Phoenix

Glaube mit Schmerzen

Die Lieder der Sängerin und Konvertitin Audrey Assad spiegeln ihre Gebrochenheit und ihren Heilungsprozess. Doch sie eckt auch an.

December 4 2016 Memphis Tennessee USA Singer and songwriter AUDRY ASSAD sings at the Catholic
Bei Auftritten begleitet sich die Sängerin am Klavier. Hier bei einer katholischen Charity-Veranstaltung. Foto: imago images

Du kannst deine eigenen Lieder vor einem Publikum, das auch aus Männern besteht, nicht vortragen. Das wäre ja Predigen! Und das wäre nicht richtig. Sorry, ich kann dein Vorhaben nicht unterstützen.“ So lauteten die harten Worte eines fundamentalistischen Familienmitglieds, dem die damals 19-jährige Audrey Assad anvertraute, dass sie glaube, dass sie mit ihrer Musik und ihren Liedern der Welt und der Kirche dienen solle. 18 Jahre, sechs Alben und YouTube-Aufrufe ihrer Songs in Millionenhöhe später.

Heute ist Audreys leise Vorahnung von damals wahr geworden. Ihr 2010 erschienenes Debütalbum „The House You're Building“, wurde von I-Tunes als „Breakout Album des Jahres“ der Kategorie „Christlich&Gospel“ tituliert. Sie trat mit bekannten Bands wie „Tenth Avenue North“ auf und präsentierte mit Matt Maher am Weltjugendtag 2016 das gemeinsame Lied „Garden“. Nicht nur das: Die Sängerin ist auf christlichen Konferenzen mit tausenden Teilnehmern eingeladen, um über ihre Musik und ihren Lebensweg zu erzählen.

Sie erlebte verschiedene Formen von Missbrauch

Dieser ist gestreut mit schmerzhaften Erfahrungen, die ihrer Kinder- und Jugendjahre in einer fundamentalistischen Glaubensgemeinschaft entspringen und die sie bis heute aufarbeitet. Audrey ist die Tochter eines syrischen Flüchtlings, der in den 70er Jahren in die USA kam, und einer Amerikanerin. Sie wuchs auf in einer Brüdergemeinde mit den typischen Begleiterscheinungen: Literale Auslegung der Bibel, asketisches Umfeld, eine Mentalität, die es nicht erlaubt, Fragen zu stellen. Die Genderrollen waren in Eisen gegossen. Sobald sich ein Mann, der das zwölfte Lebensjahr überschritten hatte, in der Versammlung aufhält, war es Frauen nicht gestattet, laut zu beten, aus der Bibel vorzulesen oder gar zu lehren. Als Teenager hielt sich Audrey Assad oft im Haus eines der Gemeindeältesten auf, um auf seine Kinder aufzupassen. Er missbrauchte die junge Frau körperlich und emotional.

Der Rat der Frauen, als sie sich ihnen anvertraute, fiel in etwa so aus: „Wir wissen das, er macht das öfters. Halte dich einfach von ihm fern.“ Die Sängerin fühlte sich von Familie und Gemeinde ungesehen, unwahrgenommen. Der Missbrauch löste in ihr eine tiefe Scham gegenüber den eigenen sexuellen Gefühlen aus. Dazu paarte sich die Leibfeindlichkeit und das kopflastige Christentum ihrer Konfession. Über all das und die Folgen, die sie bis heute begleiten, redet die 37-jährige offen, zum Beispiel auf der Konferenz „Evolving Faith“, bei der sie als Sprecherin eingeladen war: „In meinem Körper wohnt noch immer das kleine Mädchen, das glaubt, dass seine Talente und seine Ideen aufgrund seines Geschlechts ein Anstoß gegenüber der etablierten Ordnung sind und daher zum Schweigen gebracht werden müssen.“

Audrey's Gretchenfrage

Offen erzählt sie auch über ihre durchlaufenen Therapien sowie ihre religiöse Zwangsstörung. Die Frage stellt sich, warum die Sängerin so freizügig über diese höchst persönlichen Angelegenheiten redet. Es hat zu tun mit ihrer Vorahnung, die sie damals als 19-Jährige ihrem moralisierenden Bekannten verriet. „Immer, wenn ich in einer Erfahrung bin, baue ich einen Raum darum. Dann gehe ich hindurch. Die Leute, die nach mir kommen, können sich darin aufhalten. Ich möchte Leuten Raum geben, damit sie sich nicht allein gelassen fühlen mit ihren Wunden“, beschreibt Assad ihre Berufung.

Und natürlich steht, nach all den negativen Erlebnissen mit dem Glauben, die Gretchen-Frage im Raum. Wie hat es Audrey also mit der Religion? Dass es außer der engen Brüdergemeinde andere, ältere Konfessionen gab, war der Musikerin unbekannt. Erst mit siebzehn hörte sie überhaupt den Namen Martin Luther. Als junge Erwachsene verließ sie die Brüdergemeinde und schloss sich Baptisten an. Hier lernte sie zum ersten Mal moderne Lobpreismusik kennen, in die sie bald selber involviert war. Diese Station war nur von kurzer Dauer.

Die Sakramente sind ein guter Grund

Ein Freund brachte Audrey schließlich die katholische Kirche näher. Sie fand: Ein guter Grund, um den Gottesdienst zu besuchen, sind sie Sakramente. Mit 24 konvertierte sie, was „für ein Kind der Brüdergemeinde einer Exkommunikation gleichkommt“. In einem Podcast erzählt Audrey, dass sie sich der Fehlerhaftigkeit der katholischen Kirche bewusst war, doch der Wunsch, unbedingt mit der ältesten Konfession verbunden zu sein, war stärker. Ihre Musik, die inspiriert ist von den klaren und ruhigen, a capella gesungenen Hymnen ihrer Zeit aus der Brüdergemeinde, atmet Zerbrechlichkeit und ist umgeben von einer mystischen Aura.

In den Texten zitiert die Katholikin Teile der Liturgie oder Zitate der Heilige. Ihr 2013 erschienenes Album „Fortunate Fall“ („Glückliche Schuld“) hat gleich drei Songs, die um die „Felix culpa“ kreisen. „I shall not want“ enthält Teile der Litanei der Demut. Derselbe Ton durchzieht auch die Platte von 2016, „Inheritance“ („Erbe“). Der Opener ist die lateinische Antiphon „Ubi caritas“. Bis auf zwei Lieder, die sie gemeinsam mit ihrem katholischen Kollegen Matt Maher komponierte, handelt es sich bei den Tracks um alte christliche Hymnen, die sie neu interpretierte. Kaum zu glauben, dass Audrey mitten bei der Entstehung in eine Glaubenskrise fiel, in der auch psychische Probleme wieder hochflammten. Sie schrieb das Lied „Teresa“, eine Anlehnung an die Heilige aus Kalkutta, in der sie eine Gleichgesinnte erkannte. Auch bei dem Trappistenmönch Thomas Merton fand sie Trost und zitierte ihn in „Deliverer“: „In den Ruinen meines Herzens predigst Du den Armen.“

„Gott ist der große Bilderstürmer“

In jüngster Zeit ist Assad in manchen katholischen Kreisen in Verruf geraten wegen ihren geäußerten Ansichten zur Flüchtlingspolitik sowie zu LGBTQ. Ihr wird vorgeworfen, zu liberal zu sein. Ein Stein des Anstoßes ist auch die Bekanntgabe ihrer Scheidung auf den sozialen Netzwerken. Doch an Dogmatismus ist Audrey nicht interessiert. Was verständlich ist, wenn man bedenkt, welchem starren Hintergrund, wo Einschränkungen an der Tagesordnung standen, sie entstammt. Sie konzentriert sich darauf, heil und ganz zu werden und andere dabei zu unterstützen. Und die Bilder, die sie über Jahre von sich und Gott eingetrichtert bekommen hat, zu dekonstruieren. Sie hält sich an C.S. Lewis, der schrieb: „Meine Bilder von Gott müssen von Zeit zu Zeit zerschlagen werden. Er selbst zerschlägt sie. Er ist der große Bilderstürmer.“

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