Architektur

Gottfried Böhm: „Ewiges Vorbild“

Wärme statt Brutalität: Mit 101 Jahren starb der renommierte Architekt Gottfried Böhm.

Gottfried Böhm gestorben - Mariendom in Neviges
„Der Gott des Betons“: Der Mariendom ist Böhms Hauptwerk. Foto: dpa
Gottfried Böhm
Ein undatiertes Bild des Architekten und Bildhauers Gottfried Böhm. Foto: dpa

Sein Vater war Architekt, seine Frau war Architektin, seine drei Söhne sind Architekten. Am vergangenen Mittwoch starb der renommierte Architekt Gottfried Böhm im Alter von 101 Jahren. Armin Laschet rühmte den studierten Bildhauer sogleich als „ewiges Vorbild“.

Dabei wirkt seine Architektur auf viele zunächst irritierend und ungewohnt. Wie Skulpturen stehen seine Bauwerke in der Landschaft. Aufgrund ihrer expressionistischen Züge und dem hauptsächlich verwandten Baustoff Beton ist häufig von Brutalismus die Rede. Eine Einordnung, die Böhm nicht behagte. Denn er vermochte in seiner Architektur ein Wechselspiel von Körper und Raum zu verwirklichen.

Geordnete Formensprache

Gottfried Böhm gestorben - Mariendom in Neviges
Bereits das Umfeld in Neviges ist architektonisch durchkomponiert. Foto: dpa

Bauwerke wie der Nevigeser Mariendom oder das Bensberger Rathaus sind in ihrer Formsprache keineswegs willkürlich, sondern geordnet und vernünftig: Bis ins Detail geklärte und gekonnt in Szene gesetzte Bauideen. Was bei dem Rathaus durch die Funktion vorgegeben war und den Gedanken von Körper, Konstruktion und Werkmaterialen bestimmte, war in Neviges vom Gnadenbild die Idee einer „Kustodia“ leitend, die sich schützend und bergend um Gnadenbild und Pilgervolk schließen sollte.

Entgegen der beherrschenden Strömungen der späten 1960er und 70er Jahre knüpfte Böhm an Maßstäbe an, die durch die damals verfemte Architekturlehre vorgegeben waren. Architektur war für ihn keineswegs freie Kunst, sondern an den Grundsätzen von Nützlichkeit, Konstruktion und Geometrie orientiert: Restflächen, spitze Winkel, die zu unbrauchbaren Räumen werden, kennen die Bauten Böhms nicht. Er wollte brauchbare Räume, die kunstvoll der Nutzbarkeit dienen. Was ihm nach innen der funktionale Aspekt war, ist ihm nach außen eine Form, die nicht nur für sich steht, sondern sich in die Umgebung, die Landschaft, die Proportionen des Ortes harmonisch einordnet.

Funktionalität und Rationalität

Dabei ging der Architekt Böhm auch virtuos mit der Natur um, bezog Wasser und Pflanzen mit ein. Nicht nur dabei folgte er dem Weg seines Vaters Dominikus, der als Kirchenerbauer der Zwischen- und Nachkriegszeit bahnbrechende Entwürfe vorlegte, die vor allem die Lichtführung in der Raumgestaltung berücksichtigten. Auch bei ihm wird wie bei seinem Sohn deutlich, dass der Mensch durch die Architektur zu Sinn oder Funktionalität des Gebäudes geführt werden soll. Funktionalität und Rationalität werden damit in einem künstlerischen Werk ausgedrückt, was die intensive und fruchtbare Auseinandersetzung der Böhm-Dynastie mit den Fragen ihrer eigenen Zeit zeigt.

Böhmscher „roter Faden“

Von St. Engelbert in Köln-Riehl, einem an eine „Zitronenpresse“ – so der Kölner Kindermund – erinnernden „orientierten Zentralbau“ von Dominikus Böhm (1930/32) über den Wiederaufbau St. Kolumbas („Madonna in den Trümmern“ (1947/50)) in der Kölner Innenstadt oder dem oben genannten Nevigeser Mariendom (1966-68): Durch die Werke der Böhms zieht sich ein roter Faden, der von Böhms Söhnen weiter gesponnen wird.

Es werden Häuser der Gemeinschaft, des Aufgehobenseins geschaffen. Architektur, deren Bindung ernst genommen wird, die im Baugedanken von der Konzeption, über die Konstruktion bis hin zur Auswahl der Materialien bedacht wird. Das wird bei Gottfried Böhm zu einem zeitlosen Gedanken in seinem Schaffen, der Baugeschichte weit hinaus über die Sakralarchitektur geschrieben hat.

Kuppelidee stammte von Böhm

Was nur wenige wissen: Böhm beteiligte sich auch schon 1988 an einem Wettbewerb zur Neugestaltung des Reichstags in Berlin. Die in der Ausführung Norman Foster zugeschriebene Reichstagskuppel entstammt ursprünglich dem Entwurf Böhms, der sie sich mit hineinschiebenden flachen Treppen leichter und weniger funktional anmutend vorstellte als der spätere Entwurf Fosters. Böhms Idee brachte es zum Symbol der zweiten Berliner Republik.

Brutalismusvorwurf bewegte Böhm

Für seine Kritiker hingegen zeugt seine Architektur vom „Brutalismus“. Dem Meister hing das nach. Zu seinem 100. Geburtstag sagte er der Katholischen Nachrichtenagentur in einem Interview: „Das beschäftigt mich im Moment leider ziemlich stark. Ich möchte doch nicht als brutaler Mensch gelten, einer, der brutalistisch baut. Nur weil ich Beton verwende? Sind Kirchen in Granit dann auch brutalistisch? Mir geht es um Wärme. Das möchte ich haben: Dass meine Bauten innen drin und auch außen Wärme ausstrahlen.“ Möge der Architekt nun das himmlische Jerusalem, das er durch seine irdischen Bauten sichtbar machen wollte, erblicken.

 

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