Fussball-EM: Anpfiff

Eine Europameisterschaft braucht Helden. Für die Kinder. Blenden wir das gestrige Match der Heldenmacher an sich, Österreich gegen Deutschland, einmal aus, dessen Ergebnis bis Redaktionsschluss noch nicht vorliegen konnte, lohnt das aber der Rede und Erkenntnis kaum. Viel interessanter sind die Deppen des grünen Rasens. Sie nämlich lassen erst den harmlosen, naiv jubelnden Gelegenheitsfan zum wahren, leidenden Fußballexistenzialisten reifen, auch wenn er nie ein Wort von Albert Camus, Jean-Paul Sartre, Martin Heidegger oder Kurt Beck gelesen hat. Was nicht weiter verwunderlich ist, weiß doch die Schöpfungstheologie, dass die Welt immer noch in Wehen liegt, und die Ursünde den Menschen aus dem Heldenparadies vertrieben hat, wegen eines Apfels übrigens, der Urform des runden Leders. Wobei analytisch scharf zu scheiden gilt: Es gibt den dummen Deppen. Zum Beispiel Bastian Schweinsteiger. Der glaubt sich in der Nachspielzeit gegen Kroatien durch ein Foul persönlich beleidigt, tritt nach, sieht Rot, zeigt beim Abgang der Welt den Vogel, und verbraucht durch seine gockelige Show so viel Zeit, dass seine Kameraden gar nicht mehr vor die kroatische Kiste kommen können, um auszugleichen. Solche Deppen sind schnell vergessen. Unvergessen bleiben dagegen die wahren Deppen des Fußballs, die Torhüter. Tausendmal berührt, tausendmal is nix passiert, doch auf einmal, da hat es „Boom“ gemacht, um die berühmten Zeilen des Rocksängers und Hobbyexistenzialisten Heinz Rudolf Kunze zu zitieren. Da kann ein Petr Chech für Tschechien albatrossgleich gefühlte tausendmal durch den Strafraum segeln, tausendmal den Ball sicher fangen, tausendmal einen Rückstand gegen die Türken verhindern – nur einmal lässt er ihn fallen, schon ist er allein der Depp, da können die Stürmer noch so viele Chancen versiebt, die Abwehrspieler noch so oft geträumt haben. Und Tschechien draußen, das er vor diesem, seinem einzigen Fehler im gesamten Turnier fast allein im Spiel gehalten hatte. Würde dieses Adjektiv nicht für Helden abonniert sein, philosophisch gesehen völlig zu Unrecht übrigens, ließe sich das auch tragisch nennen. Ein tragischer Depp, der wahre Held. sei

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