Jüdisches Leben in Köln geht weiter

Vor 50 Jahren wurde die wiederhergestellte Synagoge in der Roonstraße eingeweiht

Köln (DT) In der fast 1700-jährigen Geschichte der Jüdischen Gemeinde von Köln ist der 17. Elul 5719 ein herausragendes Datum. Doch nicht nur für die jüdischen Bürger, sondern für die gesamte Stadtgesellschaft der Domstadt und weit darüber hinaus war jenes Datum des jüdischen Kalenders – nach weltlicher Lesart der 20. September 1959 – ein symbolträchtiges Datum. Denn an diesem Tag wurde nach zweijähriger Bauzeit die wiederhergestellte Synagoge, ein ebenso markantes wie stadtbildprägendes Gebäude, eingeweiht – morgen vor 50 Jahren, denn der 17. Elul fällt/fiel in diesem Jahr auf den 6. September.

Inzwischen gehört das jüdische Gotteshaus an der Roonstraße ebenso selbstverständlich zum Rathenauviertel wie der Dom zu Köln. Inmitten eines der kölschesten Stadtviertel hat sich in den vergangenen Jahren eine der größten jüdischen Gemeinden Deutschlands etabliert. Das war vor 50 Jahren noch anders. Den Tag der Wiedereröffnung des im Krieg so zerstörten Gotteshauses beherrschte natürlich noch viel stärker und unmittelbarer als bei vielen festlichen Anlässen in der Gegenwart die von eigenem Erleben oder Mitleiden geprägte Erinnerung unter der gerade einmal 14 Jahre zuvor beendeten Schoah.

Das wusste auch Bundeskanzler Konrad Adenauer bei der Wiedereröffnung: „Wenn wir so unsere leidvolle Erinnerung miteinander teilen, dann glaube ich, teilen wir auch miteinander nicht ein Vergessen – die Erinnerung muss bleiben –, aber wir teilen miteinander doch auch die Hoffnung, die Gewissheit auf eine andere, gute Zukunft.“ Der damalige Kölner Rabbiner, Zvi Assaria, hoffte damals, dass „die Bundesrepublik Deutschland ein Hort der Ordnung und ein Schutz des Rechts“ sein möge. Der Rabbiner dachte wohl auch schon an frühere Einlassungen und Aktionen des ersten Bundeskanzlers. So hatte sich Adenauer schon sehr früh um die Revitalisierung jüdischen Lebens in Deutschland bemüht. „Es versteht sich von selbst, dass den jüdischen Gemeinden Genugtuung geschehen und das ihnen nach Kräften geholfen werden muss“, schrieb er im April 1947 an den ersten Vorsitzenden der Kölner Synagogen-Gemeinde. Und in seiner kurzen Zeit als Oberbürgermeister von Köln unmittelbar nach Kriegsende hatte er veranlasst, dass städtische Autobusse in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Theresienstadt fuhren, um die aus Köln stammenden Häftlinge zurückzuholen. Zvi Asaria schrieb in einem Buch über die Juden von Köln, dass die Häftlinge auf ihre Brüder und Schwestern warteten und „mit Tränen in den Augen ihre Blicke zu den kahlen Wänden, zum Bild des Kölner Doms, den sie an die Wände gemalt hatten, wandten“.

Wie groß die Gruppe jener Kölner jüdischen Glaubens war, die dann in den Nachkriegsjahren die Kraft aufbrachte, in die völlig verwüstete Heimatstadt zurückzukehren und die jüdische Gemeinde wieder aufzubauen, von deren Mitgliedern etwa 11 000 unter den Nationalsozialisten getötet wurden, lässt sich nicht mehr genau sagen. Die Angaben schwanken zwischen 30 und 80 Personen. Sicher ist aber: Vier Jahre nach Kriegsende konnte im Stadtteil Ehrenfeld, dort, wo die heutige Gemeinde seit einigen Jahren ein Jüdisches Wohlfahrtszentrum betreibt, behelfsmäßig ein Raum als Synagoge genutzt werden. Später konnte dann, auch durch die finanzielle Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen, der Wiederaufbau an der Roonstraße betrieben werden. Bis heute unterstützt das Land aus Mitteln der Stadterneuerung bei entsprechenden Anträgen jüdische Einrichtungen – zuletzt etwa bei der Umnutzung einer ehemaligen Bielefelder Kirche in eine Synagoge. Im Jahr 2007 flossen 600 000 Euro in die Restaurierung und Instandsetzung der ehemaligen Synagoge von Titz-Röding.

Zurück nach Köln und zur Gründungsphase der Synagoge. Als Ende des 19. Jahrhunderts die jüdische Gemeinde in Köln auf nahezu 10 000 Mitglieder angewachsen war, wurde der Bau einer neuen Synagoge beschlossen. So entstand zusätzlich zum repräsentativen Gotteshaus im maurischen Stil an der Glockengasse ein neues jüdisches Gotteshaus im neoromanischen Stil. Nach den Plänen der Architekten W. E. Schreiterer und B. Below wurde sie von 1895 bis 1899 unweit vom Königsplatz errichtet, der seit 1922 Rathenauplatz heißt.

Internationale Aufmerksamkeit erlangte der tuffsteinverkleidete Gebäudekomplex zuletzt 2005, als Papst Benedikt XVI. während des Weltjugendtages in Deutschland eine Synagoge besuchte. „Nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Heerscharen“, steht in hebräischen Schriftzeichen über den Fensterbögen der dreibogigen Portalanlage. Allerdings blieb auch das letzte von einstmals sieben jüdischen Gotteshäusern in Köln nicht vor Anfeindungen verschont. Bereits in der Nacht von Heilig Abend zum ersten Weihnachtstag 1959 wurde die wiedererrichtete Synagoge mit Hakenkreuzen beschmiert.

„Ich bin sehr positiv überrascht über die vielfältige Erinnerungskultur in Deutschland, aber eben auch den Umgang hier in Köln und im Stadtviertel“, sagt Gemeinderabbiner Jaron Engelmayer. Der 33 Jahre alte Züricher steht seit rund einem Jahr an der Spitze der Synagogen-Gemeinde. Er sagt aber auch: „Erst wenn es die Gewissheit gibt, dass ich mich als Jude gefahrlos auf der Straße bewegen kann und ganz selbstverständlich als Jude wahrgenommen werde, ist das Normalität.“ Diese Gewissheit gibt es noch nicht: Am Sabbat oder an bedeutenden jüdischen Fest- und Feiertagen muss immer ein Streifenwagen der Polizei am Straßenrand auf Wache stehen.

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