FREDERIC-JOACHIM KAMINSKI

„Esoterik ist ein Hamsterrad“

Der Sektenbeauftragte der Diözese Rottenburg über einen Trend Von Claudia-Maria Dambacher
Esoterik ist ein unscharfer Begriff. Haben Sie für sich eine Definition gefunden?

Vom Glauben her würde ich es so zusammenfassen: Esoterik ist, wenn allein der Mensch im Mittelpunkt steht und wenn er denkt, dass das Wohl und Wehe in seinem Leben ausschließlich von seinem eigenen Tun abhängt. Das heißt: Immer wenn von Gott oder von universeller Energie gesprochen wird, dahinter aber nur der Mensch selber steht und der dreieinige Gott fehlt, haben wir es mit Esoterik zu tun.

Wo finden sich konkret esoterische Elemente in unserem Alltag?

Es gibt die offensichtlichen Dinge wie Horoskope, Energiesteine, Lebensberaterangebote in diversen Fernsehheftchen oder im „medizinischen“ Bereich die Geistheiler. Etwas versteckter haben wir es auch bei bestimmten Arten der Naturwahrnehmung mit esoterischem Gedankengut zu tun: Im Kinofilm „Avatar“ zum Beispiel wird der Natur beinahe etwas Göttliches zugesprochen. Und schauen wir auf Science-Fiction-Filme allgemein, so beruhen sie häufig auf der Überlegung, dass man den menschlichen Geist vom Körper abtrennen und ihn allein perfektionieren könnte. Auch das ist esoterisch, wird aber gar nicht mehr hinterfragt. Dabei bekommt man große Probleme mit dem Gedanken an eine leibliche Auferstehung.

Wo verläuft die Grenze zwischen zum Beispiel harmlosen Meditationspraktiken und der Esoterik?

Der springende Punkt ist immer: Steckt hier selbstermächtigendes Denken dahinter oder nicht? Ich kann ja zum Beispiel Yoga betreiben, weil es meinem Rücken gut tut oder einen Heilstein mit mir herumschleppen, weil er für die Nieren gut sein soll. Viele denken dabei nicht daran, dass der Stein auch irgendeine Geistseele haben soll, die angeblich positiv auf die eigene Geistseele einwirkt. Alles das ist solange unbedenklich, solange man nicht die ideologischen Teile davon mitkonsumiert. Wenn ich jedoch mit einem Heilstein gleich den Karma-Gedanken dazu verkauft bekomme, dann ist Polen natürlich verloren. Aber ganz viele Menschen bleiben auf einer oberflächlichen Ebene und in so einem Fall kann man nicht sagen, dass das Esoteriker sind.

Sehen Sie eine Gefahr darin, dass sich Esoterik und christlicher Glaube bisweilen auf einer tieferen Ebene vermischen?

Auf jeden Fall. Vor allem deshalb, weil die Menschen, die an ein esoterisch-unpersönliches Gottesbild glauben, nur noch schwierig von unserer Botschaft erreicht werden können. Die Esoterik geht ja davon aus, dass jeder Mensch „ein Stück Gott“ in sich trägt – vergleichbar einem Stück Diamant in einem Kohleklumpen. Wenn ich die Kohle Stück für Stück abklopfe, dann habe ich irgendwann nur noch Diamant. Wie kann ich aber an die liebende Zuwendung Gottes in den Sakramenten glauben, wenn ich annehme, dass in mir selbst ein Teil Gottes ist, den ich eigenmächtig „freilegen“ kann? Deshalb ist auch Heilwerden im christlichen Sinn einem Esoteriker fremd, denn es bedeutet, dass ich als konkrete Person in gnadenhafter Beziehung zu meinem Gott stehe. Bei uns bedeutet Glaube vor allem Beziehungsgeschehen. In der Esoterik geht es letztlich aber darum, dass ich mein eigenes Sein immer weiter entwickle, um irgendwann im Einklang mit der universellen Energie zu sein. Es gibt also ganz grundlegende Unterschiede. Und doch gebraucht die Esoterik oft Begriffe wie „Seele“ oder „Christus“. Um hier klare Unterscheidungen treffen zu können, müssen wir uns gut informieren. Zum Glauben gehört immer auch Glaubenswissen. Ohne das geht es einfach nicht.

Wer ist Ihrer Erfahrung nach besonders anfällig für Esoterik?

Es sind feinfühlige und Halt suchende Menschen oder Menschen, bei denen ein Lebensumbruch ansteht. Auch Menschen, denen es an Selbstwertgefühl mangelt, landen oft in der Eso-Szene, weil sie dort schnell „jemand sein“ können. Sie müssen die anderen nur glauben machen: „Ich bin Heiler, ich bin erleuchtet, ich hab eine bestimmte Geistesgabe.“ Von der Esoterik lassen sich außerdem Leute ansprechen, die mit Konkurrenz und Statusdenken nicht klarkommen. Trügerisch daran ist, dass in der Esoterik unter anderen Vorzeichen die Egozentrik und der Erfolgsdruck wieder ins Leben kommen. Man muss in seiner Erleuchtung immer weiter fortschreiten – ein Hamsterrad, ähnlich wie bei uns auch in der Wirtschaft, wo man immer reicher werden muss und die Leute nie zufrieden sind.

Wie kann Menschen geholfen werden, die sich übermäßig von esoterischen Gedanken leiten lassen und dabei sind, ihr Leben aus der Hand zu geben?

Man sollte helfen, wie man es als Christ eben tun sollte: Den anderen zuerst einmal in seiner Not wahrnehmen. Man kann ruhig das Gespräch suchen, darf dabei aber den Standpunkt des anderen nicht verteufeln. Zugleich ist es wichtig, offen und ehrlich vom eigenen Glauben Zeugnis abzulegen. Dabei aber nicht mit dem belehrenden Zeigefinger – „Die Mutter Kirche sagt ..., die Mutter Kirche weiß ...“. Das ist kontraproduktiv. Davon abgesehen ist es hilfreich, zu einer der zuständigen kirchlichen und staatlichen Beratungsstellen Kontakt herzustellen.

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