Glaubenszeugnis mit Sonnenschutz

Mehr als nur traumhaftes Wetter und phantastische Strände: Die Osterwoche auf der Insel Sal. Eine Reportage. Von Heinrich Wullhorst
Foto: HW | Jesus die Ehre erweisen: Die Menschen auf Sal tun es gern und authentisch.

Ostern auf den kapverdischen Inseln. Das ist mal etwas Neues, Anderes, nachdem zuvor die Türkei viele Jahre auf der Urlaubsagenda stand. Auf jeden Fall eine Reise, bei der es ohne lange Autofahrt möglich sein wird, einen Ostergottesdienst zu besuchen. Die aus etwa 15 Inseln bestehende Gruppe bildet die unabhängige Inselrepublik Kap Verde. Das Archipel mit vulkanischem Ursprung entdeckten portugiesische Seefahrer bereits im Jahre 1445. Nur neun der Inseln sind bewohnt. Fast 80 Prozent der Einwohner der Kapverden sind Katholiken. Das hängt auch damit zusammen, dass es bis in das Jahr 1910 ein römisch-katholisches Monopol auf den Kapverden gab. Nach dessen Abschaffung war dann der Weg für andere Glaubenszugehörigkeiten offen. Neben den Katholiken gibt es hier heute etwa zehn Prozent Protestanten und ansonsten kleinere Glaubensgemeinschaften.

Ich treffe auf der Insel Sal Father Jean-Baptiste vor seiner Kirche. Der freundlich lächelnde Priester stammt aus dem Senegal. „Ich bin für drei Jahre hier auf den Kapverden“, erzählt er mir. Danach stehe die Entscheidung an, ob er noch länger bleibe. „Hier gibt es zwar sehr viele Katholiken, aber der Kirchenbesuch könnte besser sein“, stellt Father Jean Baptiste fest. Das kleine Gotteshaus in dem Ort Santa Maria, das der schmerzhaften Gottesmutter geweiht ist, wirkt nicht nur an diesem Karfreitag durch die wenigen verhängten Heiligenfiguren nüchtern. Gar nicht vergleichbar mit der prunkvollen Ausstattung, die wir zumeist aus unseren Kirchen in Deutschland kennen. Das würde auch nicht zum Durchschnittsverdienst der Menschen auf diesen Inseln passen, der bei unter 300 Euro im Monat liegt.

Wenn man den in der Karwoche roten Vorhang hinter der Eingangstür durchschreitet, findet man ein Bild vor, das man aus deutschen Kirchen kennt. Wenige, vorwiegend ältere Frauen beten vor dem Grab des Herrn, das eigens in einer Ecke der Kirche schön geschmückt eingerichtet ist. Der Kirchenbesuch ist an diesem Tag tatsächlich eher schleppend und die Teilnehmer an der Karfreitagsliturgie gehen dann auch während des Gottesdienstes nach draußen und kommen später oder gar nicht wieder. Die Lieder, die hier gesungen werden, klingen allesamt fröhlicher als die leidensgeprägten Klänge, die wir an solchen Tagen anstimmen. Das hängt vielleicht mit einem anderen Umgang mit dem Tod und dem Sterben zusammen, den die Menschen hier pflegen. Die Kapverdianer sind in ihrer kreolischen Tradition vielfach auch offen für afrikanische Bräuche. „Vielfach geht es dabei um die Abwehr böser Geister“, erzählt mir ein junger Mann in einem der vielen kleinen Geschäfte der Urlauberegion um den Ort Santa Maria. „Die Menschen fühlen sich hier oft von ihren ethnischen Wurzeln spirituell angetrieben.“ Junge Menschen findet man hier übrigens an jeder Ecke. Auch im Gottesdienst fällt auf, wie viele junge, vor allem Frauen und Mädchen dabei sind. Viele von ihnen singen in dem kleinen von einer Ordensschwester geleiteten Chor mit. Kein Wunder, denn die Kapverden sind eine Region mit einem unglaublich niedrigen Altersdurchschnitt. Der liegt mit 22,7 Jahren etwa bei der Hälfte der deutschen Werte. Zur Kreuzverehrung wird die kleine Kirche wieder voller. Man hat das Gefühl, dass viele Menschen draußen auf genau diesen Moment gewartet haben, dem Herrn in der Todesstunde diese Ehre zu erweisen. Die Schlange, die sich in der Kirchenmitte bildet, scheint gar nicht mehr zu enden. Mit einem kleinen Wattebausch und Desinfektionsmittel wischen die Ministranten die Küsse fort, die die Gläubigen an verschiedenen Stellen des Kreuzeskorpus hinterlassen. Zum Ende des Gottesdienstes begibt sich die kleine Gemeinde auf den Platz neben der Kirche.

Hier erwartet die Einheimischen wie die Touristen ein Glaubenszeugnis der besonderen Art. Gewandet in entsprechende Kostüme stellen die Menschen auf Sal den Leidensweg der Passion Christi nach. Die Stationen des Kreuzweges ziehen sich durch den Ort mit seinen etwa 17 000 Einwohnern. Einige Hundert von ihnen folgen dem Kreuz auf seinem Weg. Nachdem auf dem Kirchplatz die Verurteilung Jesu durch Pontius Pilatus stattgefunden hat, nimmt der Jesusdarsteller, ausgestattet mit einem roten Umhang und der Dornenkrone, das Kreuz auf sich. Er macht sich auf den Weg. Unsere Blicke kreuzen sich und dieser Moment wird zu einem besonderen spirituellen Erlebnis für mich. Diese Not, dieses tiefe Leid, das Jesus auf dem Weg nach Golgotha gespürt haben muss, ergreift mich in diesem Moment mit aller Kraft. Wann habe ich das zuletzt in Deutschland so erlebt? Vielleicht ist an Orten, an denen das Leben schwerer ist, das Christsein zuweilen leichter, denke ich mir.

Offensichtlich ist es das, stelle ich am Ostersonntag fest, als zur Heiligen Messe der ganze Kirchplatz schon lange vor dem Beginn gefüllt ist. Jean-Baptiste zelebriert heute im Freien. Ein großer Sonnenschutz sorgt neben dem immer auf den Kapverden wehenden Wind für ein angenehmes Klima. Auch hier sind die meisten Menschen jung. Der Chor der Ordensschwester wird heute von Trommlern begleitet. Es herrscht eine fröhliche Stimmung, man kann das Gefühl der Freude über die Auferstehung des Herrn hier gleichsam greifen, es in den Gesichtern der Menschen ablesen. „Christus ist wahrhaft auferstanden“, verkündet Father Jean Baptiste die frohe Botschaft vom Sieg über den Tod in seiner sehr emotionalen Predigt.

Andächtig beten die Menschen hier mit. Sie singen die Lieder und man hat das Gefühl, sie kennen sie und das Singen bereitet ihnen Freude. Auch als sie sich beim Friedensgruß aufeinander zu bewegen, zum Teil kreuz und quer durch den Gottesdienstraum, hat man das Gefühl, ihr „Pace“ ist nicht achtlos dahingeplappert, es ist ihnen nicht unangenehm, dem Nachbarn die Hand zu geben oder Freunden und Verwandten sogar mit einem Friedenskuss die Verbundenheit auszudrücken. Vor dem Schlusssegen stellt der Priester der Gemeinde dann noch vier junge Menschen vor, die in der Osternacht das Sakrament der Taufe empfangen haben. „Das ist doch ganz klar“, sagt er mir später. „Junge Menschen, die jetzt als getaufte Christen zur Gemeinde gehören, muss man den anderen Mitgliedern doch präsentieren.“

Die Osterwoche auf der Insel Sal bietet also durchaus mehr als nur traumhaftes Wetter und phantastische Strände, sie lässt den Besucher auch eine andere Spiritualität entdecken und so für sich selbst vielleicht neue Zugänge erschließen.

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