„Im Grunde eine Flucht nach vorn“

Nordkorea-Experte Hanns Maull sieht in den Kriegsdrohungen Pjöngjangs den Versuch, das Regime abzusichern. Von Clemens Mann
Foto: priv | Hanns Maull ist Professor am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Außenpolitik der Universität Trier.
Foto: priv | Hanns Maull ist Professor am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Außenpolitik der Universität Trier.
Herr Professor Maull, Nordkorea droht Südkorea erneut mit einem Krieg. Das Waffenstillstandsabkommen von 1953 wurde jetzt einseitig für nichtig erklärt. Droht auf der koreanischen Halbinsel wirklich ein Krieg oder handelt es sich um die übliche Drohrhetorik des kommunistischen Regimes?

Ich glaube nicht, dass jemand ernsthaft beabsichtigt, einen Krieg auf der koreanischen Halbinsel zu führen. Aber durch das Verhalten Nordkoreas steigt natürlich das Risiko, dass die Situation eskaliert und es zu militärischen Konflikten kommt, die außer Kontrolle geraten.

Aber wäre ein Krieg für das nordkoreanische Regime nicht politischer Selbstmord?

Ja. Mit aller Wahrscheinlichkeit würde ein Krieg zum Ende des Regimes und dem Zusammenbruch des jetzigen Systems führen. Aber das wissen die Machthaber in Pjöngjang auch selbst .

Wenn ein Krieg aber jetzt politischer Selbstmord bedeuten würde, was will Pjöngjang mit den Drohungen erreichen?

Im Grunde ist das eine Flucht nach vorn, die das Regime schon seit etlichen Jahren unternimmt und vielleicht auch unternehmen muss, weil es gar keine anderen gangbaren Alternativen gibt, um das Überleben des Staates zu sichern. Pjöngjang strebt deshalb letztlich direkte Verhandlungen auf Augenhöhe mit den Vereinigten Staaten an.

Warum gibt es für das Regime in Pjöngjang keine politischen Alternativen?

Das Problem ist, dass Nordkoreas Wirtschaft völlig am Boden liegt. Die Gesellschaft korrumpiert zunehmend. Die Unterstützung für das Regime scheint zu schwinden. Das sieht man daran, dass viele Menschen versuchen, aus Nordkorea zu fliehen. Das Regime hat bislang keine Wege gefunden, die Wirtschaft zu reformieren. Ich bin auch skeptisch, ob das noch überhaupt möglich ist. Die Probleme des Landes sind inzwischen ohne radikale Änderungen kaum noch zu bewältigen.

Wieso? China zeigt doch, dass es für die Kommunisten möglich ist, an der Macht zu bleiben und sich gleichzeitig allmählich zu öffnen. Wieso sollte das für Nordkorea nicht auch möglich sein?

Die Voraussetzungen in Nordkorea sind völlig andere als zu der Zeit, nämlich 1978, als Reformen in China eingeleitet wurden. Das Regime in Nordkorea hat ja durchaus auch immer wieder versucht, wirtschaftliche Reformen einzuleiten, ist dann aber zurückgeschreckt – offensichtlich, weil man gemerkt hat, dass wirtschaftliche Reformen ohne politische Öffnung nicht zu haben sind. Eine politische Öffnung würde aber unvermeidlich zum Sturz des Regimes in Pjöngjang führen.

Der Weltsicherheitsrat hat sich nach einem Atomtest für die Ausweitung von Sanktionen entschieden. Einige Beobachter haben diese Sanktionen lediglich als symbolischen Schritt bezeichnet, da die Sanktionen gegen Nordkorea ohnehin schon streng seien. Wie beurteilen Sie die Sanktionen?

Die Sanktionen sind aus der Sicht des Regimes unbequem. Sie zielen deutlich auf die Machthaber in Pjöngjang, nicht so sehr auf die Bevölkerung. Die Reaktion der Machthaber zeigt für mich, dass die Sanktionsdrohungen tendenziell durchaus die Richtigen treffen, nämlich diejenigen, die nach wie vor in Pjöngjang sehr gut leben. Das eigentliche Problem liegt aber nicht in den Sanktionen, sondern darin, dass das Regime Wege finden muss, um sein Überleben langfristig zu sichern – der jetzige Machthaber ist ja noch nicht mal 30 Jahre alt.

Sitzt der junge Machthaber Kim Jong Un fest im Sattel oder ist der Machtwechsel noch nicht abgeschlossen?

Ehrlich gesagt, das wissen wir nicht. Ich bezweifle, ob überhaupt ein Außenstehender wirklich einschätzen kann, wie die Entscheidungen in Pjöngjang getroffen werden. Das ist außerordentlich undurchsichtig. Es scheint lediglich eine gewisse Kontinuität in der Politik zu geben. Und der Sicherheitsapparat und das Militär üben weiterhin die Macht aus.

China hat sich bisher immer gegen zu starke Sanktionen ausgesprochen. Jetzt hat Peking selbst mit Washington die Sanktionen in die Wege geleitet. Verliert China die Geduld mit seinem „Vasallenstaat“?

Das könnte sein. Es ist zwar nicht neu, dass China Sanktionen mitträgt. Aber noch nie waren die Sanktionen so weitgehend, wie das vielleicht aus Sicht der USA notwendig gewesen wäre. Außerdem war die Umsetzung der Sanktionen bisher wenig konsequent, was China anbelangt. China hat Möglichkeiten, das Regime wirtschaftlich massiv unter Druck zu setzen, aber es hat diese Möglichkeiten bislang nicht wirklich angewandt. Es deutet sich jetzt an, dass sich das ändern könnte. China hat eine neue politische Führung, die die Nordkorea-Politik ändern könnte. Die Signale, die China an Nordkorea schickt, besagen eindeutig: Überspannt den Bogen nicht, mäßigt euch, steckt zurück. China drängt Nordkorea ja schon seit längerer Zeit, endlich Wirtschaftsreformen einzuleiten. Nordkorea hat das bislang nie ernsthaft umgesetzt. Mit dem neuen Team, das in Beijing jetzt an der Macht ist, ist in China nun auch eine ernsthafte Debatte darüber ausgebrochen, wie die politische Führung in Zukunft mit Nordkorea umgehen sollte.

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