Ein tragisch-komischer Komödienstadl

Pünktlich zum Jubiläum der Einheit Italiens stürzt der Niedergang Berlusconis vor allem die Katholiken in ein Vakuum. Von Guido Horst
Foto: dpa | Ein neapolitanischer Handwerker stellt in seinem Schaufenster eine Figur von Italiens Premierminister Silvio Berlusconi aus Terracotta auf recht beredte Weise aus.
Foto: dpa | Ein neapolitanischer Handwerker stellt in seinem Schaufenster eine Figur von Italiens Premierminister Silvio Berlusconi aus Terracotta auf recht beredte Weise aus.

Rom (DT) Italien ist ein schönes Land. Nicht zuletzt die Deutschen lieben es, auf dem Alpenkamm das oft garstige Wetter der Heimat hinter sich zu lassen und in die pinienbedeckten Hügel einzutauchen, die nicht nur die Toskana-Fraktion deutscher Politiker als Reiseziel schätzt. Doch neben Meer und Natur lockt auch die Kultur die Touristen an. An antiken Bauschätzen und Kunstwerken vergangener Epochen besitzt Italien das reichste Erbe auf der Welt. Aber sieht der Besucher auch die tiefen Wunden, die dieser Kulturlandschaft geschlagen wurden?

Erdrutsche, sich absenkende oder gar abstürzende Straßen und Schlammlawinen, die ganze Ortschaften verwüsten, gehören vor allem in der feuchten Jahreszeit zum Alltag in Italien. Viel Müll wurde, besonders im Süden des Landes, illegal vergraben. Verseuchte Bäche und übel riechende Abwasserkanäle sind die Folge. Die Prozesse, die Bürger gegen die Kommunen wegen gesundheitlicher Schäden durch Umweltvergiftung führen, lassen sich kaum zählen.

Auf dieser gequälten Erde lebt eine Nation, die in diesem Jahr das hundertfünfzigste Jahr der politischen Einheit feiert – oder besser: begeht, denn von ausgelassenem Feiern kann nirgendwo die Rede sein. Aber auch der, der einen historischen Anlass dieser Art begehen will, braucht einen Geist, eine Seele, eine Einheit stiftende Idee, die es zu würdigen gibt. Geschichte ist kein Abrisskalender, sondern lebt von Personen und ihren Idealen. Den Mythos vom „Risorgimento“, der 1870 mit der Einnahme des Kirchenstaats endete und die nationale Einheit verwirklichte, hat die historische Wissenschaft längst schon widerlegt: Es war ein ganz gewöhnlicher Eroberungskrieg, mit dem Piemont das Land unter seine Herrschaft brachte und Rom zur Hauptstadt des italienischer Königreichs machte.

Doch auch in der Folgezeit hat die Idee der nationalen Einheit nie richtig Wurzeln im Volk schlagen können. Noch in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg waren es zwei „ausländische Mächte“, in denen die meisten Italiener ihre geistige Heimat sahen: Für die Kommunisten war das Moskau, für die Katholiken der Vatikan. Dass Don Camillo und Peppone, dass Giulio Andreotti und Enrico Berlinguer trotz des scharfen ideologischen Gegensatzes, der das Land in zwei Lager zerschnitt, das moderne Italien von heute aufbauen konnten, dass sie die „anni di piombo“, die „Jahre des Bleis“ der Bedrohung durch die terroristischen Roten Brigaden, und die nationale Tragödie der Entführung und Ermordung Aldo Moros gemeinsam durchstanden, erfüllt die Italiener heute noch mit einem gewissen Stolz.

Doch dann kam das Ende des Kalten Krieges, auch zwischen dem Vatikan und Moskau fiel die Mauer, und es waren – wie in den vergangenen Wochen – nicht die Politiker, sondern die Justiz, die Untersuchungsrichter, die die Weichen der Geschichte umlegten: Im Bestechungsskandal der Jahre 1992 bis 1994 und der Untersuchung „mani pulite“ ging das alte Parteiensystem zugrunde und damit – so sagen viele Italiener – die „Erste Republik“. Zwar hat es nie einen formalen Rechtsakt gegeben, mit dem die „Zweite Republik“ ins Leben gerufen worden wäre, nur ein neues Wahlgesetz hat man Mitte der neunziger Jahre erlassen, aber so will es der Sprachgebrauch: Die „Erste Republik“ ist untergegangen, und mit ihr die fünf großen Parteien, um die das politische Leben kreiste, Christdemokraten und Kommunisten eingeschlossen.

Die Lega Nord Umberto Bossis, die einzige politische Formation Italiens, die heute als Volkspartei fest in der Bevölkerung (Norditaliens) verwurzelt ist, gab es damals schon, als der Sturm der Untersuchungsrichter die herrschende Politikerklasse beiseite fegte. Doch das wirklich Neue, das dann kam und keine Vorläufer hatte, war Silvio Berlusconi, der begnadete Unternehmer, der Emporkömmling, der „Parvenü“, der mit Geld und Personal aus den eigenen Firmen die zunächst als „Plastik-Partei“ verspottete Bewegung „Forza Italia“ gründete und mit ihr schon 1994 zum ersten Mal eine von ihm geführte Regierung bilden konnte. Dass der Mailänder Medienzar in die Politik gegangen war, um seine Unternehmen zu retten, wusste man bereits damals. Aber ein Verbrechen ist das nicht und so haben viele Italiener nicht die Person, aber die „Idee Berlusconi“ übernommen und – mangels Alternativen – zu ihrer geistig-politischen Heimat erklärt. Allen voran die Katholiken.

Richtig ist, dass Berlusconi so wenig von Kirche und katholischen Dingen versteht, dass er als einziger Regierungschef der Welt das Privileg besitzt, zu den Privataudienzen beim Papst einen zweiten Mann mitbringen zu dürfen, der weiß, wie man mit einem Pontifex spricht: Gianni Letta, „gentiluomo di Sua Santita“, Ehrenmann seiner Heiligkeit, der aus dem Firmenimperium Berlusconis stammt, aber vielen Katholiken, und vor allem Vatikanprälaten, als Gewähr dafür dient, dass Berlusconi auch ihre Interessen vertritt. Denn richtig ist auch, dass Berlusconi keine Politik gegen die Kirche macht. Es gibt in Italien keine Homo-„Ehe“, in den ethisch heiklen Fragen, bei denen in anderen Ländern längst schon alle Dämme gebrochen sind, folgte Berlusconi stets den Vorgaben der Kirche. So trat er auch immer für das christliche Ideal der Familie ein: Es ist nicht lange her, dass katholische Bewegungen (mit Förderung der Diözese Rom) und Berlusconis „Forza Italia“ gemeinsam einen „family-day“ vor der Lateran-Basilika mit Millionen Teilnehmern organisierten.

Seitdem Veronica ihren Mann Silvio mit den an die Presse weitergegebenen Sätzen „Er frequentiert Minderjährige“ und „Helft ihm, er ist krank“ aus der, zumindest dem Schein nach, privaten Familien-Idylle stürzte und Berlusconi seither in seiner Villa in Arcore bei Monza die Strapse junger und zum Teil minderjähriger Prostituierter knallen lässt, haben die Katholiken in Italien, die bisher den Cavaliere wählten, ein Problem. Aber nicht allein sie. Pünktlich zum hundertfünfzigsten Jahrestag der Einheit des Landes ist der Stern abgestürzt, mit dem etwa die Hälfte der Italiener, die noch zu den Urnen gehen, eine Idee von ihrer Heimat verbindet. Berlusconi, das war modern, sympathisch, konservativ und zugleich so freizügig wie die Sternchen und Tänzerinnen in den Fernsehshows der drei Sender des Cavaliere. Da haben auch die Prozesse Berlusconis nicht gestört, da jeder Italiener weiß, dass es fast unmöglich ist, selbst eine kleine Kaffeebar zu führen und dabei alle Regeln der Behörden zu befolgen.

Seitdem Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone vor zwei Wochen die Zeit für gekommen hielt, angesichts der Sex-Skandale des Ministerpräsidenten Moralität, Gerechtigkeit und Legalität einzufordern, stehen prominente Katholiken des Landes in den Talkshows und Diskussionsrunden des Fernsehens in der Pflicht zu erklären, ob sie es weiter mit Berlusconi als politischem Partner aushalten können. Die Frage ist böse, denn eine wirkliche Alternative gibt es nicht. Italien begeht das Jubiläum seiner Einheit und genau jetzt eitert die Wunde, nie eine einende Identität gefunden zu haben.

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