Einfältige Solidarität

Mutige Frauen kämpfen in muslimischen Ländern um ihre Menschenwürde. Lässt der Westen sie im Stich? Von Barbara Wenz
Freie Geste einer innerlich freien Frau: Vida Movahed
Foto: fb | Freie Geste einer innerlich freien Frau: Vida Movahed, die den Hidschab abnahm, ist zu einer Ikone geworden.

Als sich am 27. Dezember 2017 eine schlanke, schöne Frau mitten in Teheran auf einen Stromkasten über die protestierenden Menschenmassen stellte, ihren Hidschab abnahm und an einen Stock band, den sie minutenlang mit stolzer, freier Geste emporhielt, war eine Ikone geboren. Ihre wunderschönen schwarzen Haare wallten bis zu ihrer Hüfte, der Wind spielte mit einzelnen Strähnen, wie um ihr Anliegen zärtlich zu unterstreichen. Das Bild wurde viral – es ging um die Welt. Zahlreiche Frauen haben diese heroische Geste nachgeahmt – junge, ältere und sogar Greisinnen. Der Name dieser mutigen Frau ist Vida Movahed, sie ist Anfang 30 und Mutter eines Kleinkindes. Die atemberaubende Aktion blieb nicht folgenlos – Movahed wurde festgenommen. Inzwischen sei sie wieder frei, habe aber die Bedingungen während ihrer Haft sehr schlecht verkraftet und werde deshalb nicht öffentlich auftreten, so ihre Anwältin.

Movaheds Geste ist zum mächtigen Symbol einer breiten Widerstandsbewegung geworden, die in den muslimischen Ländern, vor allem im Iran, nicht mehr länger nur im Untergrund operiert. Auf der mehrsprachig betriebenen Facebook-Seite „My stealthy freedom“ (Meine heimliche Freiheit) stellen die Frauen, die auch von Männern Unterstützung erhalten, Fotos und Videos ein, verbreiten Nachrichten und Informationen. Fast 1 100 000 Facebook-Nutzern gefällt die Seite, knapp eine Million haben sie „abonniert“, das bedeutet, sie erhalten Neuigkeiten, die dort veröffentlicht werden, automatisch in ihrer Facebook-Zeitleiste eingeblendet.

Es gibt auf den ersten Blick witzige Aktionen, wie etwa die, dass sich junge Ehepaare gemeinsam fotografieren lassen, sie allerdings mit offenem Haar, er dafür mit Hidschab. Doch was so originell anmutet, ist zum Teil lebensgefährlich. Das wird schnell klar, wenn man die Videos ansieht, wie Revolutionswächterinnen in schwarzem Tschador kleine Mädchen, die ihr Kopftuch nicht akkurat bis über den Haaransatz gebunden haben, in aller Öffentlichkeit zur Rede stellen, demütigen und beschimpfen. Per Gesetz aus der Revolutionszeit müssen schon Neunjährige den Hidschab tragen; wer sich dem widersetzt, kann verhaftet werden, unter den unerhörtesten Haftbedingungen, denn das Ablegen des Tuches gilt als Straftat. Die griffige Parole dazu lautet „Ya rusari ya tusari" („Entweder Tuch oder Schläge“). Als Ayatollah Khomeini und seine islamische Revolutionsgarde 1979 den Schah stürzten und vertrieben, hatten die iranischen Frauen zunächst auf mehr Freiheit gehofft – unter Reza Pahlevi gab es keinen Kopftuchzwang und die koedukative Erziehung. Doch dann kam die Einführung der Sharia, des islamischen Rechtssystems. Hunderttausende von Frauen gingen gemeinsam mit vielen Männern im selben Jahr in Teheran auf die Straße, um gegen das bevorstehende Verschleierungsgesetz zu demonstrieren, welches wenige Tage zuvor von Khomeini, zusammen mit dem Verbot der Koedukation, verkündet worden war. Am 12. September 1979 gewährt Khomeini der italienischen Journalistin Oriana Fallaci ein berühmt gewordenes Interview, in dem die Italienerin beklagte, dass die Frauen sich seit der Revolution in einer Apartheidssituation befänden, sie könnten nicht mehr mit Männern gemeinsam studieren, arbeiten, oder einfach mit ihnen ein Schwimmbad besuchen. Khomeini gab zur Antwort, dass sie das nichts anginge, wenn sie den Tschador nicht anlegen wolle, müsse sie ihn auch nicht tragen. Denn islamische Bekleidung sei etwas für gute und anständige Frauen. Diese Äußerung war der Trigger für Fallaci, sich zunächst artig zu bedanken und sich dann den Tschador – diesen „dummen, mittelalterlichen Lumpen“, wie sie anmerkte – herunterzureißen und dem Ayatollah ins Angesicht zu widerstehen. Und heute?

Wenn man den verzweifelten Kampf dieser Frauen um eine bei uns bis jetzt noch selbstverständliche Freiheit und Selbstbestimmung verfolgt, kann man über die neueste Errungenschaft des Westens, mit stark geschminkten Models im Hidschab Produkte zu bewerben, nicht einmal mehr sarkastisch lächeln: Zuerst die Sportmarke Nike, sozusagen iranisch-traditionell in schwarz, dann Katjes mit ästhetisierendem fruchtgummirosa Tuch und dazu passendem dick aufgetragenen Lidschatten – im Iran sind nicht einmal lackierte Fingernägel in der Öffentlichkeit erlaubt. Besonders bizarr mag auf diese Frauen auch das öffentliche Umbinden eines Kopftuchs von Anti-Trump-Protestierern „aus Solidarität“ mit angeblich diskriminierten, in den USA lebenden Muslimas gewirkt haben: Natürlich gab es auch dazu aus der multikulturalistischen Agitprop-Abteilung eine Meme: eine stilisierte Frau, die ihr Haar mit einem Hidschab aus dem Star Spangled Banner, der US-amerikanischen Fahne, schick verhüllt.

Als im Januar 2015 die Grünen-Politikerin Claudia Roth bei einem Staatsbesuch in Iran selig lächelnd mit einem bunten Kopftuch, das ihren blonden Stirnpony freiließ, abgelichtet wurde, protestierten die Frauen von „My stealthy freedom“ dagegen in einem Offenen Brief. Er wurde in der Zeitschrift „Emma“ von Alice Schwarzer veröffentlicht. Als konsequente Feministin gehört für Schwarzer, als eine der wenigen deutschen Frauen, der Kampf gegen den politischen Islamismus zum Kampf um Frauenrechte dazu. Warum ihre linken und grünen Schwestern ständig in die „Rassismus“-Falle dazu tappen, liegt möglicherweise daran, dass es ihnen gar nicht um den Freiheitskampf von Frauen geht, sondern um einen ideologisierten Multikulturalismus auf Kosten der halben Bevölkerung der Weltkugel – und auf Kosten von Minderheiten wie Juden und homosexuell empfindenden Menschen.

Wenn Frauen bald, wie der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Ex-Politiker der Grünen, im vergangenen Jahr forderte, aus „Solidarität Kopftuch tragen müssen“, dann ist das eine sehr einfältige Solidarität, die nicht den inhaftierten und misshandelten iranischen Frauen gilt, die um ihre Menschenwürde unter Einsatz von Leib und Leben kämpfen – und der „freie Westen“ weigert sich beharrlich, endlich einmal hinzuschauen.

 

 

Hintergrund

Hidschab: großes Kopftuch, das zumeist sämtliche Haarparteien mitsamt dem Haaransatz sowie häufig auch den Hals bedeckt.

Niqab: Gesichtsschleier, der nur schmale Augenschlitze freilässt.

Tschador: großes, meist dunkles Tuch als Umhang um den ganzen Körper mitsamt dem Kopf, der nur Gesicht oder Teile davon freilässt.

Burka: Ganzkörperverhüllung mit Stoffgitter vor den Augen, also ohne Augenschlitze. BW/DT

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