Bad Arolsen

Gefunden und gesucht

Die „Arolsen Archives“ stellen persönliche Gegenstände von KZ-Häftlingen aus.

Überbleibsel von Johan Juraschewitsch
Familienfotos, Rasierklinge, Personalausweis: Überbleibsel von Johan Juraschewitsch aus den Beständen der Arolsen Archives. Foto: Arolsen Archives

Es sind stumme Zeugen einer vergangenen Zeit. Vergilbte Schwarzweißfotos, die unbekannte Menschen beim Baden am Meer oder junge Mädchen auf der Schulbank zeigen. Dazu kommen Taschenuhren, Zigarettenetuis mit eingravierten Initialen oder einfach ein Rasiermesser. Zu Tausenden lagern sie seit Jahrzehnten in Archivkellern im hessischen Bad Arolsen und warten darauf, ihren Besitzern oder deren Erben zurückgegeben zu werden. Es waren die Gegenstände, die die Häftlinge in den Konzentrationslagern der Nazis am Leibe trugen, als sie deportiert wurden und millionenfach den Tod fanden.

Fünfundsiebzig Jahre ist der Zweite Weltkrieg nun zu Ende, und noch immer lagern rund 2 800 dieser Gegenstände – die so genannten „Effekten“ – in den Arolsen Archives, dem früheren Internationalen Suchdienst ITS. Vor wenigen Tagen ist in Meßkirch (Baden-Württemberg) eine Wanderausstellung gestartet, die unter dem Titel „#StolenMemory“ in einem ausklappbaren und begehbaren Übersee-Container in insgesamt 20 deutschen Städten diese Effekten der Öffentlichkeit präsentiert. Das Ziel: Die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass immer noch zahlreiche persönliche Gegenstände auf ihre Rückgabe warten.

Die Besucher sind direkt angesprochen

Dabei teilt sich die Ausstellung in zwei Bereiche auf. Wie die Arolsen Archives mitteilen, sind unter der Rubrik „Gefunden“ Gegenstände ausgestellt, die bereits ihren Besitzern oder den Nachkommen zurückgegeben werden konnten. Unter „Gesucht“ sind die Habseligkeiten ausgestellt, die noch in den Archiven lagern. Hier sind die Besucher der Ausstellung direkt angesprochen. Denn die Arolsen Archives setzen auf freiwillige Helferinnen und Helfer. Jeder ist angesprochen, bei der Rückgabe der „Effekten“ mitzuhelfen. Schon über 400 konnten nach Angaben des Suchdienstes durch die Mithilfe ehrenamtlicher Helfer an ihre Besitzer zurückgegeben werden. Andererseits geht es den Organisatoren auch um ein Stück Wiedergutmachung. „Viele Opfer hinterließen keine materiellen Spuren für ihre Familien, weil die Nationalsozialisten ihnen alles nahmen“, so Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives. Die Rückgabe der Effekten sei für die Angehörigen deshalb oft sehr unerwartet: „Einige von ihnen wissen nichts oder nur wenig über diesen Teil der Lebensgeschichte ihrer Großeltern, Eltern, Onkel und Tanten.“ Umso wichtiger sei es, dass die Gegenstände in die Familien zurückkehrten.

Die Effekten stammen überwiegend aus dem Konzentrationslager Neuengamme südlich von Hamburg und zu einem geringen Teil aus dem KZ Dachau bei München. Hinzu kommen kleinere Bestände aus Bergen-Belsen sowie von der Hamburger Gestapo. Die einstigen Besitzer waren überwiegend politisch Verfolgte oder in Konzentrationslagern inhaftierte Zwangsarbeiter. Sie stammten aus über 30 Nationen, vorwiegend aus Ostmittel- und Osteuropa. Besonders im Bestand des KZ Dachau finden sich auch viele Effekten von deutschen Häftlingen.

Oft wurden die Habseligkeiten verkauft

Besitz jüdischer Häftlinge oder von Sinti und Roma ist in den Archiven des Suchdienstes hingegen kaum vorhanden. Die Habseligkeiten der Häftlinge, die in den Todeslagern der Nazis ermordet wurden, wurden nicht verwahrt, sondern verkauft. Die Erlöse flossen in die Kriegskassen des Dritten Reiches.

Außerhalb der Vernichtungslager wurden die Habseligkeiten hingegen in sogenannten „Effektenkammern“ aufbewahrt. Wurden Häftlinge verlegt, schickte die SS die Effekten hinterher. Auf die Nazis geht im Übrigen auch der Begriff „Effekten“ zurück. Ursprünglich meinte er beweglichen Besitz oder Reisegepäck. Auch an der Börse ist der Begriff bis heute geläufig. Die Nazis verwendeten ihn für die persönlichen Gegenstände der Inhaftierten in den Gefängnissen und Konzentrationslagern, die sie bei der Ankunft abgeben mussten. In der Endphase des Krieges versuchten die Lagerverwaltung des KZ Neuengamme in einer abenteuerlichen Aktion, die erbeuteten Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen. Wie die Arolsen Archives auf der Homepage zur Ausstellung „#StolenMemory“ schreiben, hat im April 1945 der Verwaltungsleiter, SS-Sturmbannführer Christoph-Heinz Gehring, die Effekten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ausgelagert. Ein Mitarbeiter brachte sie in seinen Heimatort Lunden in Schleswig-Holstein, wo die Habseligkeiten in die Kegelbahn einer Gaststätte gebracht werden sollten.

Die britische Armee stellte Häftlingseigentum sicher

Doch kurze Zeit später war der Krieg zu Ende und die britische Armee stellte das Eigentum der Häftlinge sicher. Während die Bestände aus Neuengamme damit einigermaßen vollständig waren, konnte aus Bergen-Belsen nur ein kleiner Rest gerettet werden. Die meisten Effekten waren geplündert, teils auch mutwillig zerstört worden. Nur in rund 100 Fällen kehrten sie wieder zu ihren Besitzern oder deren Erben zurück. Eine extrem geringe Zahl, wenn man bedenkt, dass Ende 1944 über 15 000 Häftlinge in Bergen-Belsen gefangen waren.

In Dachau hingegen waren es nach der Befreiung ehemalige Häftlinge, die in einer Art Selbstverwaltung die persönlichen Habseligkeiten wieder an ihre Inhaber verteilten. Doch aufgrund des verzweigten Systems der Außenlager hat auch das nicht immer funktioniert. Über mehrere Zwischenstationen gelangten die Effekten schließlich 1963 nach Arolsen, wo die Suche nach den rechtmäßigen Besitzern begann. Waren es anfangs noch etwa 4 700 Umschläge mit persönlichen Gegenständen, sind nach Angaben des Suchdienstes heute noch etwa 2 800 übrig geblieben, deren Besitzer nicht ermittelt werden konnten.

Dank heutiger Möglichkeiten der Online-Recherche – seit 2015 ist der Bestand mit Fotos online zugänglich – und mit einem weltweiten Netz an Freiwilligen gelangten viele Erinnerungsstücke wieder zurück in die Hände der Familien der damaligen Häftlinge. Auch über sieben Jahrzehnte nach Kriegsende ist die Arbeit des Suchdienstes keineswegs beendet. Ende 2018 waren rund 240 Mitarbeiter in Bad Arolsen beschäftigt. Jahrzehntelang hatte die Einrichtung eine zentrale Funktion: Sie sollte die Menschen suchen, die zwischen 1933 und 1945 in Konzentrationslager, Ghettos, Arbeitslager oder Gestapo-Gefängnisse interniert wurden oder Zwangsarbeit leisten mussten.

Suchdienst beantwortet 20.000 Anfragen im Jahr

1955 übernahm das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) die Leitung des Suchdienstes, der unter der Aufsicht eines internationalen Ausschusses bestand, dem bis heute elf Länder angehören. Neben den drei Westmächten USA, Großbritannien und Frankreich waren dies die Länder, aus denen ein Großteil der ehemaligen Häftlinge stammten, beispielsweise Israel oder Polen. Bis heute beantwortet der Suchdienst nach eigenen Angaben rund 20 000 Suchanfragen im Jahr.

Dennoch rückten mit der Zeit die riesigen Archivbestände in den Mittelpunkt des Interesses. Der Bestand des Suchdienstes ist mit rund 30 Millionen Dokumenten eine der weltweit größten Sammlungen von Unterlagen über zivile Opfer der Nazi-Herrschaft, darunter auch „Schindlers Liste“, also das Verzeichnis der Personen, die der Unternehmer Oskar Schindler vor dem Tod rettete. Die Archive geben Auskunft über rund 17,5 Millionen Menschen. Viele Dokumente sind mittlerweile online einsehbar.

Seit 2012 hat sich das IKRK aus der Leitung des Suchdienstes zurückgezogen; seitdem ist das Bundesarchiv der Partner. Im Mai 2019 wurde der Internationale Suchdienst (englisch International Tracing Service, ITS), wie die Einrichtung bis dahin hieß, in „Arolsen Archives“ umbenannt. Die Effekten sind nur ein kleiner Teil der Sammlung. Auch wenn viele nur einen sehr geringen materiellen Wert haben, sind sie oft die letzten Gegenstände, die die Opfer der NS-Diktatur bei sich trugen. Bis zum 2. Dezember sind sie in der Ausstellung „#StolenMemory“ zu sehen.

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