Hilfe für Mama Regina

Missio unterstützt ihren Kampf gegen Beschneidung und Zwangsheirat in Tansania. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | In Theaterstücken können die Mädchen ihr Trauma verarbeiten und einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft anstoßen.
Foto: dpa | In Theaterstücken können die Mädchen ihr Trauma verarbeiten und einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft anstoßen.

Regina Andrea Mukama ist eine starke Frau. „Mama Regina“ wird sie von allen genannt. In der Diözese Musoma in Tansania kämpft Mama Regina gemeinsam mit Bischof Michael Msonganzila gegen gesellschaftliche Traditionen, die die Würde der Mädchen und Frauen missachten. Dazu gehört neben der Praxis, Witwen gegen ihren Willen wiederzuverheiraten, der Kampf gegen die Tortur der Beschneidung junger Frauen mit all ihren physischen, psychischen und sozialen Folgen.

Mama Regina blieb von der Genitalverstümmelung verschont. Doch sie wurde von der Witwenvererbung getroffen: „Ich war verheiratet und als ich 31 Jahre alt war, starb mein Mann. Die Verwandten sagten, ich müsste an seinen Bruder weitervererbt werden. Ich sagte nein, ich habe diesen Mann geheiratet. Ich lasse mich nicht weitervererben. Deshalb nahmen sie mir alles. Ich schaffte es aber, meine Kinder zu behalten. Mit der Unterstützung meiner Eltern konnte ich mir wieder ein Leben aufbauen.“ Weil ihr eigenes Schicksal ihr die Augen öffnete, sorgt sie sich seither um andere. Sie bildet ehrenamtliche Mitarbeiterinnen in Pfarreien aus, damit möglichst viele Frauen erfahren, wie sie der Zwangsheirat und der Beschneidung entkommen können. Katechisten, die in den Dörfern religiöse Inhalte vermitteln, werden in solchen Themen geschult. Sie verarbeiten sie zum Beispiel in Theaterstücken. So können sie die Probleme leichter verständlich machen und alternative Lösungswege aufzeigen. Und in dem von Mama Regina gegründeten Zentrum „Jipe Moyo“ – „Fass Dir ein Herz“, das zu den Projektpartnern von Missio München gehört, finden Mädchen, die vor der Beschneidung und Zwangsheirat fliehen, Zuflucht vor ihren Peinigern und können Kraft sammeln für ein selbstbestimmtes Leben.

Genitalverstümmelung trifft meist Mädchen zwischen vier und zwölf Jahren. Doch kommt es auch vor, dass eine junge Frau noch während ihrer ersten Schwangerschaft beschnitten wird. Ohne Betäubung, geschweige denn Sterilisation, werden bei dieser Tortur den Mädchen mit Glasscherben, Rasierklingen oder Messern die Schamlippen oder die Klitoris abgeschnitten. Oft führen alte Frauen die Tortur aus, deren Sehvermögen eingeschränkt ist, was zu weiteren Verletzungen von Nerven und Gefäßen führen kann. Die Schmerzen während der Verstümmelung sind kaum vorstellbar. Denn die äußere Genitale ist hochsensibel und sehr stark mit Nerven versorgt. Meist erfolgt die Genitalverstümmelung unsteril, oft werden mit ein und demselben Schneidewerkzeug mehrere Mädchen nacheinander verstümmelt. Durch Benutzung schmutziger Gegenstände sowie traditionell verwendeter Substanzen wie Asche oder Kuhdung kommt es zu lebensbedrohlichen Infektionen: Betroffenen droht nicht nur eine Blutvergiftung, sondern auch Infektionen mit dem zumeist tödlich verlaufenden Wundstarrkrampf (Tetanus), mit Kinderlähmung (Polio), Hepatitis oder der Immunschwächekrankheit AIDS. Eine Infektion kann bestehen bleiben und chronisch werden, ständige Schmerzen beim Wasserlassen bewirken, die Scheide, die Gebärmutter und Eileiter erfassen, die Eileiter verkleben und ungewollte Kinderlosigkeit, Sterilität auslösen. Die Menstruation ist für fast alle genitalverstümmelten Frauen sehr schmerzhaft. Aufgrund der Wundnarbe oder durch die aufgrund von Entzündungen verengte Vaginalöffnung kann das Blut nur schwer abfließen. Es staut sich auf, die Menstruation verlängert sich, die Frau hat Schmerzen.

Diese körperliche Schädigung wirkt sich auch sozial aus. Mädchen, die häufig wegen Scheidenentzündungen erkranken oder jeden Monat wegen ihrer Regelblutung eine Woche ausfallen oder unfähig zur Arbeit sind, können nicht regelmäßig die Schule besuchen, keiner Ausbildung machen, keiner regelmäßigen Arbeit nachgehen. Außerstande, sich alleine zu ernähren, bleiben sie abhängig von ihrem Vater oder Ehemann, abhängig vom anderen Geschlecht.

„Bildung ist ein Schlüssel, damit Mädchen und Jungen ihre Rechte kennenlernen“, schrieb Mama Regina vor kurzem in einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung. „Sie sollen ihr Wissen an Gleichaltrige weitergeben. Wenn sie sich in den Dörfern zu Gruppen zusammenschließen, können sie sich gegenseitig helfen, anstatt auf Hilfe von der Regierung zu warten, die sowieso nicht kommt. Beschneidung ist zu einem großen Geschäft geworden, von dem die Ältesten profitieren und auch die Beschneiderinnen, die den Akt durchführen. Manche werden reich. Also müssen wir nach alternativen Einkommensmöglichkeiten suchen, damit Beschneidung nicht mehr die einzige Verdienstquelle ist.“ Für sie sei es ein Sieg, ein Mädchen zu sehen, das trotz seiner Zwangsbeschneidung nicht aufgibt und dagegen ankämpft. „Viele unserer Mädchen kennen ihre Rechte und fordern sie ein. Sie erheben ihre Stimme, vor ihren Eltern, sogar vor den mächtigen Dorfältesten. Wenn ich diese Mädchen sehe, bin ich überzeugt, dass solche Traditionen irgendwann Geschichte sein werden. Wichtig ist, dass sich die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft abspielen, sie kommen nicht von außen.“ Zumal in Gemeinschaften, wo Genitalbeschneidungen geheim gehalten werden: „Bei den Kurya darf niemand wissen, wann es die Beschneidungen gibt, wer sie ausführt, welche Opfer ausgewählt werden. Nun werden diese Geheimnisse bekannt und verlieren so ihre Macht über die Menschen.“

Von ihrem Bischof wird Mama Regina tatkräftig unterstützt. Bischof Msonganzila war der erste Bischof weltweit, der im Rahmen der zweiten afrikanischen Synode 2009 offen gegen weibliche Beschneidung argumentiert hat. Programme zur Sensibilisierung und Prävention von Gewalt gegen Frauen haben in Musoma Priorität. In diesen Programmen verfolgt die Diözese einen ganzheitlichen Ansatz und bindet in die Aufklärungsarbeit gerade die Männer unter den Eltern, Familien, Dorfältesten und Regierungsbeamten mit ein, denn ohne sie kann es keine Veränderung geben.

Wer Mama Regina kennenlernen will, kann am Sonntag nach Eichstätt kommen. Im Mittelpunkt des Pontifikalamts zum Weltmissionstag im Dom steht die Kirche in Tansania. Beim Festakt in der Residenz wird auch Mama Regina bei einer Talkrunde dabei sein.

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