„Gelobt sei Jesus Christus“

In der Oberlausitz in Sachsen, rund um Bautzen und Kamenz, leben noch einige tausenden Sorben – Deren Kultur, Brauchtum und Sprache ist auch Dank des katholischen Glaubens bis heute gelebter Alltag. Von Rocco Thiede
Foto: dpa | Die Sorben geben ein lebendiges Zeugnis von Glaube und Brauchtum.

„Die Lausitz ist der Garten der Mutter Gottes“ ist auf einem Schild in gelben Lettern zu lesen. Die auffällige moderne Hinweistafel steht neben einer Brunnenkapelle und zeigt links die Fotografie eines Gnadenbildes der gekrönten Himmelskönigin. Sie hält auf ihrem linken Arm das nackte, ebenfalls gekrönte Jesuskind, das mit einem Apfel in seinen Händen spielt – ein symbolischer Hinweis auf Christus als den neuen Adam, der die Schuld des ersten Menschenpaares Adam und Eva getilgt hat.

Das Original zu dieser Abbildung, mit ihrem rot glühenden Abendhimmel, befindet sich nebenan, nur wenige Meter in der Wallfahrtskirche „Unserer lieben Frau zur Linde“ im sächsischen Dorf Rosenthal. Es ist eine kleine nur 22 Zentimeter hohe, farbig gefasste Lindenholzfigur, die um 1460 entstand und die seit dem 17. Jahrhundert von Wallfahrern aus Böhmen und heute von katholischen Pilgern aus vielen deutschen Diözesen angebetet wird. Die Besonderheit an der ästhetisch nicht gerade anspruchsvollen großen Hinweistafel, welche die Größe eines Ortseingangsschildes hat und unübersehbar neben der kleinen, achteckigen Kapelle mit ihrer, roten, ziegelgedeckten glockenförmigen Haube steht, ist die Zweisprachigkeit des Schildes: „Luzia je zahrodka Macerje Bozeje“ – ist dort nämlich zuerst in weißen Buchstaben zu lesen, worauf die deutsche Übersetzung von der Lausitz als Garten der Mutter Gottes folgt mit den weiteren Sätzen „Rosenthal ist ihr Herz. Schütze uns vor Räuberei“ – immer zweisprachig, in Sorbisch und Deutsch, denn man ist im Landkreis Bautzen in der katholischen Oberlausitz.

Schon auf dem Weg zu diesem einzigen vorreformatorischen Wallfahrtsort im Bistum Dresden-Meißen mit seiner weithin sichtbaren Kirche, die gut sechs Kilometer nördlich der Zisterzienserinnenabtei St. Marienstern liegt, fallen einige teils farbig gefassten Bildstöcke aus Sandstein und die vielen metallenen Kruzifixe am Straßenrand und hinter Gartenzäunen auf. „Hier in der Diaspora scheinen die in frischen Goldfarben gefassten plastischen Abbildungen des Gekreuzigten besonders zu strahlen“, sagt eine Mitreisende aus Berlin. Dann versucht sie in Panschwitz-Kuckau das ovale Schild unter dem Heiland zu entziffern: „Chwaleny Jezus Chryst!“ – steht dort in goldenen Buchstaben. Ein netter älterer Herr mit dunklem Hut, weißem Hemd, Krawatte und Sonntagsanzug kommt gerade mit seiner ebenso feierlich gekleideten Frau und offensichtlich seiner Tochter mit einem Kinderwagen an ihnen vorbei. Die Drei-Generationen-Familie unterhält sich angeregt. Aber verstehen können die Hauptstädter kein Wort. Als der Mann die kleine Reisegruppe mit ihren Fotoapparaten vor dem Wegkreuz mit ihren ratlosen Minen bemerkt, sagt er „Gelobt ist Jesus Christus – das ist nämlich auf dem Schild zu lesen“, bemerkt er freundlich nicht auf Sorbisch, sondern nun mit breitem sächsischen Dialekt. Die sorbische Sprache, der katholische Glaube und die slawische Kultur sind hier in der Oberlausitz noch in einigen Orten sehr lebendig und unter den Menschen fest verwurzelt. In den Pfarrgemeinden Bautzen, Crostwitz, Ostro, Nebelschütz, Radibor, Ralbitz, Sdier oder Storcha gehört der größte Teil der Bevölkerung dem kleinen Volk der Sorben an. Die überwiegend aus dem ausgedehnten ehemaligen Grundbesitz des Klosters St. Marienstern angesiedelten Sorben (heute Kreis Kamenz) waren zu fast 100 Prozent Katholiken.

Der fränkische Chronist Fredegar erwähnt erstmals die Sorben im Jahr 631. Heute leben die etwa 60 000 Sorben mit deutschem Pass in den Bundesländern Brandenburg und Sachsen. Im Freistaat ist mit Stanislaw Tillich seit fast zehn Jahren sogar ein Sorbe der Regierungschef in Sachsen. Besonders die katholischen Sorben in der Oberlausitz haben dank ihres Glaubens viele Bräuche und ihre Muttersprache lebendig halten können. Wer zum Beispiel zu Christi Himmelfahrt, Pfingsten oder Fronleichnam in den Heiligen Messen im Kloster St. Marienstern war, der wird schnell bemerkt haben, dass die in sorbischer Sprache gehaltenen Gottesdienste um 7.30 Uhr viel stärker besucht waren, als das Hochamt in deutscher Sprache gut zwei Stunden später. Übersetzungen gab es nicht und die Lieder aus dem „Gotteslob“ wurden natürlich mit einer eigenen Ausgabe ausschließlich auf Sorbisch gesungen. Später sagte der katholischen Priester nach der Führung einer Reisegruppe durch die Klosterkirche und den sehr schönen, äußerst lehrreich angelegten Klostergarten in akzentfreiem Deutsch: „Ich wurde in der Nähe von Danzig geboren, lebe aber schon lange in Deutschland. Viele Jahre war ich in der Bodenseeregion zu Hause. Sorbisch, Tschechisch und Polnisch sind ähnliche Sprachen aus der slawischen Sprachfamilie – deshalb fühle ich mich hier auch ein Stück weit zu Hause.“ In Crostwitz, einem Ort, wo sich noch 90 Prozent der etwa 600 Einwohner zum katholischen Glauben bekennen, kann in der Pfarrkirche „St. Simon und Juda Thaddäus“ gleich neben dem Eingang eine lebensgroße Statue von Papst Johannes Paul II. bewundert werden. Der polnische Pontifex war hier einmal – noch als Kardinal – zu Besuch, wie eine Gedenktafel an der Außenmauer des Gotteshauses verkündet. „Die Verbindungen der Obersorben in das benachbarte Polen sind auch Dank des Glaubens sehr eng“, erklärt kurz darauf eine ortsansässige Lehrerin, die gerade mit ihrem Enkelkind spazieren geht. Als eine Gruppe von kleinen Schulmädchen vorbeikommt, grüßen sie lächelnd und freundlich ihre Lehrerin in sorbischer Sprache mit den Worten „Gelobt sei Jesus Christus“. „Das ist bei uns so üblich“, erklärt sie, „genauso wie in Bayern ein ,Grüß Gott'. Muttersprache gilt unter Katholiken oft als göttliches Geschenk, sie abzulegen wäre eine Sünde. Damit erklärt sich auch der außergewöhnliche Zusammenhang zwischen Sorbentum und dem katholischen Glauben, der bis heute anhält. Kurz darauf, bei Grillwürsten, Bautzener Senf und frischgezapften Görlitzer Landskronbier, kommt die kleine Reisegruppe aus Berlin mit einigen jungen Männern ins Gespräch, die den warmen Frühsommertag vor einem urigen Lokal ausklingen lassen. Obwohl sie untereinander alle nur sorbisch reden, kommt man mit ihnen schnell in Kontakt – erst recht, als sie merken, dass wir von derselben Konfession sind und uns für ihre Kultur, Geschichte und Sprache interessieren. So erfährt man einige Höhepunkte im Jahreskreis, wie den langen Zug der sorbischen Osterreiter, die farbenfrohen Fronleichnamsprozessionen, zu der auch die jungen Mädchen in ihrer Festtracht erscheinen oder dass die „Serbja“, die Sorben; das kleinste slawische Volk und eine der vier autochthonen Minderheiten in Deutschland sind. Aber auch Bräuche wie die Vogelhochzeit, Osterfeuer und Hexenbrennen, Maibaumaufstellen, Hahnschlagen oder Kranzstechen sind noch weit verbreitet. Es ist erstaunlich, dass trotz wachsender Dominanz der deutschen Sprache und Kultur in allen Lebensbereichen sich überhaupt ein so eigenes kleines Volk mit eigener Umgangssprache in Familien, Kindergärten, Schulen sowie Behörden und natürlichen den christlichen Kirchen halten konnte.

Als anerkannte nationale Minderheit haben die Sorben sogar eine eigene Flagge und Hymne. Es gibt im RBB und MDR Fernsehen und Radio spezielle Programme in nieder- oder obersorbischer Sprache. Die zweisprachige Beschriftung von Verkehrszeichen oder Schilder von Läden, Werkstätten und Büros sind obligatorisch und Dank der Landesverfassungen von Brandenburg und Sachsen sowie im Gerichtsverfassungsgesetz auch rechtlich garantiert. Das war historisch nicht immer so. Ab 1937 wurde durch die Nazis der Gebrauch des Sorbischen in der Öffentlichkeit verboten. Das sorbische Volk sollte zwangsassimiliert werden. Einige aktive Intellektuelle kamen sogar ins KZ und überlebten die Lagerhaft nicht.

Als das Gespräch mit den jungen sorbischen Männern auf den Glauben und Sachsen als Kernland der Reformation kommt, winkt der Student Pius nur ab, „hör mir auf mit Luther – der war ja nicht nur kein Freund der Juden, sondern auch gegenüber uns katholischen Sorben feindlich eingestellt“. Zum Abschied ruft er uns ein „Gott schütze Dich“ zu und rät, bei der am kommenden Tag geplanten Stadtbesichtigung von Bautzen unbedingt den Dom St. Petri zu besichtigen „Direkt gegenüber dem Rathaus – eine der größten Simultankirchen Deutschlands, die aber nur zu einem Drittel katholisch sei. Achtet auf den Knick im Bau und besucht unbedingt das Sorbische Museum im Salzhaus der Ortenburg!“

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