Gesellschaft

Energiewende und Strompreise: Das erwartet uns 2021

Allgemein wird die Energiewende für die hohen Energiekosten in Deutschland verantwortlich gemacht. Doch ganz so einfach ist es nicht.
Windräder
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Allgemein wird die Energiewende für die hohen Energiekosten in Deutschland verantwortlich gemacht. Doch ganz so einfach ist es nicht. Wo der Staat verantwortliches Handeln von Konzernen fordert, spürt es am Ende der Verbraucher im Geldbeutel, denn Steuern und Umlagen werden nur zu gern an den Kunden weitergegeben. Dabei befürwortet die Mehrheit der Bundesbürger angesichts der sich entwickelnden Klimakatastrophe ein entschiedenes Handeln der Politik. Wir schauen, wie die aktuellen Strompreise zustande kommen, welche Optionen der “kleine Mann” hat und ob auf kurze oder lange Sicht Besserung erwartbar ist.

Klimawandel, globale Erwärmung, Klimakatastrophe?

Darüber, dass Wetter nicht nur Wetter ist, sondern langfristige Veränderungen beobachtbar sind, herrscht unter Meteorologen und spezialisierten Klimaforschern Einigkeit. Auch der Umstand, dass der Mensch und seine Emissionen an Treibhausgasen Hauptursache dieser Entwicklung sind, ist keineswegs umstritten. Die absolut überwiegende Mehrheit der Experten stimmt dem sogenannten “Klimakonsens” zu, der besagt, dass vor allem der CO2-Ausstoß menschlicher Industrien (aber auch eine Vielzahl weiterer menschengemachter Faktoren) dafür verantwortlich ist, dass die Erde sich erwärmt – schneller als jemals zuvor in ihrer Geschichte und mit teils katastrophalen Auswirkungen.

Wo noch vor einigen Jahren unklar war, wie schnell genau der Klimawandel vonstattengeht, wurden die Modelle der Klimaforscher nun von der Wirklichkeit überholt: Etliche sogenannte “Kipppunkte”, d. h. Ereignisse und Veränderungen in der Zusammensetzung der Atmosphäre und der Oberfläche der Erde werden um Jahrzehnte eher erreicht als vorhergesagt. Dazu zählt zum Beispiel das Auftauen sibirischer Permafrostböden, aus denen Unmengen klimawirksames Methan freigesetzt wird, das restlose Verschwinden großer Gletscher, das Abtauen arktischer Eismassen und Veränderungen in der Meereschemie. Diese Elemente tragen alle dazu bei, dass sich die Erde noch stärker und schneller erwärmt: Methan ist als Treibhausgas mehr als 25fach stärker wirksam als CO2, Eisflächen sind in der Lage, große Mengen der Sonneneinstrahlung zu reflektieren und damit für die Erwärmung der Erde unwirksam zu machen und das Meer als großes CO2- und Wärmereservoir hat Temperaturen und pH-Werte erreicht, die seine Eigenschaft als Klimapuffer abstellen.

Angesichts derartiger Daten und Fakten fällt es schwer, nur noch von “Klimawandel” zu sprechen. Immer mehr Forscher, Aktivisten und Politiker fordern daher, die schärfere Formulierung “Klimakatastrophe” zu verwenden. Dies mag alarmierend klingen und noch gibt es keine konkreten Beweise dafür, dass Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren und Stürme tatsächlich im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung häufiger auftreten als vorher oder ob nur die Berichterstattung und Erfassung derartiger Phänomene umfangreicher geworden ist. Doch die Indizien sprechen dafür: Nicht nur sollen Ernteausfälle und andere Störungen dazu führen, dass Menschen hungern, ihre Häuser verlieren und Billionenschäden entstehen, auch globale Migrationsbewegungen könnten dadurch ausgelöst werden, dass mittel- bis langfristig große Regionen der Erde unbewohnbar werden. Die durch den Meeresspiegelanstieg gefährdeten Gebiete zählen zu den von Menschen am dichtesten besiedelten Landstrichen.

Was hat das mit dem Strompreis zu tun?

Im Zuge der Bekämpfung dieser Klimakatastrophe haben sich die Staaten im Klimaabkommen von Paris verpflichtet, den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch zu reduzieren, um eine Erwärmung der Erde auf maximal 2 K zu begrenzen. Dieser Wert wird allgemein als Schwelle angesehen, ab der die dramatischen Folgen global kaum noch zu verkraften sind. Das ist natürlich weder für Industriestaaten noch für Länder, deren Wirtschaft sich gerade im Aufholwachstum befindet, leicht zu bewältigen. Es ist leicht, von anderen zu fordern, was man selbst nicht leistet, deswegen ist Deutschland mit gutem Beispiel vorangegangen und hat gesetzlich die Förderung des Ausbaus erneuerbarer Energien, d.h. klimaneutraler Stromerzeugung, festgelegt. Bis 2050 sollen so mindestens 80 % der Stromversorgung aus erneuerbaren Energien gestellt werden. Dies ist mit hohen Investitionskosten verbunden, die zum Teil auf den Strompreis umgelegt werden.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)

Bevor wir uns genau ansehen, wie der Strompreis zustande kommt, werfen wir noch einen Blick auf das EEG. Seit seiner Einführung hat sich der Anteil nachhaltiger Stromerzeugung in Deutschland von 6,3 % auf 37,8 % 2018 versechsfacht. Das allein kann schon als Erfolg gewertet werden. Im EEG vorgesehen sind Vergütungen und Förderprämien für Investoren und Betreiber erneuerbarer Energieerzeugung. Die Kosten für diese Maßnahmen werden als “EEG-Umlage” auf den Strompreis aufgerechnet. Gleichzeitig können einige Industrien Ausnahmegenehmigungen erhalten, die ihnen eine Reduktion der Umlage erlaubt. In der Regel handelt es sich hierbei um energieintensive Branchen, für die die volle EEG-Umlage als Konkurrenznachteil gilt, den man vermeiden sollte. Weitere Maßnahmen umfassen zum Beispiel den Mieterstrom, bei dem es darum geht, Solaranlagen auf den Dächern von Mehrfamilienhäusern zu fördern und den so gewonnen Strom für die Anwohner besonders günstig zur Verfügung zu stellen.

Für EEG-Anlagen gilt Anschluss- und Abnahmepflicht, das heißt, bis zu einem gewissen Maximum müssen neue Anlagen zwingend ans Netz angeschlossen und mit ihrer Hilfe erzeugter Strom muss bevorzugt ins Netz eingespeist werden. Die Endverbraucher sind dagegen in der Nutzung und Buchung von Strom frei, d. h. sie müssen nicht bevorzugt Tarife für Strom aus erneuerbaren Quellen buchen.

Anteil der EEG-Umlage am Strompreis

Im Jahr 2020 hatten erneuerbare Energien in Deutschland fast die Hälfte des deutschen Stroms produziert. Die dafür bereitgestellten Fördermittel inklusive der für 20 Jahre garantierten Vergütung ließen hohe Kosten auflaufen. Wenn man das Volumen durchrechnet, resultiert dies in einer Umlage von rund 9,7 Cent pro Kilowattstunde – der Strompreis wäre damit von 2020 auf 2021 um fast zehn Prozent gestiegen. Doch die Bundesregierung hat dem einen Riegel vorgeschoben, indem eine Obergrenze von 6,5 ct/kWh festgelegt wurde. Der fehlende Betrag wird dabei aus Steuermitteln ergänzt.

Doch die steigenden Kosten der Energiewende haben trotzdem einen verhältnismäßig geringen Anteil an den Stromkosten: Von den ca. 32 ct/kWh, die der Endverbraucher im Durchschnitt zahlt, landet nur ein Zehntel bei den Produzenten. Dazu kommen noch Steuern, Abgaben und die Umlage – insgesamt gut die Hälfte der Kosten. Doch auch die Netzbetreiber wollen bezahlt werden: Ihr Anteil liegt bei ca. 25 % des Strompreises. Das, was zum Schluss noch übrig bleibt, erhalten die Unternehmen als Gewinn für den Vertrieb.

Insgesamt herrschte 2020 auch aufgrund der Pandemie und des damit verbundenen Rückgangs im Verbrauch ein Überangebot am Energiemarkt: Die sogenannten Grundlastkraftwerke aus Kernenergie und Kohle können nur schlecht reguliert werden und produzieren meist dauerhaft. Dazu kommt der wachsende einspeisepflichtige Anteil der Erneuerbaren. Bei geringen Rohstromkosten steigt jedoch die EEG-Umlage auch dadurch, dass energieintensive Industrien durch EEG-Ausnahmeregelungen mitsubventioniert werden. Das bezahlt am Ende der Verbraucher, der keine derartige Vergünstigung erhält. Der niedrige Strompreis an der Börse sorgt also auch für einen hohen Strompreis für den Einzelkunden.

Im Moment befindet sich der Strommarkt in einer Umbauphase, in der CO2-lastige Technologien zugunsten erneuerbarer Energien verdrängt werden. Dies wird unter anderem dadurch beschleunigt, dass der Preis für CO2-Zertifikate steigt und entsprechende Kosten nun auch für Heizbrennstoffe in Privathaushalten anfallen. Dadurch werden Öl- und Gasthermen unrentabler und der Anteil elektrischer Heizungen steigt. Langfristig sollte dies den Stromgrundpreis an der Börse wieder steigen lassen, wovon indirekt der Verbraucher sogar profitiert.

Ökostrom?
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Deutschland im Europa-Vergleich

Ganz klar: Unser Strom ist besonders teuer. Liegt das allein an der EEG-Umlage? Auf jeden Fall ist der Anteil des staatlichen Preisanteils mit 52 % bei uns am zweithöchsten. Derzeit liegen wir im Strompreis mit Dänemark (staatlicher Anteil: 57 %) gleichauf. Bezogen auf den Durchschnittsverdienst ist unser Preis im europäischen Vergleich jedoch eher im Mittelfeld: Hier liegt plötzlich Bulgarien aufgrund des geringen Lohnniveaus auf dem ersten Platz.

Man könnte jetzt mit dem Argument kommen, dass teurer Strom auch zum Stromsparen auffordert und Technologien fördert, die energieeffizienter sind, jedoch hat sich gezeigt, dass jede Steigerung der Effizienz durch Mehrverbrauch wieder aufgefressen wird. Menschen neigen dazu, Einsparungen direkt wieder neu zu investieren und Geräte, die weniger Strom verbrauchen, einfach häufiger zu nutzen. 

Staaten ohne gesetzliche Eingriffe zur Förderung erneuerbarer Energien hängen im Vergleich bei der Erfüllung des Pariser Klimaabkommens stärker hinterher. Und Deutschland ist aufgrund seiner starken Industrie und des hier traditionell besonders energieintensiven Verkehrssektors im europäischen Vergleich längst nicht der Sieger im CO2-Sparen. Die Balance zwischen der Einhaltung klimapolitischer Verantwortung und der Belastung des Endverbrauchers bei den Energiekosten ist der Politik schmerzlich bewusst. Vorschnelle Urteile sollten daher an dieser Stelle nicht getroffen werden.

Übrigens ist nicht nur die Bekämpfung der Klimakatastrophe Motivation der Energiewende: Dahinter steckt auch die Erkenntnis, dass fossile Brennstoffe endlich sind und z. B. Erdöl als chemischer Synthesegrundstoff irgendwann zu wertvoll zum Verbrennen sein wird. Auch die Problematik der Kernenergie und ihrer Altlasten trägt zu dem Wunsch bei, umweltfreundliche Technologien zu fördern. Dies ist ein Wachstumssektor, in dem Europa absolut führend ist. 

Ausblick in die Zukunft

Wenn man Energieanbieter fragt, wie sich ihr Strompreis 2021 entwickeln wird, dann geben weniger als zehn Prozent von ihnen an, dass sie ihn senken werden. Die meisten der Konzerne gehen dagegen davon aus, dass es zu leichten Erhöhungen kommen wird. Als Grund wird zum einen die EEG-Umlage angegeben (die sich allerdings gar nicht verändert hat!) und zum anderen die gestiegenen Netzkosten.

Mittlerweile bezahlen Deutsche im Durchschnitt für Strom, Heizung und Miete mehr als ein Drittel ihres Einkommens, in Städten sogar oft mehr als die Hälfte. Dadurch bleibt für Ernährung, Sport, gesellschaftliche Teilhabe etc. immer weniger Geld übrig. Verbraucherorganisationen sehen diese Entwicklung sehr kritisch und fordern die Politik auf, zu handeln.

Wechsel als Strompreisbremse

Noch immer verharren gut 40 % aller Haushaltskunden in den Grundversorgungsangeboten städtischer Strom- und Gaswerke. Diese sind aber verhältnismäßig teuer. Zwar halten auch immer mehr Stadtwerke Sparangebote vor, wer jedoch nicht aktiv nach diesen sucht, bleibt oft in den teuren Varianten stecken. Bei einem geschätzten Jahresverbrauch von 4000 kWh für eine vierköpfige Familie gehen Experten von Einsparmöglichkeiten im Bereich mehrerer Hundert Euro jährlich aus. Dabei gibt es auch einige regionale Unterschiede: Durch lokalen Wettbewerb, unterschiedliche Netzkosten und Konzessionsabgaben kann der Preis teilweise erheblich schwanken.

Als Einstiegspunkt den Anbieterwechsel können wir das Internet-Vergleichsportal Verivox empfehlen. Für Strompreise gibt es dort eine übersichtliche und gut sortierte Auflistung aller Anbieter. Insgesamt hat die Website über 1.000 Stromanbieter und 15.000 Tarife im Vergleich und berücksichtigt sowohl Wohnort als auch monatlichen Verbrauch bei der Suche nach dem günstigsten Angebot. Gleichzeitig filtert Verivox wenig vertrauenerweckende Anbieter, deren Strompreise z. B. nach dem ersten Jahr explodieren oder die eine Mindestabnahmemenge vertraglich einfordern, sofort heraus, sodass nur glaubwürdig günstige Tarife im Test verbleiben.

Ökostrom: Mehr Energiewende fürs gleiche Geld?

Den Ausbau erneuerbarer Energien direkt zu fördern, versprechen die meisten Ökostromtarife, doch wirklich grüne und nachhaltige Anbieter sind rar gesät. Die meisten Stromversorger kaufen an der Börse jeden verfügbaren Strom und verschieben ihren Mix nicht, wenn Kunden Ökostrom buchen. Daraus resultiert kein Ausbau der erneuerbaren Energieerzeugung und damit kein wirklicher Gewinn für die Umwelt – denn letztlich laufen die Kraftwerke unabhängig davon, wer welchen Strom kauft, nach dem Motto: Sobald er im Netz ist, hat jeder Strom die gleiche Farbe.

Die meisten großen Konzerne arbeiten daher mit Herkunftsnachweisen, um belegen zu können, dass sie nachhaltig produzierte Energie vertreiben. In Deutschland gibt es diese Nachweise allerdings kaum, denn bei uns wird grüner Strom bereits über das EEG gefördert. Mit dem Verkauf eines Herkunftsnachweis würde das Angebot aber unzulässigerweise doppelt begünstigt. Also müssen sich die Stromversorger im Ausland mit den notwendigen Zertifikaten eindecken. Da die Nachfrage nach entsprechenden Herkunftsnachweise in Europa deutlich geringer ist als das Angebot, kosten sie nur wenig – oft nur Bruchteile eines Cents. Aus diesem Grund können scheinbare Ökostromtarife fast zum selben Preis wie Tarife mit konventionellem Strommix angeboten werden.

Nachhaltiger und im Sinne einer Energiewende förderlicher ist dagegen die Nutzung echter Ökostromanbieter, die vertrauenswürdige Labels vorzeigen können. Um entsprechende Auszeichnungen zu führen, müssen die Firmen nachweislich einen Teil der Stromerlöse investieren, um einen Beitrag zum Ausbau erneuerbarer Energien zu leisten. Die direkteste Variante ist dabei der Ausbau von Stromeinspeisern, die nachwachsende Ressourcen nutzen. Manche Labels lassen auch Projekte zu, die sich mit der Förderung von Energiesparmaßnahmen, E-Mobilität oder Stromspeichern zur Verwendung von billiger Solar- und Windenergie in Dunkel- oder Flautezeiten beschäftigen. Teilweise ist für den Erhalt eines Labels ebenso wichtig, keine finanzielle Beteiligung an Kohle- oder Kernenergie zu haben.

Wer ein vertrauenswürdiges Kennzeichen für Strom mit positivem Energiewendenutzen sucht, ist bei Anbietern mit dem “ok-power”-Label sowie dem “Grüner-Strom”-Label gut beraten.

Fazit

Die Strompreise werden wohl mittelfristig weiterhin ansteigen, wenn wir die Bekämpfung der Klimakatastrophe ernst nehmen wollen. Wichtige Schritte zur Eindämmung der Kosten sind energiesparende Technologien, Verzicht auf überflüssige elektrische Geräte und die Suche nach einem günstigen Stromtarif. Wer wirklich nachhaltig etwas zur Energiewende beisteuern will, sucht lieber keine Ökostromangebote, sondern wählt gezielt Tarife mit positivem Energiewendenutzen und entsprechendem Label. 

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