Esthers Reisen: Von Westfalen ins Heilige Land

Von Esther von Krosigk

Meine ersten und aufregendsten Reisen führten mich nach Westfalen, in einen kleinen Ort namens Heeren. Er wurde von grauen Reihenhäusern dominiert, in denen die Zechenarbeiter wohnten, und war nicht besonders schön. Mir bedeutete er jedoch alles.

Denn das Kernstück des Dorfes war ein Wasserschloss mit großem Park, das meiner Großtante gehörte, und in dessen Umkreis sich lauter Verwandte angesiedelt hatten. So auch meine Großmutter, in deren Haus ich nach der Ankunft sogleich stürmte – aber nicht etwa, um zu sehen, was an Kuchen dort für mich bereit stand. Sondern hoch in den ersten Stock, in das sogenannte „Mädchenzimmer“. Zu dessen romantisch gehaltenen Interieur gehörte auch ein Bücherregal. Und dieses hatte mir eines Tages etwas offenbart, worüber ich eisern schwieg. Weil ich keine Worte dafür fand – und weil ich diese Entdeckung überhaupt für mich behalten wollte.

Es handelte sich um ein schmales, mit farbigen Holzschnitten bebildertes Büchlein. Auf der Abbildung, die mich fesselte und entsetzte, wurden kleine, teils nackte Kinder ihren Müttern entrissen und von Männern ermordet, in Stücke gehackt und achtlos auf den Boden geworfen. Riesige Wunden klafften an den winzigen Körpern, Blut und Tränen vermischten sich. Welche brutale Geschichte stand bloß dahinter? Noch nicht des Lesens kundig, wusste ich nichts vom Heiligen Land, von Bethlehem und dem Kindermord. Denn Christus lebte versteckt in unserer Familie – sein Exil war nicht Ägypten, sondern das Herz meiner Großmutter, die gut daran tat, ihn verdeckt zu halten.

Für ihre Gottesliebe musste sie nämlich viel Spott ertragen. Und so war meine Anfangs-Lektion in Sachen Glauben: Dass dieser im Verborgenen wächst. Und dass es sein Geheimnis ist, eben ein Geheimnis zu sein.

Ein halbes Leben später unternahm ich wieder eine erste Reise und war schrecklich aufgeregt. Die Pilgerfahrt begann vor dem niedrigen Eingang der Geburtskirche in Betlehem, wo jeder Besucher angehalten ist, sich klein zu machen, um ins Innere zu gelangen. Und ich überlegte: War der Eingang in mein frühes Leben, in das ER gekommen war, nicht auch winzig gewesen? Ein Bild, ein Büchlein, ein unbedeutendes Dorf. Aber die Richtung war damals schon vorgegeben – so wuchs die Reise der Kindheit allmählich zur großen Pilger-Fahrt. Ihr Ziel war immer Jerusalem.

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