Eine neue Zeitrechnung

Kapitalistischer Konsum hält Einzug auf Kuba – Für die Einheimischen bleiben die Angebote unerschwinglich. Von Andreas Knobloch
Foto: Martin Funck | Kapitalismus light: Nicht jeder hat auf Kuba Zugang zum neuen Luxus.

Interessiert betrachtet Marta die Auslagen in den Schaufenstern in Havannas neuer Luxus-Einkaufspassage. „Ich bekomme 342 Kubanische Pesos Rente im Monat“, umgerechnet knapp 14 US-Dollar, sagt sie mit einem bitteren Lächeln, das wohl ausdrücken soll: Leisten kann ich mir hier nichts. Um die Kosmetikartikel im L'Occitane en Provence-Shop, wo Parfüms um die 100 US-Dollar oder Gesichtscremes für 162, 50 US-Dollar angeboten werden, bezahlen zu können, müsste die frühere Lehrerin ihre Rente ein Jahr komplett beiseite legen. Von der Canon EOS-Kamera für 7 500, der Bulgari-Uhr für 10 000 oder dem Schmuck für 24 000 US-Dollar ganz zu schweigen.

Die teuren Geschäfte im Erdgeschoss des generalüberholten Manzana de Gómez am Parque Central im Herzen der kubanischen Hauptstadt zeugen von einer neuen Zeitrechnung. Kapitalistischer Konsum hält Einzug auf der Insel, deren Gesellschaft auf dem Ideal sozialer Gleichheit gründet.

Der zwischen 1894 und 1917 errichtete fünfstöckige Prachtbau unweit des Kapitols war Kubas erste Shopping Mall; nach der Revolution beherbergte er vor allem Büros staatlicher Behörden und eine Schule und verfiel. Nach aufwendiger Renovierung soll nun Anfang Juni das Gran Hotel Manzana Kempinski mit 246 Zimmern eröffnet werden. Es gehört Kubas Armee-eigenem Touristikunternehmen Gaviota, wird aber von der Schweizer Hotelkette Kempinski betrieben werden. Die Zimmerpreise des neuen Fünf-Sterne-Hotels bewegen sich zwischen 370 und 660 US-Dollar pro Nacht, wie Alessandro Benedetti, Sales- und Marketing-Direktor bei Kempinski, gegenüber der Presse erklärte.

Die Geschäfte im Erdgeschoss haben zum Teil bereits Anfang Mai eröffnet. Täglich schlendern hunderte Kubaner durch den Kreuzgang, drücken sich mit großen Augen die Nasen an den Schaufenstern der Gucci-, Versace- und Montblanc-Geschäfte platt und schießen Erinnerungsselfies. Die angebotenen Produkte in den Auslagen kann sich dagegen kaum jemand leisten. „Eine Unverschämtheit“, sagt die Schauspielerin Edenis Sánchez. „Wer soll denn hier einkaufen?“ Auch Melanie, die seit einigen Jahren in Spanien lebt und gerade ihre Familie auf Kuba besucht, zeigt sich etwas pikiert. „Was soll das hier, wenn die Kubaner sich noch nicht einmal die Produkte in den normalen Geschäften leisten können?“, fragt sie. „Kaum ein Kubaner hat das Geld, um hier einkaufen zu können.“

Marta wiederum erinnert sich mit Blick auf den ausgestellten Luxus an den Mangel der Krisenjahre in den Neunzigern. „Dass es nun solche Geschäfte hier gibt, ist auch ein Zeichen, dass es dem Land besser geht. Aber die Produkte hier können sich nur Touristen mit viel Geld leisten.“

Apropos Tourismus. Angesichts der schwierigen Situation der kubanischen Wirtschaft – im abgelaufenen Jahr war das Bruttoinlandsprodukt um ein Prozent zurückgegangen – und der wirtschaftlichen und politischen Probleme von Kubas wichtigstem Handelspartner Venezuela, das seine Öllieferungen nach Kuba reduziert hat, setzt die Regierung Raúl Castro vor allem auf Tourismus als Entwicklungsmotor. Im vergangenen Jahr kamen erstmals mehr als vier Millionen ausländische Besucher auf die Karibikinsel, darunter mehr als 614 000 US-Amerikaner – Tendenz weiter steigend. Die meisten Hotels sind trotz zum Teil exorbitanter Preise auf Monate hin ausgebucht.

Die Einkaufspassage ruft bei Touristen aber gemischte Gefühle hervor. Die ausgestellten Markenprodukte haben so gar nichts vom Charme des Ruinösen wie die US-amerikanischen Straßenkreuzer aus den Fünfzigern und die halbverfallenen Art-Deco-Gebäude aus derselben Epoche, die Havannas Stadtbild prägen und wegen denen viele herkommen, um ein paar Tage Urlaub von Konsum und Wohlstandsstress zu nehmen. Ein deutsches Touristenpaar äußert sich fast schon verärgert: „Das ist enttäuschend. Wir sind hergekommen, um mal Abstand von Konsum, McDonalds und Starbucks zu haben – und dann das hier.“

Die kubanische Regierung steht vor einem schwierigen Spagat: Einerseits den Tourismus zu fördern, um die Wirtschaft in Gang zu bringen und Einnahmequellen für die Bevölkerung zu schaffen, sei es durch Jobs in der Tourismusindustrie oder privates Gewerbe wie Zimmervermietung oder Taxi fahren; andererseits die Schere zwischen Arm und Reich nicht zu groß werden zu lassen.

Als vor einem Jahr der Prado, Havannas Prachtboulevard, der an die Rampas von Barcelona erinnert, wegen einer exklusiven Modenschau des französischen Luxuslabels Chanel für die Bevölkerung gesperrt wurde, rief diese zeitweilige Privatisierung des öffentlichen Raums für einen privaten, internationalen Modekonzern, der mit Luxus und Exklusivität sein Geld verdient, bei kubanischen Intellektuellen und Teilen der Bevölkerung viel Kritik hervor.

Andere wiederum sehen in dem Fakt, dass sich Stars und Sternchen auf der Insel die Klinke in die Hand geben, Karl Lagerfeld für Chanel Modeschauen veranstaltet und den Luxusgeschäften am Parque Central das Zeichen für eine bessere, prosperierende Zukunft des Landes. „Alles, was der Entwicklung dient, ist gut“, findet Rodolfo, der nur einen Steinwurf von der Manzana de Gómez entfernt in einem einsturzgefährdeten Gebäude wohnt wie er erklärt. „Diese Läden und das Hotel werden Touristen mit Geld anlocken.“

Ein paar hundert Meter entfernt, auf der Ecke Prado und Malecón, Havannas Uferpromenade, werden schon die nächsten Luxustempel aus dem Boden gestampft: Auf mehreren Stockwerken entstehen Hotelzimmer, Geschäfte, Bars, Restaurants, Schönheitssalons, und vom Swimmingpool auf dem Dach werden die wohlbetuchten Gäste einen herrlichen Blick auf die Bucht von Havanna haben.

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