Berlin

Flughafenseelsorger gehen auf die Menschen zu

Mit der Eröffnung des Berliner Flughafens BER haben dort auch die Seelsorger ihre Arbeit aufgenommen. Wir beschreiben die Herausforderungen ihrer Tätigkeit.

Flughafenseelsorger
Nach vielen BER-Pannen geht es um Menschen: die evangelische Pfarrerin Sabine Röhm und der katholische Priester Wolfgang Felber. Foto: Imago Images

Flughafen Berlin-Brandenburg, Terminal 1, Ebene 3: Hinter einem Café befinden sich die Räume der Flughafenseelsorge. Ein paar Tage vor der Eröffnung des BER nehmen der katholische Priester Wolfgang Felber und seine Kollegin, die evangelische Pfarrerin Sabine Röhm, die Stühle für ihren neuen Arbeitsort in Empfang. Mitarbeiter eines Unternehmens öffnen Kartons und schälen Sitzgelegenheiten aus schwarzem Metall aus der Plastikfolie. Zwölf kommen in den Raum der Stille, zwölf in die Kapelle.

Beide Räume sind quadratisch und verfügen jeweils über einen Vorraum. Drinnen ist es tatsächlich still und ziemlich dunkel. Die Ziegelwände werden von unten beleuchtet. Eine weitere Lichtquelle ist der Lichthof an der Decke, der an den Himmel erinnert. Der Raum der Stille kommt ohne religiöse Symbole aus. Links daneben ist die Kapelle mit dem Kreuz. Felber und Röhm freuen sich besonders über die Kapelle, denn so etwas gab es bislang noch auf keinem Berliner Flughafen. Sie planen kurze Andachten. Nach dem Ende der Pandemie sollen hier auch Taufen und Trauungen stattfinden. Vielleicht für Menschen, die sich auf dem Flughafen kennengelernt haben? Wer weiß.

Ein heimeliger Ort

„Es war ein Wunsch des Architekten, innerhalb des Flughafengebäudes einen möglichst heimeligen Ort zu schaffen“, sagt Wolfgang Felber und erzählt, dass Hans-Joachim Paap vom Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner diese Räume in Absprache mit Kirchenvertretern gestaltet hat. Sie waren rasch fertig – im Unterschied zum übrigen BER. Die Eröffnung des Flughafens war ursprünglich für Juni 2012 geplant und musste immer wieder verschoben werden.

Felber und Röhm verfügen noch über Büros in einem Verwaltungsgebäude und einen Schalter auf Ebene 3. Er befindet sich, ebenso wie Kapelle und Raum der Stille, auf der sogenannten Landseite des Flughafens, also vor der Abfertigung. „Das hat den Vorteil, dass auch Menschen, die Reisende abholen, sie erreichen können“, sagt der Jesuiten-Pater. Der Nachteil bestünde darin, dass viele Passagiere sich vor der Passkontrolle wenig Zeit für ein Zwiegespräch mit Gott nehmen. Auf einigen anderen Flughäfen sind Kapellen und Räume der Stille auf der sogenannten Luftseite, also nach der Abfertigung. Dort sind sie unerreichbar für wartende Angehörige. Seelsorge wird übrigens an 17 Flughäfen im deutschsprachigen Raum angeboten.

Jahrelange Erfahrung

Sowohl Sabine Röhm als auch Wolfgang Felber haben jahrelange Erfahrungen mit Gesprächen in schwierigen Situationen. Röhm ist gleichzeitig Seelsorgerin bei der Berliner Feuerwehr, Felber Seelsorger in einem Krankenhaus. Schon im Juni 2012 trat er seinen Teilzeit-Job in der Flughafenseelsorge an. Unterstützt von 30 Ehrenamtlichen zwischen 30 und 75 Jahren haben Röhm und Felber bislang auf den Flughäfen Schönefeld und Tegel ihren Dienst getan. Tegel wird am 8. November geschlossen, was Wolfgang Felber sehr bedauert. Der Airport sei sein „Wohnzimmer“ gewesen, der Ort, an dem er jahrelang Freunde aus aller Welt begrüßte.

In den vergangenen Monaten hatten die Flughafenseelsorger viel zu tun. Wegen Corona wurden Flüge gestrichen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen. Die Branche ist in heller Aufregung. „Zukunftsangst ist ein Thema, das in der Seelsorge auftaucht und dort seinen Platz hat“, sagt Felber.

„Ob jemand Unterstützung benötigt, sehen wir an der Mimik und Gestik.“ Sabine Röhm.

Denn er und seine Leute kümmern sich ausdrücklich nicht nur um die Reisenden, sondern auch um die Angestellten des Flughafens – etwa, wenn ein Mitarbeiter zu ihnen kommt und von einem Kollegen erzählt, der seit längerem niedergeschlagen wirkt. Ansonsten laufen die Seelsorger über den Flughafen – sowohl auf der Land-, als auch auf der Luftseite. Als Einzige auf dem Airport tragen sie lila Westen mit silbernen Streifen und hoffen, dass sie so als Kirchenvertreter gut erkennbar sind. „Ob jemand Unterstützung benötigt, sehen wir an der Mimik und Gestik“, sagt Sabine Röhm. „Wir gehen auf die Menschen zu und fragen, ob sie Hilfe brauchen. Manchmal wird das abgelehnt. Viele Menschen sind aber sehr dankbar, wenn sie angesprochen werden.“

Unterschledliche Gefühlslagen

Auf einem Flughafen treffen Menschen in unterschiedlichen Gefühlslagen aufeinander. Den einen versetzt der bevorstehende Flug in Hektik. Die andere freut sich auf ihre Pilgerreise und wünscht sich dafür den Segen eines Priesters. Wieder andere sind tieftraurig, weil sie zu einer Beerdigung unterwegs sind, oder innerlich aufgewühlt, weil sie nach vielen Jahren ihre Verwandten wiedersehen.

Mancher möchte gar nicht verreisen. Er will auf dem Flughafen Pfandflaschen sammeln oder mit seiner psychischen Beeinträchtigung unter Menschen sein. In einer Großstadt wie Berlin kommt es immer wieder vor, dass verwahrloste und verwirrte Menschen auf dem Flughafen stranden – besonders auf dem Flughafen Tegel, der in der Innenstadt liegt und mit Bussen gut erreichbar ist.

Wolfgang Felber erzählt von einer Frau, die dem Flughafenseelsorge-Team in Tegel an mehreren Tagen hintereinander auffiel. Sie saß auf einer Bank, wartete. Eine Freundin aus Moskau komme mit dem Flugzeug um 17 Uhr, erzählte sie, als die Seelsorger sie freundlich ansprachen. Es stellte sich heraus: Es gab weder die Freundin, noch traf um 17 Uhr eine Maschine aus Russland ein. „Da wurde uns klar: Mit dieser Frau werden wir uns länger beschäftigen und versuchen herauszufinden, was sie braucht, und wie wir ihr helfen können“, sagt Felber. Er erzählt, dass er gegebenenfalls auch die Kollegen vom Flughafensozialdienst einschalten kann.

Lange Ausbildung und Supervision

Als Geistlicher hat er, ebenso wie Sabine Röhm, ohnehin eine fundierte Ausbildung als Seelsorger. Auch die Ehrenamtlichen werden vor ihrem Einsatz über Wochen hinweg ausgebildet. Das gesamte Team bekommt Supervision, um das Erlebte zu verarbeiten. Das ist dringend nötig. Denn Flughafenseelsorge besteht zwar, wie Felber betont, „zu 95 Prozent aus alltäglichen Aufgaben“, also zum Beispiel unterstützenden Gesprächen mit aufgewühlten Menschen. Doch manchmal wird es ganz, ganz schwierig. Wolfgang Felber erzählt von der Maschine mit Touristen, die 1996 in der Dominikanischen Republik Urlaub gemacht hatten. Viele stammten aus Berlin und Brandenburg. Das Flugzeug stürzte ab, 189 Tote. An einer Kirche in Schönefeld steht ein Gedenkstein für sie. Immer noch sammeln sich Verwandte und Freunde, um ihrer zu gedenken. Diese Andacht wird von den Flughafenseelsorgern mitorganisiert. Sie lesen alle Namen vor. „Wenn wir dann aus einer Familie fünf Namen nennen – ein Elternpaar mit drei Kindern – dann ist das immer noch hart für die Hinterbliebenen“, sagt der Priester.

Er erzählt auch von den Menschen, die im Urlaub einen Angehörigen verlieren. Ein Mann erliegt einem Herzinfarkt. „Wir nehmen die Witwe am Flugzeug in Empfang, bringen sie durch die Gepäckausgabe und, wenn es gut geht, zu einem Verwandten“, sagt Wolfgang Felber. Das seien für ihn die schwierigsten Momente.

„Ein Bild von der Kirche zu geben, das offen und menschlich und hilfreich ist, das ist eine große Herausforderung.“ Wolfgang Felber.

Für die allerschwierigsten Tage – wenn etwa nach einem Terroranschlag Menschen aus dieser Region zurückerwartet werden – gibt es einen Notfallplan, ist ein Telefon geschaltet, sodass an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr erfahrene Seelsorger zum Flughafen kommen können.

In London gibt es schon einen Flughafenseelsorger aus der Sikh-Community. Auch in Deutschland wird darüber diskutiert, ob und wie jüdische und muslimische Menschen in die Seelsorge einbezogen werden können. Sabine Röhm und Wolfgang Felber sehen in ihrer Bereitschaft, auf alle hilfesuchenden Reisenden und Angestellten zuzugehen, jedenfalls den Markenkern des Christentums. „Ein Bild von der Kirche zu geben, das offen und menschlich und hilfreich ist, das ist eine große Herausforderung“, sagt Wolfgang Felber.

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