Vatikanstaat

Ende der „Hofluft“

Vor 50 Jahren entschied sich Papst Paul VI. für eine „Entmilitarisierung“ des Vatikans.

Nobelgarde unter Papst Leo XIII.
Alles hat seine Zeit: Nobelgarde unter Papst Leo XIII. Foto: Fotos: Archiv

Die „Konferenz von Jalta“, die vom 4. bis zum 11. Februar 1945 in dem auf der Krim gelegenen Badeort stattfand, sollte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dem politischen Gefüge Europas ein neues Gesicht geben. Bei diesem bedeutenden Gipfeltreffen war der Vorschlag gemacht worden, den neutralen und für seine Friedenspolitik weltweit geachteten Heiligen Stuhl in die Verhandlungen mit einzubinden. Der sowjetische Staatschef Josef Stalin soll jedoch in den entscheidenden Gesprächen die spöttische Frage gestellt haben: „Wieviele Divisionen hat denn der Papst?“

Dem Diktator hätte man antworten können, dass der Vatikanstaat damals – setzte man die Zahl seiner „Soldaten“ in Relation zur Anzahl seiner Staatsbürger und Bewohner – über die größte Militärmacht der Erde verfügte. Die „Armee“ des Heiligen Vaters setzte sich zusammen aus einer von siebzig Aristokraten gebildeten Päpstlichen Nobelgarde, der seit dem Jahre 1506 existierenden Päpstlichen Schweizergarde; der Päpstlichen Palatingarde, die von einer fünfhundert Mann starken römischen Bürgermiliz gestellt wurde, und rund hundertfünfzig päpstlichen Gendarmen.

„Mein Leben wäre ohne die Schweizergardisten undenkbar.“ Papst Franziskus

Die vier Militärkorps des Heiligen Vaters waren aber für niemanden auf der Welt eine Bedrohung. Sie dienten mit bescheidener Bewaffnung dem Schutz des Papstes und seiner Residenz, sie stellten die Eskorte und die Thronwache beim Heiligen Vater und leisteten Ordnungs- und Ehrendienste bei feierlichen Zeremonien im Vatikan. Die vier Palastgarden bildeten die „casa militare“, den militärischen Haushalt, des Oberhauptes der katholischen Kirche und des Souveräns des Staates der Vatikanstadt. In der Zeit der Sedisvakanz des Apostolischen Stuhls sorgten sie für den Schutz der Papstwähler und des Konklaves.

Gardisten schützten im Krieg viele Menschenleben

Oft neigte man dazu, in den farbenprächtigen Korps „Operettenarmeen“ zu sehen. Nobelgarde, Schweizergarde, Palatingarde und Gendarmerie bezeugten aber die Bereitschaft von engagierten Katholiken, für die Freiheit der Kirche und ihres obersten Hirten einzustehen. So war es im Revolutionsjahr 1848 Schweizergarde und Nobelgarde gelungen, einen aufgestachelten Mob daran zu hindern, die Residenz des Heiligen Vaters auf dem Quirinal zu erstürmen. Die Palatingarde verstand es, zur Zeit der deutschen Besatzung Roms (1943–1944) Menschen vor dem sicheren Tod zu bewahren. Unzählige Personen, unter ihnen viele jüdische Mitbürger, hatten auf den exterritorialen Besitzungen des Heiligen Stuhls, die von den päpstlichen Milizsoldaten bewacht wurden, Zuflucht gefunden.

„Wen wird das heute erbauen?“ Mario von Galli

Doch schon auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) gab es unverhohlene Kritik an den päpstlichen Garden. Den Militärkorps schlug eine heftige Ablehnung entgegen. So erregte sich der Jesuitenpater Mario von Galli in seiner „Chronik“ des Konzils: „Wen wird das heute erbauen? Welcher Seelsorgezweck wird damit erfüllt? Das stammt nicht vom Evangelium, es kommt aus der Fürstenzeit, es atmet Hofluft.“ In den sechziger Jahren zeigten sich dann auch verstärkt Indizien für eine veränderte Sicht des Heiligen Vaters auf seine „Casa militare“.

Militärkorps fand Paul VI. nicht mehr zeitgemäß

In einem Brief vom 14. September 1970 teilte der Papst seinem Kardinalstaatssekretär mit, dass er nach reiflicher Überlegung und mit großem Bedauern zu dem Entschluss gekommen sei, Nobelgarde und Palatingarde aufzulösen. Die Päpstliche Gendarmerie solle in eine zivile Polizei-Einheit umzuwandeln sein. Nur die altehrwürdige Schweizergarde dürfe als bewaffnetes Korps des Heiligen Stuhls weiter bestehen bleiben.

In dem Schreiben begründete Paul VI. seine Entscheidung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, nach dessen Lehre auch die Umgebung des Nachfolgers Petri den religiösen Charakter seiner Mission wiederzugeben habe. Wörtlich erklärte der Papst: „Unsere in der Vergangenheit, hochverdienten Militärkorps sind daher nicht mehr zeitgemäß für einen Dienst am Heiligen Stuhl, weil die Notwendigkeiten entfallen sind, für die sie damals errichtet wurden.“

Am darauffolgenden Tag wurden die Gardekommandanten über den Entscheid des Papstes informiert. In einem Appell an seine Untergebenen betonte Oberst Robert Nünlist, der damalige Kommandant der Päpstlichen Schweizergarde: „Die Erhaltung der Guardia Svizzera Pontificia als einziges Corps und Leibwache des Heiligen Vaters darf uns mit Stolz und Genugtuung erfüllen. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass für die anderen aufgelösten Corps eine schwere Lage entstanden ist, der wir in brüderlicher Liebe begegnen müssen.“

Papst Franziskus vertraut der Schweizergarde

So wie alle seine Vorgänger sieht sich auch Papst Franziskus mit seiner helvetischen Leibwache eng verbunden. Er vertraut ihr. Ihren Sollbestand hat er auf 135 Mann erhöht und der Errichtung einer neuen Kaserne zugestimmt. Der Heilige Vater betont: „Mein Leben wäre ohne die Schweizergardisten undenkbar. Immer sind sie in meiner Nähe – Tag und Nacht. Ihre Professionalität, Disziplin, Diskretion und Freundlichkeit erfüllen mich mit großer Dankbarkeit. Es sind junge Männer, die einen strengen Alltag haben und sich rund um die Uhr für meine persönliche Sicherheit einsetzen.“ So darf die Päpstliche Schweizergarde in eine hoffnungsvolle Zukunft schauen – ihren Wahlspruch vor Augen und im Herzen: „Acriter et fideliter – Tapfer und treu“.

Die Gendarmen des Papstes, die 1970 zu einfachen „Vigili“ (Wachleuten) degradiert worden waren, durften drei Jahrzehnte später eine neue Wertschätzung erfahren. 2002 erhielt die „Vigilanza“ eine neue Bezeichnung und wurde in „Gendarmeriekorps des Staates der Vatikanstadt“ umbenannt. Als Begründung für die Namensänderung hieß es, dass in der Benennung des Korps dessen „Natur und hoheitliche Aufgaben“ deutlich zum Ausdruck kommen müsse. Jahre später erhielt es auch eine Uniform, die der der alten Päpstlichen Gendarmerie in Ansätzen nachgeahmt war.

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