Ein leerer Bauch studiert nicht gern

Der ehemalige Bischof von Anatuya, Antonio Baseotto, zur Hilfe für eines der ärmsten Bistümer Argentiniens. Von Werner Stalder
Foto: Stalder | Einer der Brunnen, die mit Hilfe der Partnerschaft gebaut werden konnten.
Foto: Stalder | Einer der Brunnen, die mit Hilfe der Partnerschaft gebaut werden konnten.
Anatuya gilt als das ärmste Bistum Argentiniens. Wie sieht das Leben in Anatuya aus?

In Wirklichkeit ist die Diözese Anatuya immer noch eine der ärmsten. Es gibt jetzt in ganz Argentinien sehr viel Armut wegen der wirtschaftlichen Lage. Anatuya war schon immer ein armes Bistum aus unterschiedlichen Gründen, erstens wegen der mangelnden Ausbildung der Bevölkerung, zweitens wegen der geografischen Lage und der klimatischen Bedingungen in der Zone, und drittens wegen der großen Migration. Viele Einwohner haben in den letzten Jahren die Gegend verlassen. Die Armut kann man am besten empfinden und nachvollziehen bei den Kindern. Die Kinder, die nicht genug zu essen haben, entweder weil die Eltern nicht die Mittel haben, oder auch, weil die Mütter nicht gelernt haben, wie sie ihre Kinder richtig ernähren sollen. Und die Kinder sind die größte Sorge, die wir im Bistum haben. Eine unserer Aufgaben ist es, die Wichtigkeit der richtigen Ernährung der Kleinkinder den Müttern zu vermitteln, damit sie gesund aufwachsen.

Seit 40 Jahren besteht nun die Partnerschaft zwischen dem Dorf Nütterden am Niederrhein und Anatuya. Wie konnte Nütterden den Menschen in Anatuya helfen?

Wir sind der „Aktion Anatuya“ sehr dankbar, dass viele Zisternen für das Auffangen von Regenwasser gebaut werden konnten, da in dieser Gegend durch vulkanische Einflüsse das Grundwasser durch Arsen und Salpeter verseucht ist und es selbst bei 90 Meter tiefen Bohrungen nur vergiftetes Trinkwasser gibt. Die zweite segensreiche Einrichtung ist der Bau von einfachen Steinhäusern im Kampf gegen die todbringende Chagaskrankheit, die von Wanzen, die in den Dächern der armseligen Hütten hausen, übertragen wird. Auch sind wir für die Medikamente dankbar, die wir empfangen. Die Grundschule in Nütterden hat eine wunderbare Patenschaft mit zwei kleinen, ganz verlassenen Landschulen in der Gemeinde Boquerón im Bistum Anatuya.

Wie stehen die Gemeinden des Bistums Anatuyas mit denen am Niederrhein in Kontakt?

Die Beziehung zwischen Nütterden und Anatuya begann 1974 mit Bischof Georg Gottau, als er bekannt machte, welche Notwendigkeiten diese Gegend zu der Zeit hatte. Die Besorgnis wurde dann durch die Hilfsbereitschaft, Hartnäckigkeit und Ausdauer der jetzigen Beauftragten der „Aktion Anatuya“ der katholischen Kirchengemeinde St. Antonius Abbas aufgegriffen, die uns von Anfang an begleitet und Antworten auf unsere Bedürfnisse in Anatuya gefunden haben. Diese Kontinuität ist die Garantie, dass alles, was aus Deutschland gespendet werden kann, auch dort ankommt.

Was muss Ihrer Meinung nach in naher Zukunft vor allem getan werden?

Die Hilfe sollte dahin zielen, sowohl die Kinder richtig zu ernähren und zu erziehen, aber es sollte auch die Erziehung der Erwachsenen erfolgen, damit sie ihre Kinder richtig fördern. Man kann niemanden ausbilden, wenn er nicht richtig ernährt ist. Kinder können nicht lernen, wenn sie nicht richtig ernährt sind. Ein leerer Magen erlaubt nicht, dass unser Verstand gesund denkt. Wenn die Menschen dort sich ihrer eigenen Verantwortung bewusst sind, ist das die beste Art, ihnen zu helfen. Die Ernährung muss gesund, harmonisch und nicht einseitig sein, damit die Kinder lernen können. Das ist das Wichtigste, was wir brauchen für die Gegenwart und Zukunft in dieser Gegend. Die Diözese Anatuya braucht wirklich Hilfe.

Papst Franziskus ist Ihr Bistum wohlbekannt. Was bedeutet Ihnen dieser argentinische Papst?

Papst Franziskus hat als Provinzial der Jesuiten im Norden der Diözese wieder Jesuiten eingesetzt, wie sie dort bereits in der Zeit vor der Kolonisation gewirkt hatten. Bischof Georg Gottau hatte die Notwendigkeit in dieser Region erkannt und den heutigen Papst, den damaligen Pater Jorge Mario Bergoglio, um Hilfe gebeten. Dabei wurde die enge Verbindung zwischen Bergoglio und Anatuya geboren. Und danach, als unser heutiger Papst Franziskus Bischof und Kardinal in Buenos Aires war, blieb diese Verbindung mit Anatuya eine gefühlsbetonte Herzensangelegenheit. Diese Beziehung besteht jetzt noch immer.

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