Helfen, um sich stark zu fühlen

Die Selbsthilfe-Bewegung verändert sich – „In-Gang-Setzer“ sollen den Aufbau neuer Gruppen unterstützen. Von Andreas Boueke
Vier Könige
Foto: dpa | In Deutschland gibt es etwa siebzig- bis hunderttausend Selbsthilfegruppen zu mindestens sechshundert verschiedenen Themen.

Die Sozialarbeiterin Jenny von Borstel öffnet eine Tür in einem Gebäude des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. In wenigen Minuten wird ein Treffen von In-Gang-Setzern beginnen. Die Ehrenamtlichen kommen zusammen, um sich über ihre Arbeit auszutauschen. „Heute wird es um die Frage gehen, wie In-Gang-Setzer interessierte Personen für die Selbsthilfe begeistern können“, sagt Jenny von Borstel. „In den ersten Wochen einer neuen Selbsthilfegruppe gibt es meist viel Fluktuation. Da stellt sich natürlich die Frage, wie man es erreichen kann, dass die Leute bleiben.“

In Deutschland ist der Bedarf an neuen Selbsthilfegruppen groß. Doch es fehlt an Personen, die in der Startphase Verantwortung übernehmen. An dieser Stelle setzt die Idee des In-Gang-Setzens an, die ursprünglich aus Dänemark stammt und vom Paritätischen Wohlfahrtsverband in Deutschland eingeführt wurde. Ehrenamtliche werden geschult, um den Aufbau neuer Gruppen zu unterstützen. Die Seelsorgerin Kristina Roth sieht darin eine große Chance: „Der Begriff In-Gang-Setzer macht ja deutlich, dass etwas in Bewegung gesetzt wird. Es geht um einen Prozess, darum, etwas weiter zu tragen.“

In der Psychiatrischen Klinik Gilead in Bethel bei Bielefeld sitzt Kristina Roth häufig Patienten mit anspruchsvollen Erwartungshaltungen gegenüber. Das Konzept des In-Gang-Setzens gefällt ihr auch deshalb so gut, weil es den Menschen eine Möglichkeit bietet, selbst aktiv zu werden. „Einige Kranke haben die Haltung, dass sie Hilfe brauchen. Sie wollen etwas angeboten bekommen. Andere sagen: ,Mir wird geholfen und viel gegeben. Das würde ich gerne an andere weitergeben.‘ So kommt die Kugel ins Rollen.“

Die ersten In-Gang-Setzer treffen im Seminarraum ein. Keiner hat eine professionelle Therapieausbildung. „So kommt es natürlich manchmal vor, dass sie nicht weiterwissen“, sagt Jenny von Borstel. „Sie fragen sich, ob sie alles richtig machen, sind selbstkritisch. Deshalb bieten wir diesen Raum zum Erfahrungsaustausch.“

Die Selbsthilfebewegung ist ständig im Wandel. Um dem gerecht zu werden, braucht es neue Formen der Unterstützung. Alte, bewährte Methoden müssen überdacht und ergänzt werden. Die Idee des In-Gang-Setzens ist so eine Ergänzung. Und sie ist erfolgreich: Bundesweit wurden bisher weit über dreihundert ehrenamtliche In-Gang-Setzer geschult, die über siebenhundert Selbsthilfegruppen auf den Weg gebracht haben.

Die Freiwilligen werden von lokalen Selbsthilfe-Kontaktstellen angeworben. Ihre Aufgabe ist es, neue Gruppen in der Anfangsphase zu begleiten. Sie achten darauf, dass alle Teilnehmer gemeinsam erste Vereinbarungen für die Gestaltung des Miteinanders treffen. Karin Marciniak ist Mitarbeiterin des In-Gang-Setzer-Projekts des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Sie erläutert, dass die Ehrenamtlichen bei Bedarf Impulse geben, damit alle zum gemeinsamen Thema ins Gespräch kommen. Nach zwei bis acht Treffen ziehen sie sich wieder zurück.

Es gibt Themen, bei denen der Bedarf an Unterstützung besonders groß ist. Gerade zu psychischen Erkrankungen bekommen die Selbsthilfe-Kontaktstellen seit Jahren überdurchschnittlich viele Anfragen. Aber gerade in diesem Bereich gibt es nur wenige Gruppen, sagt Karin Marciniak: „Zum Beispiel haben Menschen mit Depressionen oft Interesse an Selbsthilfe, trauen sich aber nicht, selber eine Gruppe auf den Weg zu bringen. Solchen Menschen soll der Zugang zur Selbsthilfe erleichtert werden. Viele fühlen sich ermutigt durch die Möglichkeit, dass ein In-Gang-Setzer die ersten Treffen begleitet.“

Der Gruppenraum hat sich gefüllt. Jenny von Borstel beginnt das Treffen mit einer Meditation. „Lasst uns erst mal ankommen, die Augen schließen, den Kontakt der Füße zum Boden spüren.“ An diesem Abend geht es um das Blitzlicht. Die Methode wird in vielen Selbsthilfegruppen genutzt, um den Beginn eines Treffens zu gestalten. Das funktioniert nicht immer, meint eine ältere Teilnehmerin: „Manchmal erlebe ich, dass gerade die Neuen anfangen, alles zu erzählen. Dann bricht es geradezu aus ihnen heraus, mit Tränen, mit allen möglichen Emotionen. Die finden gar kein Ende. Für einen In-Gang-Setzer ist es dann natürlich schwer, irgendwann ,Stopp' zu sagen. Man will ja niemanden brüskieren oder enttäuschen.“

Der Frau gegenüber sitzt Günter Philipps, ein Mann mit großer Brille und ruhigen Gesten. Er hat einen Vorschlag: „Meiner Erfahrung nach ist es beim Blitzlicht besser, wenn die Neuen zuletzt sprechen. Dann erleben sie, wie die anderen das machen. Und zum Schluss kommt der Neue dran und darf ruhig auch etwas länger sprechen.“

Die Leiterin der ersten In-Gang-Setzer-Schulung, an der Günter Philipps teilgenommen hat, war die Fachkraft des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Karin Marciniak. „Man merkte ihm da schon an, dass er mit vielen Gruppen gearbeitet hat“, erinnert sie sich. „Zudem ist seine eigene Geschichte als trockener Alkoholiker eine wichtige Erfahrung, die er in die Schulung eingebracht hat. Seitdem hat er viele Gruppen in Gang gesetzt.“

Zurzeit betreut Günter Philipps eine Angehörigengruppe zum Thema Magersucht. „Das sind Eltern essgestörter Kinder“, erzählt er. „Als erstes habe ich mich mit der Initiatorin zusammengesetzt. Wir haben über einen möglichen Ablauf der Sitzungen gesprochen, Blitzlicht und so. Bei dem ersten Gruppentreffen haben wir uns dann gegenseitig den Ball zugespielt. Das hat sehr gut geklappt und wir hatten eine schöne Runde.“

In Deutschland gibt es schätzungsweise siebzig- bis hunderttausend Selbsthilfegruppen zu mindestens sechshundert verschiedenen Themen. „Wir unterscheiden in der Selbsthilfe vier Themenbereiche“, erklärt Karin Marciniak. „Den größten Anteil haben die Gruppen für chronisch Kranke, zum Beispiel Herz- oder Krebspatienten. Dann gibt es Suchtgruppen zu Themen wie Alkoholismus, Medikamentenmissbrauch oder Spielsucht. Zu sozialen Themen wie Trennung und Scheidung gibt es deutlich weniger Gruppen, aber die Zahl der Gruppen für Menschen mit psychischen Erkrankungen, insbesondere Depressionen, steigt seit Jahren.“

Immer geht es um Notsituationen. Menschen brauchen Hilfe. Die In-Gang-Setzer öffnen Räume, in denen sich Betroffene untereinander helfen können. „Man kann Menschen durchs Helfen auch klein machen“, warnt Marciniak. „Bei dem In-Gang-Setzer-Konzept geht es darum, einen Anstoß zu geben, der Menschen befähigt, sich selbst Hilfe zu holen oder sich selbst zu helfen, damit sie sich wieder stark fühlen.“

Die Aufgabe eines In-Gang-Setzers ist darauf beschränkt, den Prozess zu begleiten. Alle Teilnehmer einer Gruppe sollen miteinander sprechen und nicht durcheinander, so dass jeder eine Chance bekommt und sich an den Entscheidungen beteiligt. „Eigentlich ist der Auftrag: Mach' dich überflüssig“, erläutert Marciniak. „In-Gang-Setzer bringen sich nicht zum Gruppenthema ein. Sie machen keine Vorgaben, sondern geben nur hier und da mal einen Impuls, wenn sie merken, dass das Gespräch ins Stocken gerät. So zeigen sie der Gruppe, wie sie in Zukunft selbst mit ähnlichen Situationen umgehen kann.“

Die Betreuung der In-Gang-Setzer durch Hauptamtliche soll verhindern, dass sich die Ehrenamtlichen überlasten oder frustriert aufgeben. Die Wirkung der Arbeit von Selbsthilfe-Kontaktstellen wäre ohne das Engagement von Menschen wie Günter Philipps deutlich geringer. „Er ist immer zuverlässig engagiert“, freut sich Karin Marciniak. „Mit solchen Ehrenamtlichen zu arbeiten macht wirklich Spaß.“

Der Rentner stört sich nicht daran, dass seine Rolle als In-Gang-Setzer für ihn einen erheblichen Aufwand bedeutet. Die Selbsthilfebewegung hat ihm geholfen, als er Hilfe brauchte, jetzt möchte er etwas zurückgeben. Außerdem sieht er in der Arbeit als In-Gang-Setzer auch einen therapeutischen Nutzen für sich selbst. „Wenn ich Leuten von meinen Erfahrungen erzähle, und merke, dass sie Lust bekommen, ihre eigene Gruppe zu organisieren, dann gibt mir das schon ein bisschen Selbstbestätigung.“

Am 10. Oktober ist der Tag der seelischen Gesundheit.

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