Mexiko-Stadt

Kathedrale von Mexiko-Stadt: Sinkendes Gotteshaus

Die Himmelfahrtskathedrale in Mexiko-Stadt steht auf keinem soliden Boden.

Himmelfahrtskathedrale in Mexiko-City
Katholizismus auf die schräge Art: Die Himmelfahrtskathedrale in Mexiko-City gilt bis auf Weiteres als nicht mehr gefährdet. Foto: Imago Images

Bis zur Jahrtausendwende galt die Metropolitan-Kathedrale von Mexiko-Stadt als gefährdetes Kulturgut; wie durch ein Wunder konnte sie gerettet werden. Als der spanische Konquistador Hernán Cortéz am 3. November 1519 den letzten Gebirgspass zu Füßen des Vulkans Popocatépetl hinter sich gelassen hatte, eröffnete sich ihm der Blick in die Herzkammer des Aztekenimperiums – das Becken von Mexiko, eine auf 2 000 Metern über dem Meeresspiegel gelegene Hochebene. Alle an den Hängen der umgebenden Berge entspringenden Fließgewässer mündeten im Zentrum des Tals in ein riesiges, zusammenhängendes System von fünf Seen. Die Ufer waren dicht besiedelt und die Ureinwohner ernährten sich vom Fisch- und Vogelfang sowie vom Maisanbau, für den sie fruchtbaren Schlamm vom Grund der Gewässer in mit Flechtwerk befestigte „Chinampas“ schaufelten; die berühmten „schwimmenden“ Felder der Azteken.

Montezumas Hauptstadt

Inmitten der weiten, schimmernden Wasserflächen aber prunkte México-Tenochtitlán, die glanzvolle Hauptstadt des Kaisers Montezuma. Wie ihr europäisches Pendant wurde das „Venedig der Neuen Welt“ auf mehreren schlammigen Inseln errichtet. Demzufolge durchzog eine Vielzahl von Kanälen die Kapitale, deren Name in etwa „Tenóhtsch-Títlan“ mit langem o und Betonung auf dem i ausgesprochen wird. Die Wasserversorgung erfolgte über Aquädukte, Stadtmauern waren unnötig und mit geschätzten 250 000 Einwohnern zählte sie zu den größten Städten der damaligen Welt. Auf den nach Branchen sortierten Marktplätzen gab es alles, was das Herz der Neuen Welt begehrte – von Kunstwerken aus bunten Federn und Messern aus Vulkanglas über Kakaobohnen und Tomaten bis hin zum Vorfahren der niedlichen Chihuahuas, wobei die besseren Freunde der Menschen wohl vor allem als Fleischlieferanten dienten.

Zwei Jahre später lagen weite Teile der schwimmenden Metropole in Trümmern, Kanäle waren zugeschüttet und Dämme eingerissen worden. Anders als die bekannte Legende es erzählt, war es aber weniger ein Häufchen zu allem entschlossener Spanier, das dem aggressiven Imperialismus der Azteken ein Ende bereitete, als vielmehr die Verbündeten der Europäer – zum einen die Pocken, die unerkannt in deren Gepäck mitreisten, und zum anderen jene indigenen Völker, die unter dem Terror-Regime der Herren von Tenochtitlán zu leiden hatten; allen voran die Tlaxcalteken hatten keine Lust mehr, sich versklaven oder auf den Altären der Aztekengötter opfern zu lassen. Nach einer fast dreimonatigen, von allen Seiten mit äußerster Grausamkeit geführten Belagerung brach der letzte Widerstand am 13. August 1521 zusammen und der Aztekenstaat ging im Weltreich König Carlos? I. von Spanien auf; in Deutschland ist er als Kaiser Karl V. bekannt, in dessen von der Adria bis zum Pazifik reichendem Reich „die Sonne nie unterging“.

Beginn des Raubtier-Kapitalismus

Das Gold, mehr noch das Silber aus den Kolonien beflügelte einen Raubtier-Frühkapitalismus, der sich erstmals zu einer globalen Dimension aufschwang – „Plus ultra!“ war der Wahlspruch, „Immer weiter!“; alles schien möglich. Erst allmählich wurde man sich in Europa der ungeheuren Dimensionen jener Gebiete bewusst, welche die Konquistadoren auf ihren Raubzügen da zusammeneroberten. Dementsprechend hinkten sowohl die weltlichen als auch die geistlichen Verwaltungsstrukturen der Realpolitik um mindestens ein Jahrzehnt hinterher. Schon 1521 hatte Cortéz beschlossen, die zerstörte Stadt nach spanischem Muster als Ciudad de México (Mexiko-Stadt) wieder aufbauen zu lassen, 1530 machte sie Papst Clemens VII. zum Bischofssitz und erst fünf Jahre nach dem ersten Bischof wurde der erste Vizekönig von Neu-Spanien ernannt. Als Kathedrale diente die Iglesia Mayor, die Hauptkirche der neuen Kolonie, die zwischen 1524 und 1532 in der Südwestecke des aztekischen Tempelbezirks errichtet worden war.

Als Baumaterial hatte das Mauerwerk der gleich nebenan abgebrochenen, aztekischen Hauptpyramide gedient. Das Patrozinium dieses ersten Gotteshauses ist nicht bekannt. Die literarische Überlieferung gibt Anlass zur Mutmaßung, dass die kleine, dreischiffige Basilika dem Heiligen Franziskus geweiht gewesen sein könnte, zumal der Franziskanerorden seine erste Missionsniederlassung in unmittelbarer Nachbarschaft hatte. Nachdem Mexiko 1546 zum Erzbistum erhoben wurde, war die alte Kirche zu klein. Nach den Plänen des spanischen Architekten Claudio de Arciniega wurde 1573 der Grundstein zur heutigen Metropolitan-Kathedrale zur Himmelfahrt Mariä gelegt; der ältesten und mit einer Länge von 128, einer Breite von 59 und einer Turmhöhe von 67 Metern auch größten Kathedrale des amerikanischen Kontinents.

Schlickboden und Überschwemmungen

Doch schon bald nach der Grundsteinlegung sahen sich die Dombaumeister mit unerwarteten Herausforderungen konfrontiert. Der weiche Schlickboden der Insel war für so einen Riesenbau nicht ausgelegt – er gab nach, das Bauwerk senkte sich; allerdings nicht gleichmäßig. Während im Osten und Norden aztekische Fundamente das Gebäude stabilisierten, sanken die Bauteile im Süden und Westen sehr viel schneller in den Seegrund. Um einen Einsturz abzuwenden, verzichtete man auf soliden Kalkstein und setzte auf leichteres Vulkangestein als Baumaterial. Zusätzlich verlängerte man die südlichen Säulen um einen Meter, um die Höhendifferenz auszugleichen. Als die Kathedrale 1813 endlich fertig war, hatten Renaissance, Barock und Klassizismus ihre Spuren an dem Bauwerk hinterlassen, doch „Montezumas Rache“ sollte das Gotteshaus weiter fest im Griff behalten.

Weil man die alten Be- und Entwässerungskanäle verrotten ließ, war es schon in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu einer Reihe von immer gravierenderen Überschwemmungen gekommen; einmal stand das Wasser über zwei Meter hoch in der Stadt – fünf lange Jahre! Es kursierten schon Pläne, die Inselhauptstadt aufs Festland zu verlegen. Stattdessen aber entschied man sich, die umgebende Seenplatte trockenzulegen und das Becken von Mexiko künstlich zu entwässern, was einen bereits von den Azteken in Gang gesetzten Teufelskreis beschleunigte. Der Grundwasserspiegel senkte sich, Teile des Beckens versteppten, Brunnen versiegten – um den steigenden Wasserbedarf zu decken, musste man schon im 19. Jahrhundert Tiefbrunnen graben. Durch die Wasserentnahme wurde aber wiederum der weiche Boden zusätzlich destabilisiert.

Vom Einsturz bedrohtes Stadtzentrum

Pro Jahr sinkt Mexiko-Stadt seither um bis zu 20 cm; die Oberfläche wellt sich, das historische Zentrum ist einsturzgefährdet; auch die Himmelfahrtskathedrale. Jeder Quadratmeter unter dem 127 000 Tonnen schweren Koloss ist mit durchschnittlich 16,6 Tonnen belastet; sie neigt sich nach Südwesten. Ende der 1980er Jahre betrug die Schlagseite zwischen dem höchsten Punkt in der Sakristei und dem tiefsten im südwestlichen Glockenturm bereits zweieinhalb Meter – Titanic-Gefühle in der Kirchenbank. Große Risse taten sich in der Kuppel auf sowie zwischen dem Dom und dem daran angebauten, hochbarocken „Sagrario metropolitano“; das Sakramentshaus sinkt langsamer als die Bischofskirche und neigt sich obendrein in die entgegengesetzte Richtung.

Mit sehr viel Gottvertrauen wagte man sich zu Beginn der 1990er Jahre an ein bis dato noch nie erprobtes Verfahren. Um ein Auseinanderbrechen zu verhindern, wurden unter der Kathedrale bis zu 30 Meter tiefe Bohrlöcher ausgeschachtet und Korrekturpfähle eingesetzt, die bis in die Gewässersohle reichen; an den höheren Stellen wurde zusätzlich Erdreich entnommen. Dadurch und durch aufgestellte Druckgewichte gelang es, die unterschiedlichen Niveaus um bis zu 90 cm einander anzugleichen. Zur Jahrtausendwende konnten die Gerüste abgebaut, die 700 riesigen Schraubzwingen entfernt und die Metropolitankathedrale zur Himmelfahrt Mariens von der UN-Liste der besonders gefährdeten Kulturgüter gestrichen werden. Zwar sinkt das Gotteshaus noch immer – aber gleichmäßig, so dass dieser Schatz des Christentums als gerettet angesehen werden kann, zumindest vorerst!

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