„Eine radikale, subversive Liebe“

Für ihren Einsatz für das Leben ungeborener Kinder wurde die Kanadierin Mary Wagner schon mehr als zehnmal verhaftet. Auch ihren 43. Geburtstag wird sie wohl im Gefängnis verbringen. Doch verleumdende Kritiker können sie nicht stoppen. Von Tobias Klein
Foto: IN | Ein mutiges Vorbild für den Glauben und den Lebensschutz: Mary Wagner.

Am 12. Dezember 2016, dem Gedenktag Unserer Lieben Frau von Guadelupe, wurde die Lebensschutzaktivistin Mary Wagner in der auf Abtreibungen spezialisierten „Bloor West Village Women?s Clinic“ im kanadischen Toronto festgenommen, nachdem sie sich gewaltfrei Zugang zum Wartebereich der Klinik verschafft hatte, um die dort auf einen Termin zum Schwangerschaftsabbruch wartenden Frauen noch im letzten Moment umzustimmen. Sie hatte einen Korb mit weißen und roten Rosen sowie Informationsblätter zur Embryonalentwicklung und Kontaktdaten von Beratungsstellen für Frauen in Konfliktschwangerschaften bei sich. Laut Augenzeugenberichten sprach sie die wartenden Frauen mit Sätzen wie „Ist Ihnen bewusst, dass Sie Ihr Baby töten?“ oder „Es gibt noch eine Chance – Jesus liebt Sie“ an.

Dass sie infolge dieser Aktion verhaftet wurde, ist für Mary Wagner keine neue Erfahrung. Die stille, zerbrechlich wirkende Frau betreibt diese Form des Einsatzes für das Leben ungeborener Kinder bereits seit dem Jahr 2000 – zunächst in der westkanadischen Metropole Vancouver, seit 2010 in Toronto – und wurde in dieser Zeit mehr als zehnmal verhaftet; insgesamt hat sie bislang über viereinhalb Jahre in Gefängnissen verbracht.

Die gläubige Katholikin Wagner, die in der Provinz British Columbia mit 13 Geschwistern aufwuchs, von denen fünf adoptiert waren, erlebte im Alter von etwa 19 Jahren eine Ansprache des hl. Johannes Paul II. beim Weltjugendtag in Denver, in der der Papst die Jugendlichen dazu aufrief, furchtlos Zeugnis für ihren Glauben abzulegen. Nach ihrem College-Abschluss trat Wagner zunächst als Postulantin einem kontemplativen Orden bei, verließ diesen aber vor dem Ablegen der Ewigen Gelübde, um sich ganz dem Anliegen des Lebensschutzes zu widmen.

Zu sagen, dass Kanada zu den Ländern mit den liberalsten Abtreibungsgesetzen der westlichen Welt gehört, wäre im Grunde eine Untertreibung; richtiger wäre es, zu sagen, das Land habe überhaupt kein Abtreibungsstrafrecht: Der betreffende Paragraph des Kanadischen Strafgesetzbuchs wurde im Jahr 1988 ersatzlos gestrichen. Zudem unterliegt in den Provinzen British Columbia und Ontario das Demonstrationsrecht für Lebensschützer erheblich größeren Einschränkungen, als es bei anderen Initiativen – etwa für Natur- bzw. Tierschutz – der Fall ist. Vor diesem Hintergrund stellt Mary Wagners Engagement nicht nur eine enorme Provokation dar, sondern hat auch in Hinblick auf grundlegende Rechtsprinzipien erhebliche Brisanz. In mehreren Verhandlungen versuchte Wagners Verteidiger Charles Lugosi auf Notwehr bzw. Nothilfe zugunsten ungeborener Kinder in akuter Todesgefahr zu plädieren; allerdings legt Sektion 223 des Kanadischen Strafgesetzbuchs fest, dass Kinder erst ab dem Zeitpunkt der Geburt als Menschen im Sinne des Gesetzes gelten. Eine Verfassungsbeschwerde Lugosis gegen diese prinzipielle Entrechtung Ungeborener wurde vom Gericht nicht zugelassen.

Sie macht trotz Androhungen keine Kompromisse

Verurteilt wurde Mary Wagner in ihren bisherigen Strafverfahren jeweils wegen „Groben Unfugs“, definiert als „unbefugtes Eingreifen in legale Beschäftigungen oder Geschäftstätigkeit“; in einigen Fällen kamen Verurteilungen wegen Verstößen gegen Bewährungsauflagen hinzu. Die hohen Haftzeiten – in einem Fall fast zwei Jahre, von August 2012 bis Juni 2014 – kamen unter anderem dadurch zustande, dass Mary Wagner sich strikt weigert, Kautionsvereinbarungen zuzustimmen, die sie verpflichten würden, sich von Abtreibungskliniken fernzuhalten; infolge dieser Weigerung musste sie jeweils bis zur Verhandlung ihres Falles im Gefängnis bleiben. In mehreren Fällen führte dies dazu, dass sie unmittelbar nach ihrer Verurteilung freigelassen wurde, da sie ihre Strafe bereits abgesessen hatte.

Die kanadischen Medien berichten im Allgemeinen wenig über den Fall Mary Wagner; zu einer Kontroverse kam es jedoch im Herbst 2012, als die Lebensschutzaktivistin – die zu diesem Zeitpunkt seit über zwei Monaten inhaftiert war – vom Generalgouverneur Kanadas mit einer Medaille anlässlich des 60-jährigen Thronjubiläums der Königin Elizabeth II. ausgezeichnet wurde. Diese „Diamond Jubilee Medal“ wurde an 60 000 Kanadier für Verdienste an der Gesellschaft verliehen; jedes Mitglied des Parlaments durfte bis zu 20 Personen für diese Auszeichnung vorschlagen, und der konservative Abgeordnete Maurice Vellacott aus der Provinz Saskatchewan im Mittleren Westen Kanadas nominierte unter anderen Mary Wagner und eine weitere mehrfach inhaftierte Pro-Life-Aktivistin, Linda Gibbons. Auf scharfe Kritik an dieser Entscheidung reagierte der Abgeordnete Vellacott mit einer emphatischen Würdigung des „zivilen Ungehorsams“ der Lebensschützerinnen, die er mit dem US-Bürgerrechtler Martin Luther King verglich. Andrea Mrozek vom „Institute of Marriage and Family Canada“ bezeichnete es als ein „ungewöhnlich kafkaeskes Ereignis“, dass „der Staat zwei Individuen für ihre Aktionen gleichzeitig strafrechtlich verfolgt und belobigt“.

Weit größere Popularität als in ihrem Heimatland genießt Mary Wagner in Polen, einem Land, das sie erstmals im Oktober 2014 besuchte. Dabei bereiste sie 26 Städte und wurde beispielsweise vom damaligen Erzbischof von Krakau, Stanis³aw Kardinal Dziwisz, und dem Warschauer Bischof Henryk Hoser empfangen; im Wallfahrtsort Tschenstochau wurde ihr zu Ehren eine englischsprachige Messe zelebriert und live im Internet übertragen. Nach einer erneuten Inhaftierung Wagners am Weihnachtsabend 2014 organisierte die polnische Lebensrechtsstiftung „Fundacja Pro-Prawo do ¿ycia“ Mahnwachen vor der kanadischen Botschaft in Warschau. Der polnische Filmregisseur Grzegorz Braun drehte einen Dokumentarfilm über die Aktivistin, der im Februar 2015 unter dem englischsprachigen Titel „Not About Mary“ auch in Kanada und den USA gezeigt wurde. Im Juni 2015 wurde der damalige kanadische Premierminister Stephen Harper bei einem Staatsbesuch in Polen zu seiner Überraschung mit Demonstranten konfrontiert, die die Freilassung Mary Wagners forderten. Zum Weltjugendtag 2016 in Krakau wurde die Lebensschützerin erneut nach Polen eingeladen und enthusiastisch empfangen.

In Polen und Indien wird sie als katholische Heldin verehrt

Auch hochrangige Vertreter der katholischen Kirche Indiens haben Mary Wagner für ihren Einsatz für den Lebensschutz gewürdigt. Oswald Kardinal Gracias, Erzbischof von Bombay und Mitglied des von Papst Franziskus eingesetzten achtköpfigen Kardinalsrats, besuchte die Kanadierin im August 2013 im Gefängnis; im Juli 2015 zelebrierte der emeritierte Erzbischof von Lahore, Lawrence Saldanha, in einem Vorort Torontos eine Messe anlässlich einer erneuten Haftentlassung Mary Wagners.

Kritiker werfen Mary Wagner vor, abtreibungswillige Frauen zu „belästigen“ und sie in ihrem emotional verletzlichen Zustand „noch zusätzlich zu traumatisieren“. Auch vor Gericht wurde Mary Wagner mehrfach von Anklägern und Richtern grob beschimpft. Bei einer Verhandlung im März 2012 schrie der Vorsitzende Richter sie an: „Sie haben Unrecht, und Ihr Gott hat Unrecht!“ In der kanadischen Ausgabe des Online-Magazins „Huffington Post“ bezeichnete der Blogger Daniel Alexandre Portaro das Vorgehen der Aktivistin als „geradezu ekelhaft“. Dagegen betont eine Augenzeugin der jüngsten Verhaftung Mary Wagners, die Ordensschwester Immolatia in Corde Perforata Jesu von der „Fraternity of the Poor of Jesus Christ“: „Die radikale, subversive Liebe, die Mary auslebt, ihr persönliches Opfer und die Härten, die sie auf sich nimmt, sind notwendig. Selbst hinter Gittern ist Mary freier als wir alle: Als Gefangene der Liebe und Zeugin für die Heiligkeit des Lebens, durch die Verweigerung des Gehorsams gegenüber ungerechten Gesetzen, durch ihren Einsatz für die stummen und wehrlosen ungeborenen Kinder und ihre Mütter ist Mary im tiefsten Sinne des Wortes frei.“

Die Gerichtsverhandlung gegen Mary Wagner wegen dreifachen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen ist auf den 25. und 26. Mai angesetzt. Zuvor soll am 10. Februar eine gerichtliche Anhörung zur Vervollständigung der Beweisaufnahme stattfinden – zwei Tage vor Mary Wagners 43. Geburtstag.

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