Habsburg in Straßburg: Comeback für einen Tag

An seiner langjährigen Wirkungsstätte blüht Otto von Habsburg so richtig auf

Straßburg (DT) Zwanzig Jahre lang war Otto von Habsburg im Europäischen Parlament wie zuhause. Bei den Straßburger Plenarwochen reiste er montags als einer der Ersten an und freitags als einer der Letzten ab, war morgens einer der Ersten im Büro und abends einer der Letzten, bei denen noch Licht brannte. Zwei Jahrzehnte lang saß der 1912 als Thronfolger von Österreich-Ungarn geborene Habsburger für die bayerische CSU in Europas Parlament – nein, er saß nicht, sondern eilte im Laufschritt durch die Gänge oder, über die trödelnden Beamten schimpfend, die Treppen hinauf. An Fleiß und Pflichtbewusstsein nahm es kaum einer mit ihm auf, an politischer und sprachlicher Gewandtheit ohnehin nicht.

Am Dienstagmittag gab sich nun der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, die Ehre, seinem alten Kollegen Otto von Habsburg noch einmal einen großen Empfang zu bereiten. Drei Dutzend ehemalige Kollegen waren zum Mittagessen in den siebten Stock des Straßburger Europaparlamentes geladen – in einen Saal von faszinierend moderner Architektur – darunter keineswegs nur Weggefährten aus der eigenen Fraktion: Da war neben christdemokratischen Spaniern, Deutschen und Österreichern etwa der Präsident der Sozialistischen Fraktion, Martin Schulz, oder der immer schon radikale italienische Anarchist Marco Pannella. Otto von Habsburg, begleitet von seiner Frau Regina, seiner Tochter Gabriela und seinen Söhnen Karl und Georg, blühte in dieser Runde so richtig auf.

Er wolle keine Laudatio halten, meinte Parlamentspräsident Pöttering am Beginn seiner Tischrede – und tat es dann doch: Mit 66 Jahren sei Otto von Habsburg bei der ersten Direktwahl 1979 ins Europäische Parlament eingezogen, „doch viele, die vom Alter her jünger waren, waren von ihrer Tatkraft und ihrem Engagement sehr viel älter“. Pöttering, voll Bewunderung für das Pflichtbewusstsein des Habsburgers, zitierte dessen Antwort auf die Frage, ob er wohl „preußischen Tugenden“ folge: „Es gab schon fleißige Habsburger, als von den Preußen noch gar keine Rede war.“ Mit Blick auf den anwesenden Fraktionsvorsitzenden der Sozialisten, mit dem Otto von Habsburg in seiner Zeit als Parlamentarier auch manchen Zusammenstoß hatte, meinte Pöttering, das Kaiserhaus habe schon immer mit der Arbeiterklasse gekonnt.

Als besonderes Verdienst seines Freundes Otto von Habsburg nannte Pöttering dessen Kampf für die von der Sowjetunion kolonialisierten Völker, für die Überwindung des Eisernen Vorhangs und die Einigung ganz Europas. Pöttering, selbst stets ein leidenschaftlicher Befürworter der Ost-Erweiterung der Europäischen Union, sagte: „Sie haben uns immer visionär gesagt, dass dieser Tag kommt, an dem die Menschen in Mittel- und Osteuropa in Freiheit leben, so wie wir.“ Habsburg sei als einst von Hitler zum Tode verurteilter Gegner des Nationalsozialismus auch ein entschiedener Gegner des Kommunismus gewesen: „Sie haben gegen beide totalitären Systeme gekämpft.“ Otto von Habsburg sei ein Mann, der sein Leben Europa und der Freiheit gewidmet habe.

Habsburg, seit jeher gewohnt, auf Laudationes stets mit einer Laudatio auf den Laudator zu reagieren, erklärte, wie sehr er sich freue, den einstigen Kollegen Pöttering als Präsident des Europäischen Parlaments zu treffen. Und dann hielt der heute 96jährige Habsburger eine schwung- und geistvolle Rede für Europa, die die Anwesenden an seine zahllosen Auftritte im Europäischen Parlament zwischen 1979 und 1999 erinnerte. Die Frontalattacke auf die notorischen Pessimisten, bei deren immerwährenden Bedenken es ihm „den Magen umdreht“, war auch damals schon ein fester Bestandteil seiner Appelle. Ebenso seine unbeirrte Mahnung: „Wir sind unseren Völkern verpflichtet.“

Diese Botschaft lässt Otto von Habsburg, obgleich er vor einem Jahrzehnt aus dem Europäischen Parlament ausschied, weiter laufen und Vorträge halten. Sein alter Kollege Hans-Gert Pöttering wird nach der Europawahl am 7. Juni neuerlich als Europaabgeordneter nach Straßburg und Brüssel ziehen. Er wird dann der Letzte sein, der seit der ersten Direktwahl 1979 dem Vielvölkerparlament ununterbrochen angehört. Geprägt haben es beide auf ihre Art: Otto von Habsburg und Hans-Gert Pöttering.

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