St. Petersburg

Immer die Ruhe selbst

Graf Ilja Leonidowitsch Tatischtschew – der General, der das Evangelium auswendig konnte.

Zar Nikolaus II. mit Familie
General Ilja Leonidowitsch Tatischtschew war ein ein vorbildlicher Christ und seinem Zaren Nikolaus II. bis in den Tod treu ergeben. Foto: - (PA-FILES/epa)

Er war ein hochrangiger russischer Militär, seinem Zaren bis in den Tod treu ergeben und ein vorbildlicher Christ – Ilja Leonidowitsch Tatischtschew, der von den Bolschewisten im Juli 1918 in Tobolsk ermordet wurde. Graf Ilja war damals freiwillig mit der Familie Romanow ins Exil in den Ural gegangen, nicht, weil er ein Höfling war, sondern weil er diesen Wunsch von Nikolaus II. aus reiner Menschlichkeit erfüllen wollte.

Graf Ilja Tatischtschew
Noble Seele: Graf Ilja Tatischtschew. Foto: ekaterinburg-eparhia.ru

Heute bemühen sich die Nonnen des Jekaterinenburger Nowo-Tichwin-Klosters um seine Heiligsprechung, sammeln Dokumente, Zeugnisse und Belege für Wunder, die sich auf seine Fürsprache hin ereignet haben. Äbtissin Dominika, die sich eingehend mit seiner Biografie beschäftigt hat und deren Arbeit auch dieser Artikel zugrunde liegt, ist davon überzeugt: Jener General Tatischtschew, der damals mit seiner Weisheit, seinem diplomatischen Geschick und seiner Geduld soviel für den Frieden zwischen den Ländern Russland, Deutschland und Österreich erreichen konnte, betet auch heute und jetzt für den Frieden in ihrem Vaterland, in Russland.

Besondere Verbindung zum Kloster in Jekatarinenburg

Im Kloster Nowo-Tichwin besitzt man eine besondere Verbindung zu diesem Mann, denn es waren Nonnen, die seinen Leichnam würdig auf dem Klostergelände bestatteten. Doch die Grabstätte ging leider in den Wirren der nachfolgenden Schreckensjahre verloren. So versuchen sie heute, wenigstens die Erinnerung an das hohe geistliche Ideal, das Tatischtschew verkörperte, wachzuhalten.

Graf Ilja wurde am 11. Dezember 1859 nach dem alten Kalender in St. Petersburg geboren, beide Elternteile entstammten adligen Familien, die nach der Tradition hochrangige Militärs hervorgebracht hatten. In diese Fußstapfen seiner Väter und Vorväter trat auch Graf Ilja, der im Alter von 18 Jahren seinen Dienst als Soldat antrat und zwei Jahre später in das kaiserliche Husarenregiment aufgenommen wurde. Doch vonseiten der Urgroßmutter und Mutter bekam er einen profunden christlichen Glauben als Wegzehrung für sein Leben: Paraskewa Mjatlew, die Urgroßmutter, war ein geistliches Kind des heiligen Ignatius, dem Bischof von Stawropol, mit dem sie in regem Austausch stand. Ignatius war ein großer Asketiker und ein Vater des sogenannten monastischen Aufbruchs in Russland. Paraskewas Enkelin wiederum, Iljas Mutter, flößte ihm die Liebe zu Christus, dem Evangelium und den orthodoxen Glauben im Wortsinne mit der Muttermilch ein. Bereits als Kind erwachte in Ilja eine so tiefe Liebe zum Gebet und zum Wort Gottes, dass er das ganze Evangelium auswendig lernte.

Gesandter des Zaren am Deutschen Kaiserhof

Zur Zeit seines Militärdienstes beobachtete ein junger Offizier einmal ein Büchlein in den Händen des Generals, in dem dieser immer wieder eifrig las. Der Jüngere fragte, was der General da lese. Er zeigte es ihm und erklärte dazu: „Dieses Buch ist klein, aber wertvoller als alle Bücher dieser Welt.“ Der junge Offizier solle darin lesen und immer zu versuchen, danach zu leben.

Im Jahre 1905 wurde Graf Ilja zum Gesandten von Zar Nikolaus II. am deutschen Hof ernannt. Die Mission war heikel und der Umgang mit dem deutschen Kaiser nicht immer leicht, befeuert noch von Missverständnissen, die sich nicht nur aus dem Temperament des Herrschers, sondern auch aus den ausgesprochen deutschfeindlichen Artikeln russischer Zeitungen ergaben. So fiel Graf Ilja seinem Naturell gemäß die Rolle eines Vermittlers und Friedensstifters zu. Andere ausländische Diplomaten waren erstaunt darüber, wie viel Aufmerksamkeit und Sympathie Kaiser Wilhelm dem russischen Gesandten widmete, der Kaiser schätzte den Russen sehr aufgrund seiner vornehmen und freundlichen Art. Seine vom Evangelium durchprägte Persönlichkeit und Physiognomie, seine Aufrichtigkeit und sein authentisches Auftreten als gläubiger Christ halfen ihm dabei, zwischen Russland und Deutschland in heiklen Situationen zu vermitteln.

Das Gebet begleitete stets seine Arbeit

Zuallererst leistete er diesen Dienst aus Gehorsam gegenüber seinem Souverän, dem Zaren, zupass kamen ihm dabei seine hervorragende Auffassungsgabe und sein Talent zur politischen Analyse. Doch immer begleitete seine Arbeit auch das Gebet. Wenn er über politische Persönlichkeiten Bericht erstatten musste, dann enthielten seine Beschreibungen niemals Respektlosigkeiten oder Verurteilungen.

Stets strich er die positiven Seiten der jeweiligen Person hervor, etwa wie folgt: „Graf Dona ist ein äußerst anständiger Mann, ein angenehmer und fröhlicher Charakter, es gibt keinen besseren Menschen im Gefolge des Kaisers und es wäre unmöglich, einen anderen Menschen zu wählen, der für dieses Ehrenamt und diese Vertrauensposition, die er einnimmt, besser geeignet wäre.“ Oder über den künftigen albanischen Prinzen: „Prinz Vid ist ein sehr hübscher und bescheidener Mann. Ich habe von keinen herausragenden Fähigkeiten gehört, aber er sieht nicht wie ein Abenteurer aus.“

Tatischtschew richtete nicht über Andere

Mit dem gleichen Respekt und Anstand schrieb er auch über die Deutschen, vor allem über die Soldaten, über die er sich noch am ehesten ein Bild machen konnte, zum Beispiel, wie sehr gut sie ausgebildet seien. Anlässlich eines Pontonbaus, bei dem er anwesend war, lobte er die gute Arbeit, die „so ruhig und still verlief, wie es nur Deutsche mit ihrem ordentlichen Charakter und ihrer Ausdauer können“. Ganz anders klangen da die verächtlichen und überheblichen Worte der deutschen Attachés am Zarenhof, etwa, dass das russische Volk in einem „kindlichen Stadium“ stehengeblieben sei, sich durch Eitelkeit und Faulheit auszeichne. Von einem Attaché ist diese Aussage überliefert: „Ich komme immer wieder darauf zurück, Russen mit Kindern, oder, wenn Sie möchten, mit Wilden zu vergleichen.“ General Tatischtschew hingegen ließ sich nie zu Spott oder Verachtung hinreißen, selbst wenn er sich mit russenfeindlichen Äußerungen konfrontiert sah, denn für ihn galt das biblische Gebot aus dem Lukasevangelium „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.“

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges endeten seine Aufgaben in Deutschland; mit dem Ausbruch der Februarrevolution in Russland wurde es ihm unmöglich, im Dienst zu verbleiben – er war mit der neuen Regierungsform nicht einverstanden. Als im August 1917 die Zarenfamilie in den Ural, zunächst nach Tobolsk, geschickt wurde, weil für ihre Sicherheit in der Nähe St. Petersburgs nicht mehr garantiert werden konnte, weigerten sich viele Höflinge, sie zu begleiten. Graf Ilja saß zu diesem Zeitpunkt gerade am Sterbebett seiner Mutter, als der Wunsch des Zaren ihn erreichte. Und für den gehorsamen Getreuen gab es kein Zögern – er nahm das Kreuz an, folgte Nikolaus II. in den Ural und rechnete in dieser Situation auch mit seinem eigenen Tod. Rücksicht auf eine eigene Familie musste er nicht nehmen – die Liebe seines Lebens blieb Prinzessin Natalja Orschewskaja, eine überaus fromme Frau, die jedoch einen anderen Mann bevorzugte.

Wenige Tag vor seinem Zaren erschossen

In Tobolsk tat er, was er konnte, um den Zaren und seine Familie aufzumuntern: Sie unternahmen Spaziergänge, die beiden Männer sägten gemeinsam Holz, abends las Ilja der ganzen Familie etwas vor – er war ein Trost für alle und immer die Ruhe selbst. In dieser für alle demütigenden Lage verlor er nie seinen inneren Frieden. Vermutlich um den oder am 7. Juli 1918 erschossen die Bolschewisten den Grafen, der seinem Zaren somit in den Tod vorausging – das Massaker an der Zarenfamilie in Jekaterinburg geschah zehn Tage später, am 17. Juli 1918.

Für die russisch-orthodoxe Kirche im Ausland galten sowohl die Romanows als auch Graf Ilja bereits als heilige Neumärtyrer, für die Zarenfamilie erfolgte die Heiligsprechung der russischen Kirche im Inland am 20. August 2000.

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