Familienfreundlichkeit nutzt Mitarbeitern und Patienten

Jahrestreffen der kirchlichen Krankenhäuser in Baden-Württemberg

Pforzheim (DT/KNA) Jedes fünfte – 48 nämlich – der insgesamt 242 Krankenhäuser in Baden-Württemberg befindet sich in kirchlicher Trägerschaft. Als gemeinsame Interessensvertretung und als Gesprächsforum der katholischen und evangelischen Hospitäler gibt es seit Jahren zwei Dachverbände. Bei deren diesmaligem Jahrestreffen ging es am Donnerstag in Pforzheim erstmals um eine der derzeit größten Herausforderungen im Klinikalltag: Wie können Klinikangestellte ihre anstrengende Arbeit besser mit den Anforderungen ihres Familienlebens in Einklang bringen?

Hintergrund ist ein teils dramatischer Fachkräftemangel, der immer mehr Kliniken zum Umdenken zwingt. Spezialisten wie Pfleger im OP-Bereich oder hochqualifizierte Ärzte sind aktuell vielerorts nur noch schwer zu bekommen. Zudem beobachten die Krankenhäuser einen Mentalitätswandel in Sachen Familie. „Heute kommen Oberärzte ins Vorstellungsgespräch und sagen mir, dass sie die Stelle nur antreten, wenn genug Freizeit für ihre vier Kinder bleibt. Das war früher undenkbar“, berichtet Monika Röther, Geschäftsführerin im Marienhospital Stuttgart.

Somit ist Familienfreundlichkeit im Wettbewerb um die besten Fachkräfte in Medizin und Pflege zum harten Kriterium geworden. Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbunds, zeigte in Pforzheim anhand von Studien und Umfragen auf, dass sich die Mitarbeiterzufriedenheit und damit auch die Qualität der Arbeit zugunsten der Patienten verbessere, wenn die Klinik für Familien aktiv werde. Und sich so – betriebswirtschaftlich gesehen – sogar Geld sparen lasse.

Das Jahrestreffen machte deutlich, dass die kirchlichen Kliniken unterschiedliche Konzepte zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie entwickelt haben oder gerade ausbauen. Neu ist etwa, externe Experten die Familienfreundlichkeit prüfen zu lassen, mittels Zertifizierungsverfahren ein Gütesiegel zu erhalten und weitere Schritte für mehr Familienfreundlichkeit zu vereinbaren. Erstmals wurde das Zertifikat „berufundfamlie“ der Hertie-Stiftung vor wenigen Wochen an zwei kirchliche Krankenhäuser im Land vergeben.

Mit der Zertifizierung sind auch Pflichten verbunden

Im Zuge dieser Zertifizierung verpflichten sich die Kliniken allerdings zu einer problematischen Bestandsaufnahme. „Dabei haben wir für unsere Klinik einen weiten, undogmatischen Familienbegriff zugrunde gelegt. Wir stellen uns der gesellschaftlichen Wirklichkeit: von der klassischen Kleinfamilie bis zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft“, sagt Urs Keller, Vorstandsvorsitzender des Freiburger Diakoniekrankenhauses.

Familien sind im Berufsalltag noch eine Herausforderung

Familienfreundlichkeit bedeutet somit nicht nur Zusammenarbeit mit Kitas zur Unterbringung von unter Dreijährigen oder einen – oft durch bürokratische Hindernisse erschwerten – Aufbau von betriebseigenen Krippen. Sondern beispielsweise auch das gezielte Entgegenkommen gegenüber Mitarbeitern, die pflegebedürftige Familienmitglieder versorgen. Eine Situation, die nach Einschätzung der Experten in den kommenden Jahren an Dramatik gewinnen wird – noch immer aber als Tabuthema gilt. „Über Kinder redet man gerne, über den pflegebedürftigen Vater am liebsten gar nicht“, so Keller. Einzelne Kliniken reagieren, indem sie Mitarbeiter, die Angehörige pflegen, von Bereitschafts- und Nachtdiensten freistellen oder bei der Organisation der häuslichen Pflege beraten.

Kritik übten die katholischen und evangelischen Krankenhäuser an manchen Kindertagesstätten in kirchlicher Trägerschaft. Zu wenig flexibel, zu kurze Öffnungszeiten, die mit dem Schichtdienst an Kliniken unvereinbar seien, lautete der Tenor. Ingeborg Friedmann, Caritasfachberaterin für Kindertageseinrichtungen, versuchte zu vermitteln und verwies darauf, dass es im Einzelfall sehr wohl funktionierende Kooperationen gebe und dass die kirchlichen Kindergärten und Kitas ihre Konzepte überarbeiteten.

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