Hilfe statt „Strafe Gottes“

„Lifegate“: Ein von Deutschen geleitetes Reha-Zentrum in Beit Jala fordert und fördert Menschen mit Behinderung – dabei helfen auch israelische Ärzte und Therapeuten. Von Johannes Zang
Reha-Zentrum in Beit Jala : In der Stickerei werden Einbände für das Gotteslob angefertigt
Foto: Fotos: | In der Stickerei werden Einbände für das Gotteslob angefertigt. JZ

Beit Jala bei Bethlehem/ Besetztes Palästinensisches West-Jordanland. Schwungvoll pflegt Burghard Schunkert deutsche Gruppen in sein Gebäude zu führen und mitten ins Neue Testament hinein. Der Direktor erzählt die Heilung am Bethesda-Teich nach. Der Gelähmte wird von Jesus gefragt, ob er gesund werden möchte. „Ich find's klasse, dass Jesus fragt. Er hätte auch gleich ein Wunder machen können“, versichert Schunkert salopp. Dann zieht er die Parallele zur palästinensischen Gesellschaft, in der er seit drei Jahrzehnten arbeitet. So wie Jesus den behinderten Menschen wahrnimmt, so müssen auch Schunkert und seine Mitarbeiter „behinderte Menschen sehr oft noch suchen und finden, sie werden nämlich immer noch versteckt. Die Menschen schämen sich ihrer.“

Behinderung gilt vielen Muslimen in Palästina als Makel, manchen als Strafe Gottes. Oft wird den Müttern von der Sippe die Schuld gegeben, wenn sie ein Kind mit Behinderung zur Welt bringen. Grund der relativ hohen Zahl an Behinderten ist die Heirat innerhalb der Familie. Wieder greift Schunkert zur Bibel. Wie schon Erzvater Jakob den weiten Weg zu seinem Onkel Laban auf sich nahm, um zwei seiner Cousinen zu heiraten, so ist in Palästina nach wie vor „die Heirat in der Großfamilie das Übliche“. Dem palästinensischen Zentralstatistikamt PCBS zufolge sind 28 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren mit einem Cousin ersten Grades und weitere 17 Prozent mit einem anderen Verwandten verheiratet. Fragen die „Lifegate“-Mitarbeiter die Eltern ihrer Schützlinge, ob sie verwandt seien, erhalten sie zu 95 Prozent ein Ja zur Antwort. „Lifegate“ hat diesbezüglich von Anbeginn an auf Aufklärung gesetzt, trotzdem, bekennt Schunkert, „haben wir relativ schlechte Karten“.

Während man in Deutschland, je nach Krankheitsbild oder Behinderung, entsprechende Spezialeinrichtungen vorfindet, landen bei „Lifegate“ so gut wie alle mit Einschränkungen und Auffälligkeiten: darunter Körperbehinderte, Autisten, Gehörlose. Manchmal stößt das Behandlungsteam bei Hausbesuchen auf äußerst seltene Erkrankungen wie etwa die Schmetterlingskrankheit.

Vor Behandlungsbeginn steht eine gründliche Diagnostik, die man auf palästinensischer Seite oft vergeblich sucht. Also konsultiert Schunkerts Team israelische Ärzte, vorausgesetzt es liegt ein Passierschein, eine Reisegenehmigung, für den palästinensischen Schützling vor, um beispielsweise ins fünf Kilometer entfernte Jerusalem fahren zu dürfen. „Wir nutzen die Expertise in Israel“, erklärt Schunkert. Zurück im palästinensischen Beit Jala stellt man den jungen Menschen die Frage aus der Bethesda-Erzählung: Wollt ihr mit uns zusammenarbeiten? Bringt ihr euch in die Therapie und Ausbildung ein? „Lifegate“ wolle nichts überstülpen, beteuert der Direktor. Immer wieder hat er dabei erlebt, dass die jungen Menschen einen gar nicht anschauen können. Er führt das auf ihr Gefühl zurück, wertlos und eine Belastung zu sein. „Lifegate“ versichert ihnen dagegen: Das Tor ist offen, kommt herein! Ihr seid angenommen so wie ihr seid, mit euren Einschränkungen, Auffälligkeiten und eurer Lebensgeschichte.

Dann wird untersucht und getestet, wo man ansetzen und was man fördern kann. „Und dann geht es los.“ Durch eine 1 : 1-Förderung im therapeutischen oder pädagogischen Bereich „können wir eine sehr starke persönliche Zuwendung erreichen“. Individuell und „ganzheitlich“, wie Schunkert betont, werde gefördert. Für manche Lehrkraft, an den palästinaweit typischen Frontalunterricht gewöhnt, bedeutete das eine riesige Umstellung. „Nun müssen sich Lehrer auf Schüler einstellen und nicht umgekehrt. Das ist 'ne Revolution in diesem Land“, versichert der Direktor, der seit gut 30 Jahren im Raum Bethlehem tätig ist.

65 einheimische, mehrheitlich christliche Mitarbeiter behandeln und unterrichten etwa 200 Betreute aus dem Einzugsbereich zwischen Jerusalem und Hebron. Ihr Behandlungsplan an fünf Wochentagen beinhaltet Physio-, Ergo-, Musik-, Snoezel- und Hydrotherapie. Neben dieser ersten Säule der Arbeit steht die zweite: Bildung. In mittlerweile zwölf Handwerksberufen kann man sich bei „Lifegate“ ausbilden lassen, darunter als Möbelschreiner, Olivenholzschnitzer, Orthopädieschuhmacher oder in Näherei und Stickerei. Die Produkte sind über den Werkstattverkauf „Tor zum Leben“ im baden-württembergischen Tauberbischofsheim auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhältlich.

Die dritte und letzte Säule von „Lifegate“, die Arbeit mit den Eltern, soll ebendiese stärken. Der erste Hausbesuch dient dazu, den Hilfsmittelbedarf festzustellen. Dann werden die Eltern ermutigt, an der Therapie mitzuwirken und erhalten Anleitung, wie sie zuhause mit ihren Kindern weiterüben können. „Die Eltern und unser Team sind das gemeinsame Förderteam“, erklärt der sympathische Hesse. Gerade die Mütter, die bis zum Kontakt mit „Lifegate“ vom Umfeld oft nur Ablehnung oder Misstrauen erlebt haben, erfahren dabei „erstmals selbst ein bisschen Aufmerksamkeit und Anerkennung“, weiß Schunkert. Burghard Schunkert kehrt zum Johannesevangelium zurück. Jesus heilt den Behinderten und trägt ihm auf: Nimm deine Matte und geh' nach Hause. Dieser Zeitpunkt kommt auch bei „Lifegate“. Dann teilt man dem Betreffenden mit: „Jetzt hast du eine Ausbildung bekommen, du hast deine therapeutischen Übungen gelernt. Der Zeitpunkt ist gekommen, wo du jetzt auf deinen eigenen Beinen stehst und das, was du hier gelernt hast, anwenden sollst.“

Mithilfe von Sozialarbeitern werden Abschied und neuer Lebensabschnitt gut vorbereitet, Kontakt zu Unternehmen hergestellt oder eine kleine Werkstatt im Heimatdorf eingerichtet. Dank eines Abnehmerkreises in Deutschland mit Eine-Welt-Läden und christlichen Buchhandlungen können bis zu 40 Personen im „Lifegate“-Gebäude selbst beschäftigt werden.

Spenden, darunter vom Förderverein „Tor zum Leben“, von Caritas International und Misereor helfen das Defizit aufzufüllen – nur ein Drittel des Jahresbudgets von 900 000 Euro kann „Lifegate“ selbst erwirtschaften.

Schunkert, ein Mann voller Visionen, ist ständig auf der Suche nach neuen Tätigkeitsfeldern und Einkommensquellen: So hat er mittlerweile eine Küche und ein Restaurant einrichten lassen, in dem Pilger und Touristen mit typisch palästinensischen Gerichten wie Maqlube oder Mjadara verwöhnt werden. Seit kurzem erledigt die „Lifegate“-Wäscherei für einige Hotels die Bettwäsche. Sogar ein eigenes Pilgergästehaus hat Schunkert mit seinem Team unlängst eröffnet: Die „Lifegate“-Gartenherberge in Bethlehem inmitten eines Olivenhains.

Geld ist bitter nötig in einem besetzten Land, in dem die immer klamme palästinensische Behörde keinen Schekel dazugibt: Damit auch weiterhin Behinderte hier, wo Gott Mensch wurde, Mensch werden dürfen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Behandlungen Behinderte Bethlehem Caritas Direktoren Gebäude Mitarbeiter und Personal Neues Testament Palästinenser Strafarten Therapeutinnen und Therapeuten

Kirche