Bamberg

„Eine halbe Stunde an der frischen Luft“

Seit Beginn der Corona-Pandemie war Antje Yael Deusel als Medizinerin und Seelsorgerin doppelt systemrelevant.

Antje Yael Deusel
Antje Yael Deusel betreut als Rabbinerin die Liberale Jüdische Gemeinde und ist als Lehrbeauftragte für Judaistik tätig an den Universitäten Bamberg und Augsburg sowie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg.

Frau Deusel, Sie haben als Ärztin, Rabbinerin und Lehrbeauftragte drei Jobs. Seit Corona sind Sie stark gefordert. Wo setzen Sie Prioritäten?

Durch die Arbeit in der Praxis und meine seelsorgerliche Tätigkeit bin ich noch mehr als sonst eingespannt. Alles andere muss warten. Die Sorge um das körperliche und das seelische Wohl der Mitmenschen hat Vorrang vor allem Privatem.

Eine Arztpraxis kann nicht als „home office“ geführt werden. Wie lief bisher der Praxisbetrieb?

Im Einvernehmen mit dem betreffenden Patienten werden alle nicht sofort notwendigen Operationen und nicht dringlichen Eingriffe verschoben. Andere Patienten müssen unbedingt umgehend in der Praxis untersucht und behandelt werden. Hierzu gehören selbstverständlich alle Tumorpatienten und auch alle Notfallpatienten.

Als Ärztin haben Sie selbstverständlich eine ganz besondere Verantwortung …

Aktuell zeigt sich noch viel deutlicher als sonst, wie sehr Körper und Psyche eines Menschen zusammenhängen. Hier ist der seelsorgerliche Aspekt für den Patienten genauso wichtig wie die körperliche Gesundheit. Insofern sehe ich es als eine ideale Kombination, Ärztin und Seelsorgerin zugleich zu sein, und das selbstverständlich auch religionsüberschreitend.

Rabbinerin und Seelsorgerin in Corona-Zeiten. Was bedeutet das konkret?

Die Arbeit als Rabbinerin beginnt nicht erst, wenn ich aus der Praxis nach Hause komme, und meine rabbinischen Aufgaben sehen derzeit anders aus als sonst, vor allem, weil lange die Gottesdienste fehlten und auch der persönliche Kontakt auf ein Minimum beschränkt wurde. Dafür ist mehr Koordinationsarbeit als sonst nötig. Alles, was sich per Telefon und E-Mail erledigen lässt, kann ich natürlich problemlos machen. Aber wie kommen die koscheren Einkäufe zu Herrn X und Frau Y? Unsere engagierten Ehrenamtlichen der jüdischen Gemeinde liefern die bestellten Lebensmittel und andere Dinge persönlich aus oder bringen sie als Pakete zur Post.

Gab es mit Blick auf einen koscheren Haushalt Versorgungsengpässe?

Bis jetzt nicht, Gemüse gibt es, Fisch gibt es, und noch vieles andere mehr.

Synagogen hatten ebenso wie Kirchen und Moscheen geschlossen. Mit welchen Konsequenzen für jüdische Gläubige?

Der Kontakt, die persönliche Gemeinschaft fehlten, auch mir selber. Allein schon ein Freitag-Abend ohne Gottesdienst, das fühlte sich leer an. Etwas Entscheidendes, etwas, das uns vertraut ist, fehlte. Gottesdienste per Live-Stream oder Ähnlichem waren dafür kein vollgültiger Ersatz, zumal nicht alle unserer Gemeindemitglieder Technik-affin sind – und das hat nichts mit dem Lebensalter zu tun. Manche unserer regelmäßigen Synagogenbesucher haben auch schlichtweg keine Möglichkeit, Gottesdienste online zu verfolgen. Um diese Menschen sorgte ich mich am meisten.

Wie erreichten Sie denn eigentlich beim strengen Kontaktverbot die Menschen?

Zum Beispiel über zahlreiche seelsorgerliche Telefonate, oft bis spät am Abend, wenn die Einsamkeit die Menschen am meisten bedrückt. Dafür bin ich stets erreichbar. Auch über Rundmails mit speziellen Angeboten, von Hinweisen auf online-Gottesdienste bis zu Bastelideen für die Kinder. Und nicht zuletzt über unsere neue Gemeinde-Wochenzeitung „Wort zum Schabbat“, die neben wichtigen Informationen jeweils eine Betrachtung zum Wochenabschnitt enthält, außerdem Gedanken zu einem Gebet des Schabbat-Gottesdienstes mit einem passenden Gedicht oder Text als Meditation dazu, und sogar ein kleines Feuilleton. Wer keine E-Mail empfangen kann, bekommt die Aussendungen als Brief per Post.

Sie hatten sich für jeden Tag etwas Besonderes ausgedacht …

Ja, wir haben ein neues Ritual geschaffen: jeden Abend um 19 Uhr ein Gebet um ein baldiges Ende der Corona-Pandemie sowie um Schutz und Bewahrung vor Corona, für eine rasche Genesung der Kranken, um Trost und Hilfe für Trauernde und Einsame, um Kraft für die vielen Menschen, die unser Land derzeit am Laufen halten. Das Gebet kann ein jeder und eine jede von uns sprechen, egal wo wir zu dieser Zeit gerade sind, und so sprechen wir es quasi gemeinsam, nur an verschiedenen Orten. Ebenso haben wir dazu aufgerufen, am Freitag-Abend um 18.30 Uhr – der Zeit, zu der sonst unser Gottesdienst beginnt, unsere Schabbatkerzen zu entzünden. Wir können nicht zusammen in einem Raum beten, aber wir können es gleichzeitig tun, als ein Zeichen der Verbundenheit.

Wie gingen Sie in Ihrer Gemeinde mit Themen wie Hochzeiten, Bat/Bar-Mitzwa, Beschneidungen oder Beerdigungen um?

In den vergangenen Wochen standen in unserer Gemeinde keine Hochzeiten, Bar/Bat Mitzwa-Feiern, Beerdigungen oder Beschneidungen an. Im Zweifelsfall kann man alles verschieben, bis auf Beerdigungen natürlich, und die würden im engsten Familienkreis stattfinden – wobei ich als Rabbinerin unter entsprechender Einhaltung des physischen – nicht des menschlich-sozialen – Abstandes auf dem Friedhof amtieren kann.

Was antworten Sie Menschen mit Blick auf die Pandemie, wenn sie fragen: Wie kann Gott das zulassen?

Die Frage nach der Theodizee ist so alt wie die Menschheit. Darauf gibt es keine einfache Antwort, falls es überhaupt eine Antwort in der Olam ha-se, in unserer diesseitigen Welt, geben kann. Menschen haben stets ein Bedürfnis nach Erklärungen, aber manchmal kann man nach menschlichem Ermessen keine finden. Ich habe im Hinblick auf die Pandemie auch keine einfache Antwort. Aber ich habe eine Frage, nicht an den Ewigen, sondern an die Menschen: Wo hätte der Mensch sich anders verhalten müssen? Was hätte er tun können, um das Entstehen der Pandemie zu verhindern?

Als Rabbinerin und Ärztin haben Sie sicher einige praktische Ratschläge für Gläubige?

Nicht nur für gläubige Menschen: Nutzen Sie die Gelegenheit, als Familie gemeinsam gute Filme zu sehen und darüber zu diskutieren. Lesen Sie die Bücher, die Sie schon immer lesen wollten. Begrenzen Sie die Zeit für Computerspiele und Fernsehen und halten Sie sich täglich mindestens eine halbe Stunde an der frischen Luft auf. Und: Nehmen Sie einmal wieder den Tanach, die Bibel, in die Hand, um darin zu lesen.

Hintergrund

Dr. Antje Yael Deusel wurde 1960 in Nürnberg geboren. Sie studierte Medizin in Erlangen und ist seit über drei Jahrzehnten als Fachärztin tätig. In Bamberg war sie die erste (und für lange Zeit die einzige) Frau in der Urologie. Schon in der Schule und später am Hebrew Union College in Jerusalem lernte sie Hebräisch. Im Abraham Geiger Kolleg in Berlin, einem Rabbinerkolleg in der liberalen Tradition, begann Yael Deusel 2007 ihre Rabbinatsausbildung. Gleichzeitig studierte sie an der Universität Potsdam Jüdische Religion, Geschichte und Kultur und graduierte 2011 als Master of Arts in diesem Fach. Ihre Smicha, die Ordination zur Rabbinerin, erhielt sie am 23. November 2011 in Bamberg. Derzeit betreut sie als Rabbinerin die Liberale Jüdische Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und ist auch als Lehrbeauftragte für Judaistik tätig an den Universitäten Bamberg und Augsburg sowie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg.

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