Selige

Gertruda Detzel auf dem Weg zur Seligsprechung in Kasachstan

Gertruda Detzel: Eine Russlanddeutsche auf dem Weg zur Seligsprechung in Kasachstan.
Gertruda Detzel
Foto: www.credonews.org | Beeindruckende Frau: Gertruda Detzel.

In Kasachstan wurde offiziell die diözesane Phase des Seligsprechungsprozesses der Russlanddeutschen Gertruda Detzel (1904–1971) eröffnet. Sie hatte als Seelsorgerin im Untergrund während der kommunistischen Zwangsherrschaft mitgeholfen, das Überleben der katholischen Kirche unter den Russlanddeutschen im Sowjetreich zu sichern. Ihr Vorbild kann auch heute neue Impulse für die Seelsorge der Russlanddeutschen geben.

Gertruda Detzel steht für das Schicksal vieler der etwa 3-4 Mio. Katholiken im Sowjetreich, das die Kirche und alle religiösen Bekenntnisse unterdrückte, und nur den Glauben an Marxismus und Leninismus als allein gültiges Glaubensbekenntnis zuließ. Eine besondere Tragik erreichte ihr Leben jedoch als Russlanddeutsche, da diese zwei Monate nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Juni 1941 aus dem Westen der Sowjetunion nach Sibirien und Zentralasien deportiert wurden. Die damals etwa 2 Mio. Russlanddeutschen, ein Drittel davon waren katholisch, hatten bis 1941 eine eigene deutsche Republik an der Wolga und ein eigenes katholisches Bistum Tiraspol, aber sie lebten auch in vielen anderen Regionen des riesigen Sowjetreiches, unter anderem auch im Kaukasus.

In Fürstendorf geboren

Dort im Kuban-Gebiet, wo auch viele Kosaken lebten, wurde 1904 Gertruda Detzel, als Tochter des Dorflehrers Wilhelm Detzel in dem rein deutschen Ort Fürstendorf (heute Rozhdestwenskaja) geboren. Gertrud wuchs als viertes Kind ihrer Eltern in einer tief katholischen Familie auf. Nach der Grundschule schickten ihre Eltern sie auf ein katholisches Internat in Tiflis in Georgien, unter Leitung von Pater Emmanuel Vardidze, Pfarrer der katholischen Peter-und-Paul-Kirche in Tiflis. In den frühen 1920er Jahren wurde er heimlich zum Apostolischen Administrator des Kaukasus ernannt.

Nachdem sie beschlossen hatte, ihr Leben Gott zu widmen, legte Gertruda noch in Tiflis die Gelübde der Armut, der Reinheit und des Gehorsams ab. Ihr Beispiel beeinflusste die Haltung anderer Mädchen und Frauen, die sich ihr anschlossen. Obwohl ein Beitritt zu einem Orden oder einer Kongregation damals nicht in Frage kam, führten Gertruda und ihr Umfeld ein wahrhaft klösterliches Leben und dienten der Kirche, sie halfen untergetauchten und inhaftierten Priestern, und übernahmen deren Aufgaben in den Gemeinden. Pater Vardidze wurde 1936 nach sechs Verhaftungen, Gefängnisstrafen und Verbannungen nach Karaganda deportiert, Gertruda sollte ihm bald folgen.

Deportation vom Kaukasus nach Zentralasien

Mit Kriegsbeginn 1941 wurden die Kaukasusdeutschen, wie die Wolgadeutschen, nach Zentralasien deportiert. Gertruda Detzel wurde in die Stadt Pachta Aral im Süden Kasachstans deportiert, wo sie Baumwolle pflücken sollte. 1943 wurden Gertruda und ihre Freundinnen Clara Romme, Elena Merz, Regina und Maria Maul sowie Emilia Schmidt in ein Arbeitslager im Oblast Gurjewsk (heute Atyrau) im europäischen Teil Kasachstans verbannt, wo sie zusammen mit anderen deutschen Frauen auf dem Ölfeld Baichunas arbeiten mussten. Auch hier setzte sich Gertruda für die deportierten und zur Zwangsarbeit verpflichteten russlanddeutschen Frauen ein. Diese oft verzweifelten Frauen durften noch nicht einmal ihre Kinder mitnehmen. Gertruda tröstete die geplagten Mütter immer wieder, bis sie schließlich die Erlaubnis erhielten, die Kinder mitzunehmen. Unter ihrer Leitung wurde in dem Frauenlager ein Altar errichtet, wo sich die Frauen versammelten, um gemeinsam zu beten.

Lesen Sie auch:

Am 7. September 1949 wurde Gertruda verhaftet und vom Bezirksgericht Gurjew wegen konterrevolutionärer Propaganda und Agitation zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. Während Gertruda ihre Strafe verbüßte, bildete sie eine neue Gebetsgruppe, so dass der Direktor des Gefängnisses ihre vorzeitige Entlassung beantragte, „weil sonst hier alle zu beten anfangen“. Nach ihrer Entlassung aus dem Lager versuchte Gertruda, in ihre nicht weit entfernte Kaukasus-Heimat zurückzukehren, aber gemäß dem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets von 1948 durften die deportierten Deutschen nicht an ihre früheren Wohnorte zurück. 1958, nach der Aufhebung der Kommandantur (Aufsicht), zog Gertruda dann mit ihrer Schwester Walentina und ihrer Mutter nach Karaganda, einer Stadt die erst infolge der Sowjetisierung und Gulagisierung in den 1930er Jahren entstanden war, dort nahm sie eine Stelle als Krankenschwester an.

Untergrundbischof hat geholfen

In Karaganda, wo die Russlanddeutschen damals 70 Prozent der Bevölkerung stellten, traf Gertruda den aus der Ukraine stammenden griechisch katholischen Untergrundbischof Alexander Hira (1897–1983). Mit ihm zusammen bildete sie Kirchengemeinden für Russlanddeutsche in ganz Kasachstan. Hira bezeichnete Gertruda später als „meine Erzbischöfin“. Er nahm Gertruda und Walentina Detzel und ihre Gemeinschaft in den Dritten Orden des heiligen Franziskus (Tertiarin) auf, unterstützte sie geistlich und betreute sie in ihrer Ausbildung. Die Zahl der Untergrund-Gemeinden wuchs. Auch die Frauen-Gemeinschaft um Gertruda Detzel wuchs weiter. Gertruda leitete Gebete und Gottesdienste und besuchte die Kranken, tröstete die Verzweifelten und beerdigte die Verstorbenen. Ihr Leben als Laienhelferin und Glaubenszeugin dauerte bis zum 16. August 1971. An diesem Tag starb sie an Lungenkrebs. Sie hatte ihr Leben der Verkündigung und Verbreitung des Evangeliums gewidmet. Niemand zweifelte damals an der Heiligkeit dieser Frau, aber kaum jemand konnte ahnen, dass in nur fünf Jahren schon die von Schwester Gertruda reichlich gesäte Saat klösterlicher Berufungen in der leidgeprüften Erde von Karaganda aufgehen würde. 1976 wurden die ersten Novizinnen in die von Gertruda Detzel gegründete Schwesternschaft der „Dienerinnen Jesu in der Eucharistie“ (SJE) aufgenommen.

Am 16. August 2021, ihrem 50. Todestag, wurden ihre Reliquien vom Friedhof in Maikuduk in die Kirche St. Josef in Karaganda überführt. Sie wurden in einer Urne in der Gruft neben den sterblichen Überresten von Bischof Alexander Hira beigesetzt. Das Seligsprechungsverfahren für Gertruda Detzel ist das erste Verfahren dieser Art für eine Frau im einst sowjetischen Zentralasien, wo die Kirche noch auf einem sehr schwachen Fundament steht. Kasachstan ist heute ein mehrheitlich muslimisches Land. Die katholische Kirche dort ruht auf dem Fundament, das mutige und fromme Frauen wie Gertruda Detzel gelegt haben.

Den Glauben bewahrt und furchtlos gepredigt

„Diese mutige Frau schaffte es nicht nur, unter den schwierigen Bedingungen der stalinistischen Unterdrückung ihren Glauben zu bewahren, sondern predigte auch furchtlos Jesus Christus den Gefangenen des Gulag“, heißt es in der Kurzbiografie, die der Postulator Pfarrer Ruslan Rachimberlinow über sie verfasst hat. Mit Beginn der diözesanen Phase des Seligsprechungsprozesses wurde eine Kommission eingesetzt, die Zeugenaussagen über Gertruda Detzels Leben sammeln soll. Nach Abschluss der diözesanen Phase des Verfahrens, werden die Unterlagen an die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse gesandt, die sich in einer zweiten Phase mit dem Verfahren befasst.

An der Sammlung der Zeugnisse der „heldenhaften Tugenden“ von Gertruda Detzel haben das Bistum Saratow an der Wolga unter Bischof Clemens Pickel und viele in Deutschland lebende Russlanddeutsche, die Gertruda Detzel gekannt hatten, mitgewirkt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Die Seligsprechung von Pauline Marie Jaricot zeigt, was heute gefordert wäre: Selbstbewusste Laien, die tapfer evangelisieren.
06.10.2021, 11  Uhr
Stephan Baier
Nichts verkündigt Jesus so radikal wie die Umkehr, die das Evangelium verlangt: Auch Gläubige, die sich auf den Weg der Neuevangelisierung begeben, können darauf nicht verzichten.
26.01.2022, 09  Uhr
Maximilian Mattner
Themen & Autoren
Bodo Bost Gulag Jesus Christus Kirchengemeinden Seligsprechungen

Kirche

Zur Debatte um Benedikt XVI. nimmt der Heiligenkreuzer Abt und Ratzinger-Preisträger Maximilian Heim gegenüber der „Tagespost“ Stellung. Wir dokumentieren die Anmerkungen im Wortlaut.
27.01.2022, 17 Uhr
Maximilian Heim OCist