Grabeskirche in Jerusalem: Wechselvolle Baugeschichte

„Leuchtendes Gold“: Neue „Tagespost“-Serie beginnt mit der Grabeskirche in Jerusalem.

Grabeskirche in Jerusalem
Bild: Grabeskirche in Jerusalem von außen.

Kaum ein anderes Gotteshaus musste im Laufe seiner Geschichte so viele Schläge erdulden wie die Grabeskirche in Jerusalem. Als kaiserliches Prestigeprojekt geplant, wurde sie durch Erdbeben oder Brände beschädigt und durch menschliche Willkür beinahe völlig zerstört. Durch nachträgliche Einbauten bis zur Unkenntlichkeit verstellt, blieb ein verwirrender Torso, der kaum etwas von seiner spätantiken Pracht erahnen lässt.

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Geschichte der Grabeskirche

Dabei war der auf den Nordausläufern des Zionsbergs gegenüber dem Tempelberg gelegene Kirchenkomplex die architektonisch-programmatische Entsprechung des neuen, des christlichen Jerusalem gewesen. Das alte Jerusalem und sein Tempel freilich waren im Jahre 70 – nach dem großen jüdischen Aufstand gegen die Römer – untergegangen. Erst Kaiser Hadrian ließ die Stadt neu errichten als eine dem höchsten Staatsgott Jupiter gewidmete, römische Kolonie.

Wie bei allen Musterstädten der Römer folgten die Städteplaner hierbei einem regelmäßigen System von rechtwinkeligen Straßen. Im Gefolge wurde das Stadtzentrum weit nach Norden verschoben auf ein bis dahin nur locker bebautes Gebiet mit Gärten, aufgelassenen Steinbrüchen und Gräbern. Zur Zeit Jesu hatte dieses noch vor der Stadtmauer gelegen. Da sowohl die Straße über Emmaus nach Jaffa, wie auch jene nach Damaskus hier unmittelbar vorüberführten, war das Areal für all jene gut einsehbar, die von Westen oder Norden her nach Jerusalem kamen – der ideale Platz für eine abschreckende Hinrichtungsstätte: Golgota.

Die heilige Stadt wurde heidnisch

Die durch den Steinabbau entstandene Senke mit den Gräbern ließ Hadrian zuschütten und mit einem Tempel überbauen – die heilige Stadt der Bibel war heidnisch geworden. Dennoch scheint die Erinnerung an die Stätten von Christi Tod und Auferstehung in den folgenden 180 Jahren bis zur konstantinischen Wende in der Religionspolitik nicht völlig erloschen zu sein. Aus dem kleinen Kreis der Apostel war eine Gemeinschaft erwachsen, der sich – nach Schätzungen – fünf Millionen Gläubige zugehörig fühlten. Diese christliche Kirche hatte der im heutigen Serbien geborene Kaiser Constantin schon früh gefördert. Nachdem er im Zeichen Christi über seinen Konkurrenten im Westen gesiegt hatte – das Römische Reich hatte damals vier Kaiser – ließ er in Rom unter anderen die Lateran- und die Petersbasilika errichten.

Als Constantin seine Herrschaft auch im Orient gesichert hatte, geriet Jerusalem in den Focus seiner Kirchenbaupolitik. Kurz nach dem Konzil von Nicaea, auf dem im Jahre 325 auch ein allgemein verbindliches Glaubensbekenntnis festgelegt wurde, begannen die Aushubarbeiten. Bischof Eusebius von Caesaraea schildert rührig, wie nach dem Abbruch des hadrianischen Tempels unter dessen Fußboden ein älterer zum Vorschein kam und wie man – nachdem das Füllmaterial des Tempelpodiums beiseite geschafft worden war – auch das aus dem gewachsenen Fels herausgeschlagene Grab Christi entdeckte.

Revolutionäres Baukonzept

Obwohl der Bauplatz durch den vormaligen Tempelbezirk beschränkt war und keine Riesenbauten wie etwa am Vatikanhügel ermöglichte, war das Baukonzept revolutionär.

Vom Cardo Maximus aus, einer der beiden Hauptstraßen, stieg man über eine breite Freitreppe zu einem prachtvollen Torbau mit drei Eingängen hinauf. Dahinter lag ein Vorhof – das bei frühen Kirchen übliche Atrium. Von dort konnte man die Martyrion-Basilika betreten. In ihrem Inneren war sie mit farbigen Marmorsorten verkleidet und eine geschnitzte Kassettendecke dehnte sich „wie ein großes Meer über die ganze Basilika aus. Mit leuchtendem Gold über und über verziert, ließ sie den ganzen Tempel wie von Lichtstrahlen erglänzen.“ Auch die Decken der vier, das zweistöckige Hauptschiff zu beiden Seiten begleitenden Seitenschiffe waren vergoldet. Die – wie bei Alt-Sankt-Peter – im Westen gelegene Apsis wurde durch zwölf Säulen gegliedert, die große Silberkrüge trugen. In der bekrönenden Halbkuppel war der Pantokrator zu sehen. In der Krypta wurde auch die Zisterne gezeigt, in welcher Constantins Mutter, die heilige Helena, das Wahre Kreuz gefunden haben soll.

Hinter der Basilika breitete sich der Triporticus, ein an drei Seiten von Säulengängen umfriedeter, mit spiegelblank polierten Platten gepflasterter Innenhof. In dessen südöstlicher Ecke ragte unter freiem Himmel der Golgota-Felsen auf.

Einer von Constantins Nachfolgern, Theodosius II., ließ auf diesem letzten Überbleibsel des alten Steinbruchs ein monumentales, mit Gemmen geschmücktes Prachtkreuz errichten.

Einweihung der Kirche zum 30. Regierungsjubiläum Constantins

Der Höhepunkt aber war die Anastasis – die Auferstehungsrotunde, auf welche die gesamte Anlage axialsymmetrisch ausgerichtet war. Wie ein kostbares Gefäß umschloss sie die Grotte des Heiligen Grabes, deren Eingang nach Osten wies. Um den Rundbau errichten zu können, hatte Constantin das anstehende Gestein abtragen lassen, so dass nur der Felsen mit der Grabkammer übrig blieb. Außen wurde der Felsen wie ein Tempelchen mit einer säulengestützten Vorhalle gestaltet. Über dieser sogenannten Grab-Ädikula spannte sich eine von zwölf Säulen und acht Pfeilern getragene Kuppel. Den zweigeschossigen Hauptraum umzirkelte ein für Prozessionen genutzter Umgang. Am 13. September 335 – pünktlich zum 30. Regierungsjubiläum Constantins – wurde die Kirche geweiht.

Grabeskirche am Karsamstag
"Heiliges Feuer" in der Grabeskirche in Jerusalem während der Osterfeierlichkeiten an Karsamstag, 15. April 2017. Foto: Andrea Krogmann (KNA)

Noch heute erinnert daran das Fest der Kreuzerhöhung. Ihr Aussehen dokumentiert eine spätantike Mosaikkarte, die im jordanischen Madaba gefunden wurde. Man erkennt die vor dem Damaskustor beginnende Hauptstraße mit ihren Säulenhallen und in ihrer Mitte die Giebelfassade der Basilika mit der Kuppel der Anastasis.

Zerstörung der Kirche durch Kalif al-Hakim

Den Befehl zur Zerstörung gab der Fatimiden-Kalif al-Hakim im Jahr 1009. Auch große Teile des bis dahin intakten Felsengrabes fielen der religiösen Zerstörungswut zum Opfer.

Noch vor dem Eintreffen der Kreuzfahrer wurde die Auferstehungsrotunde wieder errichtet – zwar auf den alten Umfassungsmauern, doch in gedrungenen Proportionen, welche die Eleganz des Vorgängerbaus nicht erahnen lassen. Auch die Basilika blieb Ruine. Über ihren Trümmern errichteten die Lateiner im 12. Jahrhundert ein Kloster, während sie die Anastasis nach Osten erweiterten, um Platz für einen Mönchschor zu schaffen und auch den Golgota-Felsen in den Bau einzubeziehen – die heute sichtbare, unter sechs christlichen Konfessionen zerteilte Grabeskirche.

Hintergrund

Bedeckt vom Wüstensand, aufgegangen in späterer Bebauung oder einfach spurlos verschwunden – eine Vielzahl einstmals blühender Zentren des christlichen Glaubens sind heutzutage dem Blick entzogen. Einiges fiel Kriegswirren oder veränderten Besitzverhältnissen zum Opfer. Vor allem aber waren es gewandelte Glaubensvorstellungen, denen die alten Verehrungsorte ein Dorn im Auge waren. Die Ausbreitung des Islam ab dem 7. Jahrhundert, reformatorischer Bildersturm, aber auch aufklärerischer Eifer hatten zur Folge, dass Gotteshäuser umgewidmet, profaniert oder gar gänzlich zerstört wurden. Mit der neuen Reihe „Schätze des Christentums“, die hiermit beginnt und in lockerer Folge fortgesetzt wird, möchte „Die Tagespost“ ihre Leser zu einer Entdeckungsreise zu den verlorenen und verborgenen Schätzen des Christentums einladen – in nah und fern.

Viel Vergnügen! DT/GB