Heilende Klänge, tröstende Gespräche

Ordenstrachten sind im Berliner Plattenbaubezirk Marzahn-Hellersdorf fehl am Platz. Die Missionsärztlichen Schwestern sind hier seit fast 25 Jahren trotzdem sehr erfolgreich. Von Josefine Janert

Foto: Josefine Janert | „Wir legen mit unserem Leben ein Zeugnis ab für den heilenden Gott. Uns geht es darum, Menschen zu begleiten und Wege zu finden, die zur Heilung führen“, erklärt Angelika Kollacks.
Foto: Josefine Janert | „Wir legen mit unserem Leben ein Zeugnis ab für den heilenden Gott. Uns geht es darum, Menschen zu begleiten und Wege zu finden, die zur Heilung führen“, erklärt Angelika Kollacks.

Wer sie sieht, würde sie zunächst kaum für eine Ordensfrau halten. Angelika Kollacks trägt gern Kleider und Blusen in freundlichen Farben und das graue Haar kurz und sportlich. Dunkle Ordenstracht? Fehlanzeige. Im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf würde diese für Befremden sorgen, meint Kollacks. Christen leben hier nur wenige. Viele Einwohner bekommen Nonnen und Priester nur selten zu Gesicht. Die Missionsärztlichen Schwestern, zu denen Angelika Kollacks gehört, sind hier dennoch seit fast 25 Jahren sehr erfolgreich. Das liegt auch daran, dass es in dem Bezirk seit jeher viel zu wenige Beratungsangebote für Menschen mit psychischen und anderen Problemen gibt. Und dass sich die Schwestern auf die Eigenheiten des Bezirks eingestellt haben. Sie reden mit den Menschen, die zu ihnen kommen, meist nicht gleich über die Bibel. Sie bieten weltanschaulich neutral eine „Lebensberatung“ an. So steht es auch auf den Flyern, die sie verteilen, und auf dem Schild an ihrer Klingel. Die Berliner können sich für Einzelberatungen oder für Workshops und sogenannte Oasentage in Gruppen anmelden. Alle Schwestern haben eine medizinische Ausbildung. Angelika Kollacks ist Krankenschwester, Musik- und Gestalttherapeutin. „Zu uns kommen hauptsächlich Frauen, viele Alleinerziehende“, sagt die 66-Jährige.

Der katholische Orden wurde 1925 von der österreichischen Ärztin Anna Dengel in den USA gegründet. Weltweit hat er heute 625 Mitglieder, von denen die meisten in Indien leben. In Deutschland sind rund 40 Schwestern zuhause. Angelika Kollacks wollte ursprünglich gar nicht Krankenschwester, sondern Opernsängerin werden. „In der Musik fand ich viel, auch Gott“, sagt sie. „Dennoch hatte ich als junge Frau viele Fragen, die ich mir allein mit der Musik nicht beantworten konnte.“ 1972 schloss sie sich den Missionsärztlichen Schwestern in Essen an.

Im November 1991 fuhr Angelika Kollacks mit ihrer Mitschwester Michaela Bank nach Ostberlin. Bank, die ebenfalls eine Ausbildung als Therapeutin abgeschlossen hat, hatte zuvor fünf Jahre in Peru gelebt und dort den Frauen geholfen. Doch die linke Guerilla hatte der Ordensfrau Todesdrohungen geschickt, und sie hatte das Land verlassen müssen. Jemand hatte den beiden Schwestern empfohlen, sich doch einmal in Marzahn umzuschauen. So standen sie an einem kühlen Herbsttag zwischen lauter Hochhäusern. „Es war damals wirklich alles noch grau in grau“, erinnert sich die heute 73-jährige Michaela Bank, „nicht saniert, so wie heute.“ Ab den siebziger Jahren waren im Osten der DDR-Hauptstadt riesige Plattenbauviertel entstanden. Die Wohnungen dort waren beliebt: Zentralheizung, fließendes warmes Waser, dichte Dächer – dieser Komfort lockte gerade Familien aus den Altbauvierteln der Innenstadt, wo sie vielerorts mit einer Außentoilette und Kachelöfen hatten vorlieb nehmen müssen. Bei 30,5 Jahren lag das Durchschnittsalter in Marzahn-Hellersdorf 1991.

Die beiden Ordensfrauen spürten sofort, dass ihre Dienste hier gebraucht wurden: Viele Menschen waren nach der Wende ohne Orientierung. DDR-Betriebe waren rasch an der Marktwirtschaft gescheitert, so dass nun tausende Ostberliner ohne Jobs waren. Klubs und Freizeiteinrichtungen waren geschlossen worden, Freundschaften und Ehen an den Belastungen der neuen Zeit zerbrochen.

Und so kamen in die Beratungsstelle der Missionsärztlichen Schwestern auch rasch diejenigen, denen es trotz Freude über die Demokratie und die D-Mark gar nicht gut ging. Es kamen Einsame und Verzagte, Menschen in finanzieller Not, Frauen, deren Partner alkoholabhängig waren, ehemalige Informelle Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit, die nun tiefe Schuldgefühle gegenüber den Menschen plagten, die sie bespitzelt hatten. „Die Frauen waren dankbar, dass es einen Ort gab, zu dem sie gehen, wo sie ihr Herz ausschütten konnten“, erzählt Michaela Bank. „Unser Angebot stieß von Anfang an auf große Resonanz.“

Zunächst residierten die Schwestern im Pfarrhaus, dann parterre in einem der Hochhäuser. Inzwischen haben sie Räume in einem Einkaufszentrum am U-Bahnhof Hellersdorf angemietet. Nach wie vor benötigen viele Menschen ihre Unterstützung, obwohl sich inzwischen einige Psychotherapeuten im Bezirk niedergelassen haben und es mehr Beratungsstellen gibt als 1991. Doch Marzahn-Hellersdorf hat, so wie viele andere Berliner Bezirke, seine sozialen Probleme. So liegt die Arbeitslosenquote bei zehn Prozent. Inzwischen macht sich auch die demographische Entwicklung bemerkbar. Das Durchschnittsalter liegt nun bei mehr als 43 Jahren.

An einem Sonnabend im Spätwinter ist ein Dutzend Menschen mittleren Alters zu einem Oasentag erschienen, zumeist Frauen. Eine dunkelhaarige Endfünfzigerin erzählt in der Pause von ihrem Leben: In der DDR war sie als Bauingenieurin tätig, einem Beruf, den damals auch viele Frauen inne hatten. In der Bundesrepublik ist das jedoch eher ein Männerberuf. So musste sie sich fast täglich dumme Bemerkungen ihrer Kollegen anhören und sich gefallen lassen, dass ihre männlichen Vorgesetzten sie ausbremsten. Sie verlor ihre Stelle, lebte von Hartz IV, wurde erneut arbeitslos und verlor immer mehr den Halt. „Ich wurde depressiv“, erzählt sie. „Ich wusste gar nicht mehr: Was will ich überhaupt im Leben?“

Hilfe fand die Marzahnerin in der Nähe ihrer Wohnung, bei den Missionsärztlichen Schwestern. Monatelang nahm sie eine Einzelberatung bei Angelika Kollacks in Anspruch, die sie auch musiktherapeutisch begleitete. Nach langen Überlegungen entschied sich die Frau schließlich für eine Umschulung. Heute ist sie als Altenpflegerin tätig. Der Beruf bringt ihr viel weniger Geld ein, macht sie aber zufrieden. „Als ich jung war, dachte ich, dass Geld und Karriere entscheidend seien im Leben“, meint sie. „Das sehe ich nicht mehr so. Menschlichkeit ist wichtig, den Menschen zu sehen.“

Gern und regelmäßig kommt die Frau zu den Oasentagen. Da begeben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, begleitet von Schwester Angelika, in die heilende Welt der Klänge. In einem der hellen Räume stehen und liegen dafür jede Menge Instrumente: Flöten, Rasseln, Pfeifen, Gongs in allen erdenklichen Größen. „Es gibt Trommeln, da kann man seine Wut ausdrücken“, erklärt Angelika Kollacks. „Einige Saiteninstrumente lassen sich auf den Körper auflegen, sodass sich die Schwingungen übertragen.“ Menschen, die vorher völlig in sich gekehrt waren, kommen wieder zu Kräften, nehmen die heilende Energie wahr. Wenn körperliche Blockaden gelöst sind, weiß Angelika Kollacks, fällt es vielen Menschen in der Einzelberatung leichter, zu erzählen, was sie bedrückt.

Im Vier-Augen-Gespräch mit der Ordensfrau beschäftigen sich viele irgendwann auch mit existenziellen Fragen wie dem Sinn des Lebens. Die Religion bleibt vielen von ihnen trotzdem fremd. So ergeht es auch der Endfünfzigerin, die aber meint: „Ich stelle fest, dass ich durch meinen Beruf als Altenpflegerin bestimmte Werte, die die Kirche lehrt, doch verinnerlicht habe und sie täglich in meiner Arbeit lebe.“ Die Schwestern sprechen ihrerseits davon, dass ihnen „das Charisma der heilenden Präsenz anvertraut ist“. Michaela Bank sagt: „Wir legen mit unserem Leben ein Zeugnis ab für den heilenden Gott. Uns geht es darum, Menschen zu begleiten und Wege zu finden, die zur Heilung führen.“

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