Auf der Flucht

Irakische Handschriften vor dem IS gerettet

Über 800 Jahre alte aramäische Manuskripte und andere christlichen Kunstschätze im Irak waren durch den IS bedroht. Ein mutiger Dominikanerpater setzte sich für ihre Rettung ein.
Dominikanerpater Michaeel
Foto: Kirche in Not | Der Dominikanerpater Michaeel, hier vor seiner Ernennung zum Erzbischof, packte die wertvollen Manuskripte 2014 in zwei Jeeps und flüchtete aus der vom IS angegriffenen Stadt Qaraqosh ins irakische Kurdengebiet.

Schon vor seiner Reise in den Irak hat sich der Papst in der Vatikan-Bibliothek ein 600 Jahre altes christliches Manuskript zeigen lassen, das von einem chaldäischen Priester vor dem Zugriff des IS gerettet worden war und zuletzt in Italien restauriert worden ist. Beim Besuch des Papstes soll es der Gemeinde von Qaraqosh zurückgegeben werden. Bevor der IS im Jahr 2014 in die Ninive-Ebene einfiel und viele christliche Stätten verwüstete, hatten Priester Handschriften entweder auf ihre Flucht in die Kurdenregion um Erbil mitgenommen oder an sicheren Plätzen eingemauert. Einige christliche Kulturschätze fielen jedoch dem IS in die Hände, aber nicht alle wurden von den Islamisten zerstört, weil sie damit Geld verdienen wollten. So konnten einige dieser Kunstwerke nach der Rückeroberung des IS-Gebietes im Nord Irak wiedergefunden werden.

Christliches Ursprungsland

Der Irak kann wie Palästina, Syrien und Ägypten wegen seiner vielen biblischen Bezüge als Ursprungsland des Christentums bezeichnet werden. Wie in Ägypten hat es sich im Irak auch mit einer vorchristlichen Hochkultur, nämlich der des Zweistromlandes Mesopotamien verbunden. Dies zeugte von der Kraft dieses Christentums, auch vorchristliche Kulturen sich zunutze zu machen. Ähnlich wie in Ägypten übernahmen auch die Christen Mesopotamiens die Sprache und Kultur der vorchristlichen Hochkultur, um sich zu akkulturieren. Davon zeugen noch heute das Assyrische als Kirchensprache und der chaldäische Ritus. Aber obwohl in Ägypten das Koptische heute nur noch Liturgiesprache der dortigen Christen ist, bilden die koptischen Christen, die mittlerweile Arabisch miteinander sprechen, heute noch zehn Prozent der Bevölkerung. Im Irak ist das Assyrische heute noch Mutter- und Kultsprache der Christen, aber die irakischen Christen sind infolge des immensen Verfolgungsdrucks der letzten 20 Jahre von 3,5 auf 0,5 Prozent der Bevölkerung herabgesunken. Das zeigt die historische Dimension der Entwicklungen im Irak.

Eine zentrale Rolle für die Christen im Irak spielte die Stadt Mosul, die auf den Ruinen der alten Assyrerhauptstadt Ninive am Tigris gegründet wurde. Diese Stadt war drei Jahre lang Hauptstadt des IS-Kalifats. Die mesopotamische Kirche, an der Grenze zwischen römisch-byzantinischem und persischem Reich, war von Anfang an eine politisch zerrissene Kirche. Von Anfang an war sie auch eine Märtyrerkirche; vor allem auf der östlichen Seite wurde die Kirche schon durch die persischen Sassaniden hart verfolgt, während sie im Byzantinischen Reich zur Reichskirche wurde.

Das letzte Wort wird der Frieden haben

Lesen Sie auch:

Als die Muslime 641 Mesopotamien eroberten, verbündete sich ein Teil der vordem verfolgten Christen sogar zunächst mit dem Islam und erlebten eine ungeahnte Blüte, die die assyrisch-nestorianische Kirche zur ersten Weltkirche machte, mit Missionen bis ins Reich der Mitte, in China. Mit dem Konzil von Florenz im 15. Jahrhundert fanden einige Teile der mesopotamischen Ostkirchen zur Union mit der Kirche von Rom.

Sowohl von der westsyrisch-jakobitischen Kirche als auch von der ostsyrisch-nestorianischen Kirche spalteten sich Teile ab und erkannten den Papst an. So entstanden die chaldäische Kirche und die syrisch-katholische Kirche, die jedoch ihre alte Liturgie und ihre assyrische Kirchensprache bewahrten. Die chaldäische Kirche gründete sogar ihr Patriarchat im Irak. Der Irak wurde so zum Raum einer frühen Ökumene. Seit dem 16. Jahrhundert kamen viele katholische Missionare auf ihren Reisen nach Indien und China durch den Irak. Als erstes ließen sich im 16. Jahrhundert die Kapuziner in Mosul nieder, ihnen folgten die Dominikaner. Im 19. Jahrhundert gründeten die Dominikaner in Mosul die erste Druckerei im Irak und gründeten zahlreiche Schulen. Der Dominikanerorden betrieb im Kloster der Al Sa'a (Uhr-Kloster) auch ein Buch- und Manuskriptenarchiv. Dieses Archiv enthielt fast 850 alte Manuskripte in Aramäisch, Arabisch und anderen Sprachen. Zahlreiche Briefe und etwa 50 000 Bücher bildeten das kulturelle und historische Erbe und Gedächtnis Mesopotamiens in der Theologie, Philosophie, Astrologie, Astronomie und Medizin.

Flucht mit zwei Pickups

Letzter Leiter dieses Zentrums war der irakische Dominikaner Najeeb Michaeel. Mit dem Vormarsch des „Islamischen Staates“, der für seine Menschen- und Kulturfeindschaft bekannt war, 2014, schien dies alles vor dem Ende. Da die Angriffe auf Kirchen in Mosul schon zugenommen hatten, lange bevor der IS entstand, – seit der US-Invasion von 2003 waren im Irak mindestens fünf Priester und ein Bischof ermordet worden –, begann Pater Najeeb schon 2007 mit der Verlagerung dieses Archivs ins Zentrum der christlich besiedelten Ninive-Ebene, in die christliche Stadt Qaraqosh, 30 km von Mosul entfernt, wo keine Muslime lebten.

Ende Juli 2014 flüchtete Pater Michaeel an der Spitze von tausenden Christen und zwei Pickups mit den Manuskripten aus Qaraqosh ins irakische Kurdengebiet, dem einzigen christenfreundlichen Gebiet im ganzen muslimischen Nahen Osten. Dort in Erbil eröffnete Pater Michaeel mit zwei Mitbrüdern seines Dominikanerordens das „Oriental Manuscript Digitization Centre“ (OMDC), das alte Manuskripte aus dem ganzen Irak scannt. Von der kurdischen Hauptstadt Erbil aus kopierten er und ein Team von christlichen und muslimischen Experten digital Tausende von chaldäischen, syrischen, armenischen und nestorianischen Manuskripten.

Ein neuer Erzbischof

Als Pater Michaeel 2017 nach der Befreiung vom IS nach Mosul zurückkehrte, um an der ersten Weihnachtsmesse nach dem IS teilzunehmen, fand er seine Kirche in Trümmern vor. Der Turm mit der Uhr war verschwunden, das Kloster war in ein Gefängnis umgewandelt worden, Räume waren zu Werkstätten für Bomben und Sprengstoffgürtel umfunktioniert worden, und Galgen hatten den Kirchenaltar ersetzt. Aber Pater Najeeb gab die Hoffnung nicht auf: „Das letzte Wort wird der Frieden haben, nicht das Schwert“, sagte er.

Ein Jahr später wurde der 63-jährige Najeeb Michaeel zum neuen chaldäischen Erzbischof von Mosul, dem ersten nach dem IS, ernannt und in der St. Paulus-Kirche in Mosul geweiht. Der französischen Nachrichtenagentur AFP sagte er damals: „Unsere Botschaft an die ganze Welt und an die Menschen in Mosul ist eine Botschaft der Koexistenz, der Liebe und des Friedens zwischen allen verschiedenen Gemeinschaften in Mosul und das Ende der Ideologie, die der IS hierhergebracht hat.“ Im Herbst 2020 war Erzbischof Michaeel für den Sacharow-Preis des Europaparlamentes nominiert. Die Dokumente, die er zu retten half, wurden inzwischen digitalisiert und, falls notwendig, in Frankreich und Italien restauriert und ausgestellt, das OMDC hat heute zehn Mitarbeiter, darunter auch Forscher aus Frankreich, Italien und Kanada.

Nur wenige Christen kehren zurück

Aber auch dem IS waren einige kostbare Manuskripte in Mosul in die Hände gefallen, die er jedoch nicht zerstörte, weil er sie verkaufen wollte. Nach der Rückeroberung der Stadt Mosul fielen Dutzende von solchen versteckten christlichen Manuskripten den irakischen Sicherheitskräften in die Hände. Bei der Rückeroberung wurden große Teile der Stadt zerstört, tausende Menschen getötet und mehr als 900 000 weitere vertrieben. Irakische Christen waren unter dem IS keine mehr in der Stadt verblieben. Obwohl nach dem Sieg über den IS die Möglichkeit besteht zurückzukehren, haben dies nur sehr wenige Christen getan. Leider hatten sich auch Nachbarn der Christen dem IS angeschlossen, um an deren Besitz zu gelangen. Die Rückgabe der alten Manuskripte, oft sind es liturgische Texte, bedeutet auch wieder ein Stück Rückgabe der eigenen Identität für die orientalischen Christen, denn die Liturgie ist das Zentrum ihres christlichen Lebens.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Papst Franziskus bei der Ausgrabungsstätte von Ur
UR/NAJAF

„Gott drängt uns zur Liebe“ Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung

In der Heimat Abrahams beschwört Papst Franziskus die Geschwisterlichkeit von Juden, Christen und Muslimen. Extremismus und Gewalt seien „Verrat an der Religion“, sagt der Papst in Ur.
06.03.2021, 10  Uhr
Meldung
Themen & Autoren
Emanuela Sutter Bibel Bischöfe Christen Erzbischöfe Flucht und Vertreibung Frieden und Friedenspolitik Handschriften Irak-Reisen Islamischer Staat Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Koptische Christen Ostkirchen Päpste Vorchristliche Zeit (Jahrhunderte) Weihnachtsmessen

Kirche