Für ihn war das „C“ ein Aufruf zur Tat

Vor 70 Jahren starb mit Adam Stegerwald ein Vordenker und Gründungsvater der Christlich-Sozialen-Union. Von Thomas Emons

Dezember 1945. In Würzburg stirbt der Regierungspräsident Adam Stegerwald. Erst wenige Wochen vor seinem Tod hat er mit seinen politischen Freunden die Christlich-Soziale Union aus der Taufe gehoben. Sie wollen, wie es Stegerwald im August 1945 im Würzburger Stadthaus formuliert hat, „auf der sittlichen und geistigen Grundlage des Christentums eine neue demokratische Staats- und Gesellschaftsordnung aufbauen.“ Dass sich das Grundgesetz der westdeutschen Bundesrepublik in seiner Präambel 1949 zur „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ bekennt, entspringt auch dem Geist und dem politischen Vermächtnis Adam Stegerwalds.

Schon 25 Jahre zuvor hatte der christliche Gewerkschafter und langjährige preußische Sozialminister beim Essener Kongress seiner Gewerkschaften für die Bildung einer konfessionsübergreifenden christlichen Volkspartei plädiert. Diese christlich-nationale Volkspartei sollte in seinem Sinne christlich, sozial und demokratisch, aber keinesfalls sozialistisch sein. Dem Zentrumspolitiker schwebte eine mit der christlichen Arbeiterbewegung verbundene Volkspartei vor, für die das „Wort christlich nicht nur ein äußeres Merkmal, sondern Wirklichkeit und Tat“ sein sollte. Dass sich der Reichstagsabgeordnete Stegerwald damals nicht durchsetzen konnte, hatte Gründe. Auch in der frühen Weimarer Republik, als das 1870 gegründete Zentrum reichsweit nach der SPD zur zweitstärksten Partei geworden war, wirkten die Erfahrungen des preußisch-protestantischen Kulturkampfes der 1870er Jahre nach. Das Zentrum war nach seiner Gründung 1870 auch deshalb zur katholischen Volkspartei geworden, weil Bismarck und seine liberalen Bündnispartner so gezielt wie am Ende wirkungslos versucht hatten, das katholische Milieu, die Kirche und den politischen Katholizismus zu zerstören.

Als Bauernsohn aus Greußenheim bei Würzburg wurde Stegerwald am 14. Dezember 1874 in diesen Kulturkampf hineingeboren, in dem Bismarck die Katholiken als „Reichsfeinde“ diffamierte. Das kam Bismarck damals gerade recht, da das junge Kaiserreich nach einem Gründungsboom seine erste Wirtschaftskrise durchlebte. Entsprechend erinnerte sich Stegerwald 1924 an seine Kindheit und Jugend: „Meine Eltern waren kleine Bauersleute. Meine Jugend fiel in eine Zeit, in der es der deutschen Landwirtschaft und besonders den kleinen Landwirten sehr schlecht ging. Im elterlichen Haus war daher nicht selten Schmalhans der Küchenmeister.“ Der Bauernsohn aus einfachen und kinderreichen Verhältnissen kannte die Not. Aber sie motivierte ihn auch zum sozialen Aufstieg und zum Einsatz für die Arbeiterrechte. Das Zentrum und der Kolpingverein wurden zur politischen und sozialen Heimat. Seine dort gewonnenen Einsichten ließen ihn zu der Erkenntnis gelangen, dass das Heil der Arbeiterschaft nicht im revolutionären Klassenkampf, sondern in einem auf soziale Reformen angelegten Ausgleich zwischen Unternehmern und Arbeitern zu suchen war. Damit bewegte er sich auf der Basis der katholischen Soziallehre. Für den katholischen Arbeiterführer war Politik, „kein Reich der politischen Ideen, sondern ein Feld des auf Erkenntnissen beruhenden politischen Handelns.“

Deshalb lehnte Stegerwald schon als Vorsitzender des christlichen Holzarbeiterverbandes und später auch der christlichen Gewerkschaften eine Zusammenarbeit mit den sozialistischen Gewerkschaften ab. Er forderte aber, wie die Sozialdemokratie, die Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechtes. Als erster Arbeiter wurde Stegerwald 1917 ins preußische Herrenhaus berufen. Nach dem Ende der Monarchie und des Ersten Weltkrieges war er als Mitglied der Zentralen Arbeitsgemeinschaft, der Weimarer Nationalversammlung und der Preußischen Landesversammlung ein Architekt der neuen demokratischen Verfassung Deutschlands. Als Reichstagsabgeordneter und als preußischer Sozialminister, der zwischenzeitlich auch das Amt des preußischen Ministerpräsidenten ausübte, erlebte und erlitt er alle Höhen und Tiefen der ersten deutschen Demokratie. Dass das Zentrum 1933 dem Ermächtigungsgesetz zustimmte und damit seinen eigenen Untergang besiegelte, hatte auch damit zu tun, dass nicht nur Stegerwald hoffte, Hitler politisch einbinden und besänftigen zu können. Der bis 1945 zur politischen Tatenlosigkeit verdammte Stegerwald sah seinen Irrtum bald ein. Umso stärker arbeitete er mit seinen politischen Freunden die Gründe für das eigene Scheitern auf und entwarf Pläne für eine christliche Volkspartei, die nach Hitlers Sturz den Ungeist der NSDAP überwinden könne.

Weil die Männer des 20. Juli 1944 erwogen hatten, Stegerwald nach dem Sturz Hitlers zum Reichsverkehrsminister zu ernennen, wurde er nach dem gescheiterten Attentat von der Gestapo verhaftet und inhaftiert, überlebte aber das Kriegsende. So blieb Stegerwald, der danach von der amerikanischen Militärregierung zum Regierungspräsidenten von Unterfranken ernannt wurde, gerade noch die Zeit, um die politischen Weichen in seinem Sinne zu stellen.

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