„Es ist wie ein großer Traum“

Auch für die Kosovaren in Deutschland ist die Unabhängigkeitserklärung ihres Landes ein Grund zum Feiern

München (DT) Die Albanerin Ferdane Alidemi kann wieder ruhig schlafen. Voller Anspannung hatte sie jahrelang zusammen mit ihrer Familie vor dem Fernseher von München aus die Nachrichten aus dem Kosovo verfolgt, wo ihr Mann Nexhemedin herkommt. Endlich kam dann am 17. Februar die Meldung, auf die die Alidemis neun Jahre lang gewartet hatten. Das Parlament der Provinz Kosovo, in der überwiegend Albaner leben, erklärte die Unabhängigkeit von Serbien. „Die letzten Tage nach einer ersten Ankündigung dieses Schritts waren für uns wie hundert Jahre“, sagt die 42-jährige gelernte Dolmetscherin. Im ersten Moment, nach der ersehnten Neuigkeit, hätten sie angefangen zu weinen. „Es war so eine lange Zeit und die Albaner haben soviel verloren“, erinnert sie sich.

Sie selbst kommt nicht aus dem neuen Staat, sondern aus dem Presevo-Tal im Süden Serbiens nahe der Grenze zu Mazedonien, wo aber auch mehrheitlich Albaner leben. Wer sich unter dem früheren Regime Slobodan Milosevics zu seiner albanischen Identität bekannte, der lernte den Unterdrückungsstaat kennen. Im März 1989 war die Autonomie der Provinz Kosovo aufgehoben worden und in der Folge übten die Albaner dort zunächst friedlichen Widerstand gegen Schikanen wie Ermordung albanischer Rekruten in der jugoslawischen Armee, Hausdurchsuchungen, Polizeiprügel, Entlassung von Albanern aus staatlichen Einrichtungen.

Ferdane Alidemi hatte Anfang der neunziger Jahre einmal ihre Fahne gehisst, nicht die Jugoslawische, sondern die Albanische und bekam gleich danach Besuch von der Polizei. Im Jahr 1993 reichte es ihr, sie ging nach Deutschland. Sie lernte hier ihren Mann kennen und hat zusammen mit ihm vier Töchter und einen Sohn. Dass sie für die Kinder und ihren derzeit kranken Mann viel arbeiten muss, nimmt sie geduldig hin. „Ja, da gibt es schon viel zu tun“, spielt sie das herunter. „Aber ich bin doch jetzt so glücklich über die Unabhängigkeit.“ Die langjährige Ungewissheit über die Zukunft des Kosovo war jedoch etwas, was sie aus der Fassung bringen konnte, schließlich betrachtete sie die Gegend um das Amselfeld inzwischen als ihre Heimat.

Freunde erinnern sich, wie sie sich oftmals aufgeregt an deutsche Politiker wandte, um auf die angespannte Lage der Albaner in Restjugoslawien aufmerksam zu machen, darunter auch Bernd Posselt (CSU), Berichterstatter der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament für den Status des Kosovo. „Er hat mir immer zugehört und sich so eingesetzt. Bei ihm möchte ich mich ganz herzlich bedanken und natürlich nicht zuletzt bei Bundeskanzlerin Angela Merkel für die Anerkennung der Unabhängigkeit“, betont sie wiederholt. Mit der Lobbyarbeit für das Kosovo hört Ferdane Alidemi aber nicht auf: „Wir brauchen jetzt Investitionen und Arbeitsplätze“, sagt sie. Deswegen will sie jetzt bei deutschen Unternehmen anrufen.

Ein guter Bekannter der Alidemis, der gebürtige Kosovo-Albaner Mislim Berisha, kann es immer noch nicht ganz fassen, dass seine Heimat nun ein unabhängiger Staat ist. „Es ist wie ein großer Traum“, sagt der 42-jährige Sozialpädagoge. Er ließ eine ganze Reihen von Familienangehörigen zurück, als er 1991 aus dem Kosovo floh. Berisha war schon als 16-Jähriger politisch aktiv. Es war also nicht überraschend, dass er später als Student an der Uni auf eine schwarze Liste kam. Solche Listen gab es überall, etwa in der Kommunalpolitik oder in den Betrieben. Im Juni 1991 wurde die Liste mit seinem Namen veröffentlicht und zwei Monate darauf wurde sein Cousin zu Tode gefoltert. Das war genug für ihn.

Vor lauter Angst, wieder zurück zu müssen, trat er in schwedischer Abschiebehaft in Hungerstreik, aß und trank nichts für eine Woche. „Als die NATO 1999 ins Kosovo kam, waren wir zunächst einmal erleichtert, hörten damit doch wenigstens die körperlichen Angriffe auf die Albaner auf.“ Die Angst hielt aber an, die Befürchtung, die internationalen Missionen könnten sich zu früh zurückziehen und das Kosovo könnte wieder unter serbische Kontrolle kommen. „Wir standen unter Druck, die Eltern und Großeltern haben immer noch die Geschichten vom Töten erzählt“, erinnert sich Berisha.

„Als endlich die Nachricht von der Unabhängigkeit kam, haben wir erst einmal mit Verwandten, Freunden und Kollegen telefoniert, uns gegenseitig beglückwünscht.“ Spontan seien sie dann an Abend des 17. Februar zur Münchner Leopoldstraße gezogen. „Wir haben dort gehupt, getrommelt, getanzt, gesungen. Es waren so viele Albaner dort. Ich wusste nicht, dass es hier so viele gibt.“ In München fand die größte Jubelfeier zur Unabhängigkeit des Kosovo in Deutschland statt. „Die Freude ist schwer zu verarbeiten, denn die Emotionen sind heiß und kalt“, sagt Berisha. Auf dem langen Weg zur Unabhängigkeit hätten sie auch viel Schmerzliches erlebt. Der Sozialpädagoge will dennoch von Vergeltung nichts wissen: „Es ist gut, dass unsere Verfassung die Minderheiten anerkennt. Das wichtigste ist doch jetzt, das sich die demokratischen Institutionen verfestigen.“

Kein ruhiger Schlaf in den letzten Jahren vor der Unabhängigkeit

„Je schneller aber die Serben die Realität anerkennen, umso besser ist das für die Gesamtsituation. Sonst beruhigt sich die Lage nie“, gibt Berishas Fachkollege Fran Krasniqi zu bedenken. Der 59-Jährige ist bei der Münchner Caritas beschäftigt. Während die Alidemis und Berisha der muslimischen Mehrheit unter den Albanern angehören, ist Krasniqi Katholik. Er erinnert sich noch lebhaft daran, wie Serben versuchten, diesen Umstand zu nutzen, um einen Keil zwischen die Albaner zu treiben. „Sie haben mir gesagt, ich solle als Katholik doch mit ihnen zusammenarbeiten, schließlich seien sie auch Christen“, erinnert sich Krasniqi an ein Polizeiverhör. Nachdem er öffentlich gegen die Misshandlung und Ermordung von albanischen Rekruten in der jugoslawischen Armee Stellung bezogen hatte, holte die Polizei den Mathematiklehrer aus der Schule. Nachdem er sich im Gewahrsam geweigert hatte, seine albanischen Landsleute zu verraten, wurde es für ihn gefährlich: „Fünf durchtrainierte junge Burschen kamen herein und schlugen mich von morgens bis abends, bis ich nicht mehr gehen konnte.“ Im Jahr 1994 flüchtete auch er.

In den letzten Jahren vor der Unabhängigkeit konnte er aber oft „nicht ruhig schlafen“. „Deutschland hat aber wirklich geholfen, gerade auch durch die Aufnahme von Flüchtlingen.“ Er selbst werde wohl nicht wieder ins Kosovo zurückkehren. „Die jungen Leute benötigen jetzt Arbeitsplätze.“ Zudem habe er zwischenzeitlich die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. „Der Tag der Unabhängigkeit war der schönste Tag in meinem Leben. Ich genieße es jetzt, freiwillig hier zu sein.“ Er begrüße die Unterstützung beim Aufbau von Polizei, Justiz und Verwaltung, die der junge Staat nun im Rahmen der europäischen Mission Eulex Kosovo, unter anderem durch Deutschland, erhält. Und abschließend sagt Krasniqi noch versöhnlich. „Die serbische Minderheit soll weiter im Kosovo bleiben. Wir wollen sie nicht vertreiben, sondern ihre Rechte anerkennen.“

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