Esthers Reisen: Jesus unterwegs am Kap

Vor hundert und mehr Jahren geschah in Afrika, was sich heute in Europa abspielt – nur unter anderen Vorzeichen. Da landeten Menschen vom alten Kontinent an den Küsten, um ein neues, prosperierendes Leben zu beginnen. Die Deutschen kamen etwas verspätet an, da Bismarck ursprünglich entschieden hatte, dass das Reich gebietsmäßig „saturiert“ sei und kein Interesse an Kolonialpolitik bestünde. Dann überlegte er es sich anders und die Billets für die großen Ozeandampfer Richtung Deutsch-Südwestafrika, Togo und Kamerun fanden reißenden Absatz. Nicht nur bei Glücksrittern und Schuldnern, sondern bei ganz normalen Familien. So auch bei Verwandten von uns, die in der Wildnis Angolas aus den großen Überseekoffern und Kisten, in denen sie Hab und Gut transportiert hatten, ihr erstes primitives Mobiliar zimmerten. Aus diesem archaischen Anfang entwickelten sich im Laufe der Jahre riesige Kaffeeplantagen.

Mit meiner jüngsten Tochter machte ich mich kürzlich zur Südspitze Afrikas auf, um ihr das seit Generationen erprobte System von Groß-Familien nahezubringen: Egal, wo du auf dieser Welt bist, du triffst immer auf Verwandtschaft. Im Gepäck hatte ich eine längere Liste von Gastgebern, die unser Clan-Chef für uns zusammengestellt hatte. Es kam anders, fast. „Schau mal, Mama, da ist ja Jesus“, rief meine Tochter gleich am zweiten Tag in Kapstadt und wies durchs Autofenster auf einen Mann, der am Straßenrand ein geschultertes, großes Kreuz hinter sich herzog. Seine Last hatte sich dieser Jesus etwas erleichtert, denn das Kreuz war unten mit einem Rad versehen. Die moderne Form für den Weg nach Golgatha? Und wer war dieser Mann überhaupt – ein Spinner, ein Büßer, ein Heiliger? Fasziniert erkundigte ich mich beim Taxifahrer. Der wusste nur zu erzählen, dass er den Mann schon einmal gesehen habe – vor sieben Jahre. Doch am Kap würde erzählt, dass diese Gestalt mit dem Kreuz Tag für Tag die Straßen durchläuft.

Nun begann ich zu recherchieren, nach diesem Christus zu fragen, wem immer ich begegnete: Taxifahrer, Freunde, Fremde. Es war mehr als journalistischer Eifer und doch kam ich in meiner Suche nicht voran. „Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach...“ – eine zweite Begegnung gab es nicht, wir fuhren weiter und lernten unsere ausgewanderte Verwandtschaft kennen. Aber ich halte meine Augen weiterhin nach Ihm offen, wo ich auch bin.

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