Neapel

Neapolitanische Krippen: Kitsch oder Kunst?

Die neapolitanischen Krippen waren schon immer auf dem neuesten Stand des gesellschaftlichen Lebens – sie sind es bis heute geblieben.

In Neapel gehen die Krippengestalter mit der Zeit
In Neapel gehen die Krippengestalter mit der Zeit. Dementsprechend tragen Maria und Josef in diesem Jahr eine sogenannte Alltagsmaske. Foto: Imago Images

Der Stall von Bethlehem. Die Heilige Familie ist um die Krippe versammelt und eine jubilierende Engelsschar preist Gott in der Höhe und verkündet den Menschen die Friedensbotschaft. Einige Hirten sind niedergekniet und auch ein beliebter Fußballspieler, der sich daruntergemischt hat. Außerdem sind einige TV-Stars dem Stern von Bethlehem gefolgt und tagesaktuelle Polit-Akteure, die natürlich im Gefolge der Könige reisen, welche brav ihre Corona-Maske tragen und statt Myrrhe eine Impfspritze im Gepäck haben. Corona in der Krippe? Muss das sein? Nein. Aber es ist damit zu rechnen, denn „o presebbio napuletano“, die neapolitanische Krippe, zeigt nicht nur das Wunder der Geburt Christi, sondern auch die Wunderlichkeiten des Alltags; und dies mit einer so großen Detailfreude und bisweilen auch überschäumenden Aktualität, dass sich nicht nur Kinderaugen weiten.

Lebendige Tradition

Entstanden ist diese bis heute quicklebendige Tradition wohl im 16. Jahrhundert, wobei eine eigene Hauskrippe ein ursprünglich dem Adel vorbehaltenes Vergnügen war, denn die geschnitzten und mit kostbaren Textilien ausstaffierten Puppen bedeuteten eine nicht zu unterschätzende Investition. Gemäß einem Inventar von 1567 besaß die Herzogin von Amalfi, Costanza Piccolomini, in ihrem Schloss in Celano zwei Truhen mit immerhin 116 Figuren, mit denen sich unter anderem Christi Geburt und die Anbetung der Könige darstellen ließ. In der Zeit der Gegenreformation gewann die sinnlich erfahrbare, bildliche Darstellung von Christi Leben eine immer größere Bedeutung. Die große Zeit der neapolitanischen Krippe aber war das 18. Jahrhundert und die protestantischen Sachsen sollen daran nicht unbeteiligt gewesen sein.

Weißes Gold

1738 hatte König Karl VII. von Neapel und Sizilien Maria Amalia von Sachsen geheiratet. In ihrem Reisegepäck brachte die Enkelin Augusts des Starken auch einige erlesene Stücke des „Weißen Goldes“ nach Italien und in eine dieser ausgesteuerten Porzellantassen verliebte sich der junge König so sehr und heftig, dass er sich auch für Neapel eine Porzellanmanufaktur wünschte wie jene in Meißen. Die Sachsen aber wollten die streng geheime Rezeptur für die Herstellung von Hartporzellan trotz Heirat nicht herausrücken, weswegen man in Süditalien nur Weichporzellan brennen konnte. Glaubt man den Legenden der neapolitanischen Cicerone, so habe der König, um den Verkauf seiner Mangelwaren anzukurbeln, eine Krippe bestellt, die ein rechter Verkaufsschlager wurde.

Doch so schön die Geschichte auch klingen mag, erzählt sie nicht die ganze Wahrheit, denn das Porzellan aus Capodimonte war auch ohne Jahresendfiguren recht erfolgreich, und nachdem der König als Karl III. den spanischen Thron bestieg, zog auch die Manufaktur nach Madrid um; zusammen mit fünf Tonnen Porzellanmasse.

Jedes Jahr kamen neue Figuren hinzu

Richtig ist, dass Karl VII. tatsächlich unter einem sehr heftigen „Krippal-Infekt“ litt. Einen eigenen Stall soll er geschnitzt und winzige Kuchen gebacken haben, um sie seinem „Gesu bambino“ in die Krippe zu legen. Kein Wunder also, dass die berühmtesten Rokoko-Künstler Neapels, neben ihrer Arbeit als Modelleure oder Maler in der Fabbrica Reale di Capodimonte, auch Krippenfiguren gestalten mussten; bewegliche, circa 38 cm hohe Gliederpuppen, die man in allen erdenklichen Positionen arrangieren konnte.

Während die bekleideten Körperteile aus umwickeltem Drahtgeflecht bestanden, wurden die Köpfe aus Terrakotta gefertigt und von den Porzellanmalern farbig gefasst, wobei die wohl schönsten von Francesco Gallo oder von dem begnadeten Bildhauer Giuseppe Sammartino stammen. Deren Hirten, Bürger, Lazzaroni, Lumpensammler und Bettler schneiden Gesichter, grimassieren und ziehen Fratzen nach Herzenslust. Mit ihren ausdrucksstarken, aus Holz geschnitzten Händen gestikulieren sie wild und bedienen sich dabei der wortreichen Sprache ihrer zehn Finger. Jedes Jahr kamen neue Figuren dazu, so dass sich das königliche Bethlehem in Kürze über mehrere Säle des Palastes ausdehnte und für die Aufstellung ein eigener Regisseur bestallt werden musste. Schnell weitete sich die königliche Krippe zur Pandemie aus. Hatte zunächst nur die Königin Krippengewänder genäht und bestickt, so schneiderten bald sämtliche Damen der Gesellschaft – stets nach der neuesten Mode der Zeit; die Hofadeligen wetteiferten geradezu darum, wer denn den prachtvollsten Stall habe.

Goldene Königsgaben

Dabei protzte man nicht nur bei den Königsgaben, die von echten Goldschmieden ziseliert und mit echten Korallen und echten Perlen geschmückt wurden. Nicht minder detailverliebt war man bei den „Pastori“, wobei man den Hirtenbegriff großzügig auf Nudelzieher, Maronibrater und Fleischhauer ausdehnte, denn als Krippenfigur hatte auch das gemeine Volk Zutritt zu den Palazzi der Reichen. Wie Typen der Commedia dell'Arte, wie Chargen der Opera buffa wurden die Gestalten zu erstarrten Theaterszenen gruppiert und effektvoll beleuchtet – augenrollende Marktweiber, schnauzbärtige Fischhändler, dralle Wirtinnen und feiste Bauern aus dem Umland, die sich die Spaghetti hineinstopfen; daneben aber auch reich gewordene Bürger und vornehm gekleidete Zelebritäten. Geheimnisumwittert ist der lahme Bettler mit dem Knaben, der sich traditionell etwas unterhalb der Heiligen Familie findet – Sinnbild für den zwar nach Gottes Ebenbild geschaffenen, aber schwachen Menschen, der sich nach der Geburt des Erlösers sehnt.

Die Verbindung von Sakralem und Weltlichem, von Puppenstube und Heilsgeschichte trieb immer kuriosere Blüten. Johann Wolfgang von Goethe notierte in den Erinnerungen an seine „Italienische Reise“, die Krippenliebhaberei sei den Neapolitanern sogar „bis auf die flachen Hausdächer gestiegen; dort wird ein leichtes hüttenartiges Gerüste erbaut, mit immergrünen Bäumen und Sträuchen aufgeschmückt. Die Mutter Gottes, das Kind und die sämtlichen Umstehenden und Umschwebenden sind kostbar ausgeputzt, auf welche Garderobe das Haus große Summen verwendet. Was aber das Ganze unnachahmlich verherrlicht, ist der Hintergrund, welcher den Vesuv mit seinen Umgebungen einfaßt.“

Gewebte Stoffe

Eine regelrechte Industrie entwickelte sich um die Krippe und ihre Ausstattungsteile, die „finimenti“. Spezielle Webereien stellten Stoffe mit verkleinertem Rapport her und Instrumentenbauer feilten an spielbaren Miniaturinstrumenten für die Janitscharenkapelle, ohne die kein Königszug auskommen sollte. Winzige, am Strand gefundene Muscheln und Schnecken wanderten in miniaturisierte Körbe, um die Karren der Marktschreier zu beleben.

Noch heute fertigen Wachszieher täuschend echte Zitronen, Mortadellas und Scamorza-Käse. Um etwa eine einzelne Weintraube zu gestalten, fädelt man wie im 18. Jahrhundert eine Glasperle auf einen Draht auf und taucht sie immer wieder in heißes Wachs, bis daran ein – je nach Rebsorte gelber, grüner oder dunkelblauer – Tropfen hängt. Bis zu 50 dieser wachsbeperlten Drähte werden zu einer ganzen Traubenrispe verdreht, die von der Natur nicht zu unterscheiden ist. Wer durch die Via Gregorio Armeno, Neapels berühmte Krippenstraße schlendert, erkennt in den dort gezeigten Krippen die Stadt, wie sie war, wie sie ist und wie sie sich zeigt. Dicht zusammengerückt sind Kitsch und Kunst, Massenware und Einzelstück, Vulgäres und Edles. Auch die Heiligen und die Sünder, die Reichen und Armen, die Mächtigen und Beherrschten stehen in trauter Einigkeit. Dann und wann trägt einer eben auch Jeans oder Beanie statt Barockkleid und Dreispitz.

Biden in der Krippe

Die neapolitanischen Krippen waren schon immer auf dem neuesten Stand des gesellschaftlichen Lebens und sind es bis heute geblieben – ein jugendlich lebendiges, bisweilen auch freches Schätzchen des Christentums, denn neben Mafia-Paten wurden auch schon Berlusconi und Merkel im Stall gesichtet. Neuerdings ist auch Joe Biden dazugekommen. „Son tutti pastori con mani pulite“ – Alles Hirten mit weißen Westen! Was auch sonst? Die oben erwähnten Schutzmasken und Impfampullen brachten die Könige übrigens schon 2016 – damals allerdings noch wegen der Schweinegrippe. Nichts Neues also unter der Sonne Neapels.

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