Gibt es ein christliches und ein atheistisches Sterben?

In der „Frontstadt“ der Glaubenslosen: Berliner Beobachtungen an Hospizen der Caritas und der konfessionslosen Volkssolidarität

Berlin (DT) Wenn im Seniorenzentrum „Sankt Elisabeth“ in Velten bei Berlin ein Mensch stirbt, erklingt Glockengeläut von einer CD. Dann erheben sich die Mitarbeiter und viele Bewohner von ihren Plätzen, und die Angestellten des Beerdigungsinstituts tragen den Sarg zur Vordertür hinaus. Für Schwester Lucia muss es die Vordertür sein. In den Senioreneinrichtungen mancher anderer Träger sei der Tod so tabuisiert, dass die Leichen verschämt durch den Hintereingang befördert würden.

Schwester Lucia ist eine schlanke Frau mit Pagenschnitt und Brille. In ihrem Arbeitszimmer in „Sankt Elisabeth“ stehen Blumen, hängt ein Heiligenbild neben dem Fernseher. Einen Computer hat sie nicht. Ein Fremder könnte die gelernte Sozialarbeiterin mit dem süddeutschen Akzent für Mitte fünfzig halten. Sie ist 72 Jahre alt. 1957 trat die Frau vom Bodensee einem Orden bei, den Salvatorianerinnen. Im Seniorenzentrum „Sankt Elisabeth“, das zur Caritas gehört, arbeitet Schwester Lucia als Seelsorgerin. Sie betreut die Bewohner, die Angestellten und Ehrenamtlichen. Sie kümmert sich auch um Sterbende und ihre Familien. „Zu mir kann jeder kommen, egal, ob er Christ ist oder nicht“, sagt sie. „Jesus hat alle Menschen geliebt. Da darf ich nicht sagen, dass ich dem einen mehr Zuwendung gebe und dem anderen weniger.“

Die katholische Caritas wurde 1897 gegründet. Die Volkssolidarität entstand im Oktober 1945 in der sowjetischen Besatzungszone. Ihre Mitglieder kümmerten sich um Kriegswaisen und Vertriebene, um heimgekehrte Soldaten. Später, in der DDR, umsorgten sie Kinder, Rentner, Menschen mit Behinderungen. In Ostdeutschland ist die nicht konfessionell gebundene Wohlfahrtsorganisation vielen Menschen eher bekannt als die Caritas.

„Susanne Rehberg von der Volkssolidarität ist konfessionslos. Einige ihrer Mitarbeiter sind aber Christen, auch am Buddhismus Interessierte. Sie sprechen das Vaterunser mit, wenn es Sterbende wollen“

In der vierten Etage eines Gebäudes, das während der DDR-Zeit ein Seniorenpflegeheim war, sitzt Susanne Rehberg vor einer Karte von Berlin. Darauf markieren bunte Fähnchen die Adressen ihrer Ehrenamtlichen. Rehberg ist 38 Jahre alt, verheiratet und Mutter zweier Töchter. Eine hübsche, dunkelblonde Frau, die etwas zu schnell redet und der die Leidenschaft anzumerken ist, die sie in ihre Arbeit steckt. Susanne Rehberg ist bei der Volkssolidarität für den ambulanten Hospizdienst mitverantwortlich. Das heißt: Ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter besuchen Schwerkranke und Sterbende, hören ihnen zu, reden mit ihnen, halten ihre Hände, gehen, wenn es möglich ist, mit ihnen spazieren oder in ein Café. Im vergangenen Jahr schafften sie in Berlin sechzig „Begleitungen“, wie es in der Sprache der Volkssolidarität heißt. Es ist seltsam, einer so gesund aussehenden jungen Frau wie Susanne Rehberg zuzuhören, wenn sie über das Ende des Lebens spricht. „Ich weiß, dass der Tod zum Leben dazugehört“, sagt sie. „Ich akzeptiere das. Ich will, dass der Tod nicht tabuisiert wird. Und dass Menschen in Würde sterben.“ Rehberg ist konfessionslos. Einige ihrer Mitarbeiter sind aber gläubig. Nicht nur Christen gibt es, auch Menschen, die sich für den Buddhismus interessieren. Die Volkssolidarität ist da offen. Wenn die Sterbenden es wünschen, sprechen die Mitarbeiter auch das Vaterunser mit ihnen.

Als Schwester Lucia vor zwölf Jahren in Velten anfing, wussten viele Menschen in „Sankt Elisabeth“ nicht, was das ist: eine Seelsorgerin. Manche sagten ihr offen, dass sie mit der Kirche nichts zu tun haben wollten. Die Caritas war in der DDR unter dem Schutz der Bischöfe zwar der Auflösung entgangen. Evangelische und katholische Heime für Senioren und Menschen mit Behinderungen genossen einen guten Ruf. Doch der Staat predigte Atheismus, und die Religion spielte im Leben vieler Menschen kaum mehr eine Rolle. Schwester Lucia arbeitet in Velten auch mit Menschen zusammen, die nicht getauft sind. Sie erwartet von ihnen eine tolerante Haltung dem Christentum gegenüber. „Dass jemand sagt: ,An den Quatsch glaubt Ihr noch?‘ – das würden wir nicht akzeptieren.“ In „Sankt Elisabeth“ fand sie kaum religiöse Literatur vor, kaum kirchliche Poster. Sie habe in Berlin erst nach einem christlichen Buchladen suchen müssen, sagt sie. Bis heute wohnt sie im Stadtteil Waidmannslust, der zum ehemaligen Westteil gehört, in einem Kloster. Jeden Tag fährt sie mit dem Auto nach Velten. Auf dem Heimweg kauft sie manchmal für ihre Mitschwestern bei „Aldi“ ein.

Schwester Lucia trägt eine schlichte graue Hose und einen roten Pullover. In der Ordenstracht wäre ihr der Anfang in Velten schwerergefallen, meint sie. Dann hätten die Menschen sie, die Seelsorgerin, vielleicht als fremd empfunden. Schwester Lucia will Nähe – zu Gott. Sie erzählt von einer Frau, der vor vielen Jahren das Kind an Diphtherie starb, während sie es in den Armen hielt. Immer wieder gab ihr diese Frau zu verstehen, dass sie nach diesem Unglück nicht mehr an Gott glauben könne. Kurz bevor sie starb, wollte sie doch in einen Gottesdienst. Sie habe dort nicht gebetet, nicht mitgesungen, erzählt Schwester Lucia. Sie saß still da und hörte alles mit an. Bald darauf schlief die Frau friedlich ein. „Vielleicht war sie versöhnt – ich weiß es nicht.“

Kurz nach ihrem Sozialpädagogik-Studium trat Susanne Rehberg 1999 ein Praktikum in einem großen Berliner Krankenhaus an. Die Medizintechnik war modern, die Hygiene perfekt. Doch wenn jemand darüber reden wollte, dass er an seiner Krankheit sterben könnte, hatten die Ärzte keine Zeit. „Manche Patienten warteten den ganzen Tag auf ein Gespräch, um dann zu hören, dass der Doktor jetzt zu einer Not-OP müsse“, sagt Rehberg. „Auch die Angehörigen bekamen wenig Unterstützung“, berichtet sie. Die Mediziner waren wohl überlastet. Rehberg besuchte anschließend Seminare über Sterbebegleitung – und hat auch in der Praxis viel hinzugelernt.

„Die Alten haben Gott noch nicht vergessen. Oder er fällt ihnen wieder ein. Oft bitten Angehörige Schwester Lucia darum, dass sie mit den alten Eltern singt und betet“

Früher schlossen die Leute meist zu Hause im Beisein ihrer Familie die Augen. Heute liegen die Sterbenden in der Regel im Krankenhaus, in einem Pflegeheim. Heute sperren viele Junge und Gesunde den Tod aus – aus ihrem Haus, ihrem Alltag, ihrem Denken. Nicht aber Susanne Rehberg. Sie redet unbefangen über ihn. Rehberg berichtet von Kranken und Einsamen, von Müttern und Ehemännern, die sich kurz vor dem Ende nach dem Sinn des Lebens fragten: „Warum war ich hier? Wo gehe ich hin?“ Der Sinn des Lebens, das ist für Rehberg „Liebe, die innere Haltung dem Menschen und dem Leben gegenüber“. Wenn Sterbende noch einmal alles Revue passieren lassen und sich dieses und jenes fragen, weiß sie oft keine Antwort. Aber sie signalisiert ihnen: „Ich hör' dir zu, ich seh', wie's dir geht, ich sehe deine Not, ich steh' dir bei.“ Der Beistand ist seelischer Natur. Fürs Medizinische und die Pflege sind Ärzte und Krankenschwestern verantwortlich.

Im Foyer des Seniorenzentrums „Sankt Elisabeth“ in Velten liegt eine Bibel aus. Am Eingang zum Speisesaal steht eine Madonna. Freitags wird dort nie Fleisch serviert. Es gibt eine Kapelle, Heiligenbilder, christliche Schriften. In Schwester Lucias Büro liegt ein Handbuch, das christliche Traditionen erläutert: Was ist der Aschermittwoch, die letzte Ölung? Regelmäßig macht die Ordensschwester Aushänge, um auf katholische Feiertage hinzuweisen oder zu erklären. Sie erzählt von ihrem Kampf darum, dass wirklich alle Mitarbeiter und Ehrenamtlichen die Bewohner mit Respekt behandeln. Dass jemand einen alten Herrn oder eine alte Dame einfach duzt, akzeptiert sie nicht. Die allermeisten Angestellten und Ehrenamtlichen würden gute Arbeit leisten, sagt sie. Und erzählt, wie sie in ihrer Anfangszeit die Mitarbeiterinnen dafür lobte, dass sie die belegten Brote so liebevoll mit Gurken verzierten. „Jaja, ich weiß schon, wer Sie sind, ich geh aber trotzdem nicht in die Kirche“, sagte eine Mitarbeiterin. Die Nonne erklärte ihr, dass die Liebe, mit der die Frau ihre Arbeit versah, auch ein Dienst an Gott sei – Nächstenliebe.

Die Alten haben Gott noch nicht vergessen. Oder er fällt ihnen wieder ein – kurz vor dem Ende. Oft bitten Angehörige Schwester Lucia darum, dass sie oder eine andere Mitarbeiterin abends mit dem alten Vater, der alten Mutter singt und betet. Sterbende rufen nach Gott – „Komm und hol' mich, Vater im Himmel!“ – manchmal auch nach ihren Eltern. Schwester Lucia nimmt ihre Hand, betet: „Ich habe das Gefühl, dass ihnen das gut tut.“

Die Ehrenamtlichen gehen mit den Bewohnern von „Sankt Elisabeth“ spazieren, hören zu, lesen vor, begleiten sie auf Ausflüge. Für die Ehrenamtlichen und die Angestellten bietet die Caritas jedes Jahr drei Besinnungstage. Sie treffen sich in den Räumen der katholischen Gemeinde von Velten, denken gemeinsam über würdevolles Altern nach. Sie reden, meditieren, die gläubig sind, beten. Schwester Lucia ist anzumerken, wieviel Energie es sie kostet, das alles mitzuorganisieren. Schließlich geht es um mehr als um einen Termin, es geht um Spiritualität. Vielleicht wirkt sie so jung, weil sie so oft von vorn anfängt, von vorn anfangen muss. Sie sei froh, sagt sie, dass sich ihre Mitschwestern im Kloster dann und wann um ihre Wäsche kümmern und regelmäßig für sie beten.

Wenn jemand nach dem Hospizdienst verlangt, dann geht Susanne Rehberg mit einem Ehrenamtlichen zum ersten Gespräch. Weitere Treffen vereinbaren die Ehrenamtlichen meist allein. Manchmal bestellen Familienangehörige den Hospizdienst der Volkssolidarität, manchmal eine Krankenschwester, einen Arzt. Selten meldet sich ein Sterbender von sich aus. Die meisten wissen ja nicht, wie viel Zeit ihnen noch bleibt. Rehberg weiß, dass es für Angestellte von Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen oft eine Erleichterung ist, dass jemand kommt und den Patienten zuhört. Die Mitarbeiter haben kaum Zeit, sich an ein Bett zu setzen und eine Hand zu halten. Manche Schwerkranke reden viel über den Tod, andere gar nicht. Rehberg berichtet von einer Frau, die ständig nur Karten spielen wollte mit der Ehrenamtlichen, die sie betreute. Obwohl die beiden Frauen kaum tiefere Gespräche führten, entwickelten sie eine innige Beziehung zueinander. Es gibt viele Möglichkeiten, dem Tod in Würde zu begegnen. „Das Sterben ist ein normaler Prozess, wie die Geburt“, sagt Susanne Rehberg. „Beides ist nicht bis ins Detail planbar. Und ich stehe beidem voller Demut gegenüber.“ Hinter ihr, an der Wand, hängen die Zeichnungen ihrer Töchter.

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