernhard war also verdächtig und von Interesse.“

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