Glücksspiel

Glücksspiel bringt Elend in die Welt

Bald tritt ein neuer Glücksspielstaatsvertrag in Kraft – Warum kirchliches Engagement zum Schutz vor Glücksspielsucht so wichtig ist.

Spielhalle in Düsseldorf
Spielcasinos sind klassische Orte, an denen man eine Spielsucht entwickeln kann, doch auch im Internet gibt es mittlerweile viele Angebote. Foto: dpa

Wenn am 1. Juli der neue Glücksspielstaatsvertrag bundesweit in Kraft tritt, dann sind viele Menschen enttäuscht. Einerseits machen sich Unternehmer aus der Glücksspielbranche Sorgen, eine Überregulation könne Spielende zu illegalen Anbietern drängen. Andererseits klagen Therapeuten, Seelsorger und Betroffenenvertreterinnen, der Staat werde seiner Verantwortung nicht ausreichend gerecht, Menschen vor den Gefahren der Glücksspielsucht zu schützen.

Es ist dem jungen Mann sichtbar peinlich. „Ich habe alles für diesen Mist getan.“ Er spricht von der Hoffnung auf Glücksspielgewinne. „Mein ganzes Geld ist drauf gegangen. Ich habe Taschen voll Münzen in die Automaten geschmissen, mein Leben verzockt, bis ich nichts mehr hatte. Dann musste ich neues Geld besorgen. So bin ich im Knast gelandet.“ Nicht wenige Häftlinge in deutschen Gefängnissen sind glücksspielsüchtig. Sie haben ihre Spielsucht durch Betrug, Diebstahl oder gar bewaffneten Raub finanziert, immer in der Hoffnung auf den großen Gewinn, oder um ihre Schulden bezahlen zu können.

Sucht zerstört Familien

Dr. Ulrich Kemper leitet als Chefarzt an der Bernhard-Salzmann-Klinik eine der deutschlandweit größten Abteilungen zur therapeutischen Behandlung von Glücksspielsucht. Rund die Hälfte seiner fast ausschließlich männlichen Patienten ist schon mal in erheblichen Konflikt mit dem Gesetz geraten. „Viele dieser Leute haben ein Nettoeinkommen von unter 2 000 Euro. Davon müssen sie Miete und Lebensmittel bezahlen. Da bleibt ihnen manchmal gar nichts anderes übrig, als kriminell zu werden. Andere Geldquellen für ihre Sucht sind längst dicht. Anfangs pumpen sie natürlich ihre Angehörigen an. Aber irgendwann sind ganze Familien zerstört.“

Glück im Spiel kommt bei Protestanten nicht vor

Mit einem durchschnittlichen Jahresumsatz von vierzehn Milliarden Euro ist der Glücksspielmarkt in Deutschland der größte der Europäischen Union. Trotzdem gelten die Deutschen als nicht besonders spielaffin. Nur knapp drei Prozent der Bevölkerung spielen ab und zu an Glücksspielautomaten. In den meisten anderen Ländern Europas sind es mehr, klagt Mario Hoffmeister, Pressesprecher der Gauselmann Gruppe, einem der großen deutschen Hersteller von Glücksspielautomaten. „Warum eigentlich wird Spielen in Deutschland mehr als Problem angesehen und nicht als das, was es für die meisten ist, nämlich Spielvergnügen?

Aber wenn man in Deutschland vom Spielen spricht, dann geht es immer um Probleme.“ Der schlanke Politologe hat eine Theorie, weshalb das Spiel um Geld hierzulande so einen schlechten Ruf hat: „Weil der Protestantismus hier so stark ist. Die Kultur verlangt von den Menschen, durch harte Arbeit zur göttlichen Erfüllung zu kommen. Glück im Spiel kommt da nicht vor. Schon in Süddeutschland und vor allem in Südeuropa kann man beobachten, dass die Katholiken eine viel lockerere Einstellung zu Glücksspiel haben.“

Jesus hat Tische umgeworfen

Doch auch der katholische Mediziner Ulrich Kemper bewertet das Glücksspiel sehr kritisch. Diese Haltung sieht er durch die Evangelien bestätigt: „Jesus hat im Tempel die Tische umgeschmissen, so dass die Münzen zu Boden flogen. Das war deutlich. Das Glücksspiel bringt viel Elend in die Welt. Menschen wollen immer mehr Geld haben, immer häufiger gewinnen, um ihre seelische Armut durch materiellen Reichtum auszugleichen.“

In deutschen Kneipen und Spielhallen stehen rund 230 000 Geldspielautomaten, die mit aufregenden 3D-Grafiken, eingängigen Melodien, überraschenden Sound-Effekte und verführerischen Gewinnmöglichkeiten zum Spielen animieren. „Grundsätzlich fährt man ja immer mit der Erwartung in die Spielhalle: ,Heute gewinne ich.‘“ Ein Patient von Kemper erzählt von seiner Sucht. „Sobald man durch die Tür gegangen ist, fühlt man sich wohl. Es gibt auch Tage, da ist man sechzehn Stunden in der Halle. Wenn das Geld mal schnell weg ist, ist man den Rest des Tages frustriert, deprimiert. Zum Schluss hatte ich echt auch Suizidgedanken. Man fühlt sich wie ein Versager, weil man wieder gespielt hat.“

Problematischer Interessenskonflikt

Die Caritas arbeitet seit Jahren an Konzepten für die Beratung und Therapie von Glücksspielsüchtigen. Die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung spricht von weit über 200 000 Menschen in Deutschland mit einem „problematischen Verhalten“ gegenüber dem Glücksspiel. Fast drei Prozent der jungen Männer gelten als gefährdet oder als hochgradig glücksspielsüchtig. In Deutschland profitieren auch die Kommunen am Glücksspiel. Sie erhalten Kommissionen und Steuereinnahmen. Die langjährige Vorsitzende des Fachverbands Glücksspielsucht, Ilona Füchtenschnieder, sieht darin einen problematischen Interessenkonflikt: „Durch die Spielautomaten haben die Städte enorme Steuereinnahmen. Je strenger sie in der Genehmigung sind, desto weniger Geld bekommen sie. Das bedeutet, dass sich reiche Kommunen eher Spielerschutz leisten können als arme.“ Zudem werden dreistellige Millionensummen direkt an öffentliche, gemeinnützige, kirchliche oder mildtätige Zwecke weitergereicht. Das trägt natürlich nicht dazu bei, die Hilfsorganisationen zu motivieren, vom Staat strengere Kontrollen und effektivere Suchtprävention zu fordern.

Profitinteressen versus Spielerschutz

Den rechtlichen Rahmen für das Glücksspiel in Deutschland schafft der Glücksspielstaatsvertrag. Er nennt das Verhindern des Entstehens von Glücksspielsucht als sein erstes Ziel. Das zweite Ziel zitiert der Repräsentant der Spielautomatenhersteller, Mario Hoffmeister: „Im Paragrafen 1 des Glücksspielstaatsvertrages steht ganz eindeutig, dass mit einem legalen Angebot der natürliche Spieltrieb der Menschen in geregelte Bahnen gelenkt werden soll.“ Kemper plädiert dafür, dass den Profitinteressen der Glücksspielindustrie enge Grenzen gesetzt werden: „Da muss man auch klipp und klar sagen: ,Was ihr da macht, ist unethisch und das ist nicht zu verantworten.‘“ Die durch die Pandemie beschleunigte Verschiebung des Glücksspiels von Standort-Casinos ins Internet hat die Situation weiter verschärft. In seinem Klinikalltag merkt Kemper deutlich, dass viele Menschen während der Pandemie mehr Zeit hatten, zu Hause die Plattformen der Onlineanbieter auszuprobieren. „Die Leute können ihren PC in ihrem Zimmer anmachen und da spielen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit wird gespielt. So fallen noch mehr Hemmungen.“

Mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag werden Online-Glücksspiele wie Poker, Roulette oder Online-Automatenspiele bundesweit legal. Gleichzeitig gibt es neue Regeln zum Spielerschutz. Doch die reichen nicht aus, meint Kemper: „Wir hätten uns eine viel, viel stärkere Regulierung gewünscht.“ Zum Beispiel verbietet der neue Staatsvertrag zeitgleiches Spielen auf mehreren Webseiten. Um das zu garantieren, sollen die Daten aller Spielerinnen und Spieler bundesweit in einer noch zu schaffenden Behörde in Sachsen-Anhalt zusammenlaufen.

Viele Wege führen zur Sucht

Bisher funktioniert diese Kontrolle nicht und der Lobbyist Mario Hoffmeister hat Zweifel, ob sie überhaupt umgesetzt werden kann: „Um von einem Onlinecasino zum nächsten zu wechseln, muss man eine Wartezeit von fünf Minuten einhalten. Das muss auf Servern, auf gigantischen Abgleichcomputern, irgendwie sicher gestellt werden. Ein riesiger IT-Aufwand. Und all das sorgt dafür, dass das legale Spiel noch unattraktiver wird. Da stellt sich die Frage, wie sinnvoll das ist.“

Künftig soll es eine zentrale Spielersperrdatei für alle Online-Glücksspiele geben, so dass spielsüchtige Personen von allen Glücksspielangeboten ausgeschlossen werden. Viele Spieler aber rechnen nicht damit, dass sich viel ändert. Solange sie irgendwo Möglichkeiten sehen, einen großen Gewinn zu machen, werden sie einen Weg finden, mitzuspielen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Hier kostenlos erhalten!