„Friedensstadt ohne Frieden“

Bethlehem feiert Weihnachten bescheidener als sonst und will so auf die angespannte Lage aufmerksam machen. Von Oliver Maksan
Foto: Maksan | Blick auf die Geburtskirche.
Foto: Maksan | Blick auf die Geburtskirche.

Bethlehem (DT) Auch in diesem Jahr lassen sich Weihnachten und Politik in Bethlehem nicht voneinander trennen. Hoch oben auf dem traditionellen Christbaum auf dem Krippenplatz vor der Geburtskirche weht die palästinensische Flagge. Wie jedes Jahr nutzt Bethlehem die weltweite Aufmerksamkeit zur Weihnachtszeit, um auf die Lage in der Stadt und in Palästina aufmerksam zu machen. „Wir sind die Stadt des Friedens ohne Frieden. Die israelische Besatzung hat eine Mauer und Checkpoints um uns herum gezogen. Der Friede wurde eingemauert“, sagte Vera Babun, Bethlehems römisch-katholische Bürgermeisterin, am Donnerstag, als sie die Weihnachtssaison vor Journalisten eröffnete. Die dauert in Bethlehem lange. Nach dem westlichen Weihnachtsfest am 25. Dezember feiert die orthodoxe Welt am 7. Januar. Und am 19. Januar begehen noch die Armenier das Geburtsfest des Herrn. Für die Stadt und ihre vom Pilgertourismus lebenden Einwohner ist jetzt also lange Hochsaison.

Doch diese soll in diesem Jahr der angespannten politischen Lage Rechnung tragen. „Wir leben in schlechten Umständen. Unsere Märtyrer haben ihr Leben verloren. Viele Menschen wurden verletzt“, sagt Bürgermeisterin Babun. Sie, die als erste Frau an der Spitze der Geburtsstadt Jesu Christi steht, hat die Gewaltwelle im Blick, die sich seit Monaten durch das Heilige Land wälzt. Die Israelis sprechen von Terrorattacken mit Messern und Autos gegen Unschuldige. Über zwanzig Juden wurden seit Oktober getötet, Dutzende teils schwer verletzt. Die Palästinenser sehen darin hingegen den Ausdruck eines verzweifelten, seiner Rechte beraubten Volkes. Sie glauben zudem, die israelische Abwehr der Palästinenser komme einer Exekution ihrer Landsleute gleich. Über Hundert wurden in den letzten Wochen erschossen. Hunderte verletzt. „Die Angehörigen unserer Märtyrer werden bei der Entzündung des Weihnachtsbaums zugegen sein“, kündigt Frau Babun an. Insgesamt werden die Feiern dieses Jahr bescheidener ausfallen. So wurde das traditionelle Abendessen nach dem Entzünden der Lichter am Christbaum gestrichen. Auch die Weihnachtsdekoration in den Gassen und Straßen der Stadt wurde reduziert. Stattdessen werden am heutigen Samstagabend die Glocken der Kirchen der Stadt für den Frieden läuten. Kirchen in aller Welt wollen sich dem anschließen, sagt sie.

Die Spannungen wirken sich natürlich auch negativ auf das wirtschaftlich entscheidende Weihnachtsgeschäft aus. Während die viertausend Betten der 44 Hotels in der Region Bethlehem in der Weihnachtssaison normalerweise zu achtzig bis neunzig Prozent belegt sind, geht man in diesem Jahr in der Wirtschaftskammer der Stadt von einem möglichen Rückgang um die Hälfte aus. Viele ausländische Besucher haben ihre Reise wegen der Lage abgesagt. Auch die Souvenir- und Devotionalienhändler spüren das. „Ich habe noch selten eine so schlechte Saison erlebt“, meint ein christlicher Geschäftsmann, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, während er inmitten der Kreuze und Krippen seines leeren Ladens steht.

Die katholische Kirche unterstützt die Politik der Stadt, das diesjährige Weihnachtsfest bescheidener zu feiern. Dschamal Khader steht neben der Mauer, die Bethlehem von Jerusalem trennt. Durch die Öffnung wird der Lateinische Patriarch am 24. Dezember von Jerusalem kommend seinen traditionellen Einzug halten. „Als die Israelis 2003 die Mauer bauten und damit erstmals in der Geschichte die geistlichen Geschwister Jerusalem und Bethlehem voneinander abschnitten, haben wir gesagt, dass unser Patriarch deshalb sicher nicht seine Route ändern wird. Sie haben deshalb dieses Tor gebaut, das nur einmal im Jahr geöffnet wird“, erklärt der Priester, der das Priesterseminar des Lateinischen Patriarchats in Beit Dschalla, einem überwiegend christlichen Nachbarort Bethlehems, leitet. „So sehr wir uns ein normales Leben und ein besinnliches, frohes Fest wünschen: Wir können hier nicht Weihnachten feiern und vergessen, was rings um uns herum passiert. Deshalb spiegeln die Feiern dieses Jahr die Lage wider“, sagt er. „Aber das ist kein Widerspruch. Das Leid ist Teil schon der Weihnachtsgeschichte. Josef und Mara fanden keinen Platz in der Herberge und sie mussten mit dem Kind nach Ägypten fliehen.“

Rektor Khader bedrückt neben den anhaltenden Unruhen im Heiligen Land und der Besatzung Palästinas durch Israel der jüdische Extremismus. „Sie wollen uns palästinensische Christen nicht im jüdischen Staat. Kirchen und Moscheen wurden angegriffen. Und das Schlimmste ist: Es passiert den Tätern meist nichts. Und im Cremisantal verlieren unsere Leute ihr Land an die israelische Mauer. Aber wir Christen sind seit 2 000 Jahren hier. Wir werden nicht gehen.“

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