Fußball

„Ein Leben lang“

Der Bundesliga-Absteiger Schalke 04 hat tolle Fans: Einer davon ist Propst Markus Pottbäcker, der sich auch für den Revier-Club engagiert. Im Vergleich zur Kirche sieht er die Zukunft des Vereins optimistisch.

Er leitet derzeit drei Pfarreien in Gelsenkirchen und ist Dechant der „Stadt der tausend Feuer“. Für mehr als 60 000 Seelen ist Propst Markus Pottbäcker dort zuständig. Viele von ihnen eint die Liebe zum FC Schalke 04. Diese Leidenschaft teilt Pottbäcker seit Mitte der 1980er Jahre. Jetzt will er sich, mitten in einer der schwersten Krisen des Vereins, dort im Wahlausschuss engagieren. 

Pottbäcker ist ein Revierkind

Geboren in Duisburg, aufgewachsen in Oberhausen, auf einer dieser typischen Straßen im Revier, die als Grenzverlauf zwei Städte voneinander trennt, fühlt er sich eher als Duisburger. „Wir wohnten zwar in Oberhausen, gehörten aber der katholischen Pfarrgemeinde in Obermeiderich an und da die kirchliche Verortung für mich immer schon wichtiger war als die kommunale, ordne ich mich tatsächlich als Duisburger ein“, beschreibt Pottbäcker.

Vater war MSV Duisburg-Fan

Dennoch zog es ihn nie zum MSV Duisburg, obwohl sein Vater ein leidenschaftlicher Anhänger der Meidericher war. „Er ließ kein Heimspiel aus, wobei er den Begriff sehr weit fasste und alle Stadien in Nordrhein-Westfalen, in denen der MSV in der damaligen Zeit spielte, für ihn ein Pflichtbesuch waren“, schmunzelt der Propst. Er selbst war nur ein einziges Mal in Wedau Stadion, „als wir da von der Schule aus mal hinmussten“. In der Jugend stand das runde Leder nicht in seinem besonderen Fokus. Ab und an schaute er gemeinsam mit seinem Vater im Fernsehen Fußballspiele an. Typisch für viele Fans in den siebziger Jahren schaltete dieser den Ton des Fernsehers ab und ließ die Kommentierung im Radio laufen, weil die einfach besser war.

Im Priesterseminar  vom Fußballbazillus infiziert

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Vom Fußballbazillus infiziert wurde der Priester erst mit dem Beginn des Studiums, im Bochumer Priesterseminar. „Wir waren damals, 1985, dort mit über 80 Priesteramtsanwärtern. Und da gab es natürlich die unterschiedlichsten fußballerischen Präferenzen.“ Ob es Dortmund-Fans im Seminar gab, daran kann sich Pottbäcker überhaupt nicht erinnern, oder sein Schalker Herz lässt die Erinnerung an Fans aus der für Blau-Weiße verbotenen Stadt nicht zu. Er entschied sich für Schalke 04, weil dieser Verein mit all seinen Facetten für ihn die Ruhrgebietsidentität abbildete.

Ein Papst als Vereinsmitglied

Und als Schalker war Pottbäcker in den 80er Jahren natürlich in guter Gesellschaft. Seinen ersten Besuch im Parkstadion absolvierte er nicht aus Anlass eines Fußballspiels, sondern als Papst Johannes Paul II. dort 1987 eine Heilige Messe hielt. Das Ereignis, von dem sich die Anekdote hält, dass die Schalker dem Heiligen Vater dort die Ehrenmitgliedschaft verliehen haben. „Er könnte als Heiliger im Himmel allerdings ein bisschen mehr tun für seinen Verein“, lächelt der Propst. 

„Mit ihrer Liebe zum Verein verbinden Fans Lebensfreude und Hoffnung; deshalb liegt es nahe, dass man in den einen oder anderen Zusammenhängen auch vom Fußballgott spricht.“
Markus Pottbäcker

Wieviel hat Fußball nun mit Religion zu tun? „Wer ein Hobby mit größter Leidenschaft ausübt, überschreitet immer irgendwo eine quasi religiöse Grenze“, erklärt Pottbäcker. Es sei schließlich, theologisch gesprochen, immer ein Ausdruck einer besonderen Liebe zum Leben. „Mit ihrer Liebe zum Verein verbinden Fans Lebensfreude und Hoffnung; deshalb liegt es nahe, dass man in den einen oder anderen Zusammenhängen auch vom Fußballgott spricht.“ Wenn ein Mats Hummels nach einem Eigentor verzweifelt nach oben schaue, blicke er zum Himmel, auf der Suche nach einer Antwort auf das, was da gerade passiert ist. 

Vereinsliebe in Zeiten der Krise

Pottbäckers Leidenschaft für den Revierclub begann in einer Zeit, in der es ebenfalls nicht gut um die Schalker bestellt war. In den 80er Jahren reichten die Leistungen der Knappen gleich dreimal nicht, um die Klasse zu halten. Danach schafften sie es allerdings zurück in die Erfolgsspur, bis zum aktuellen Rückschlag. „So ein Abstieg ist bitter, auch mit der Häme, die einem von anderen Fußballfans entgegenschlägt.“ Den aktuellen Niedergang der Mannschaft sieht er heute noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive: als leitender Pfarrer in einer ohnehin gebeutelten Stadt. „Das ist etwas, das die ganze Stadtgesellschaft betrifft und auch anders, als wenn der Hamburger SV oder der FC St. Pauli abgestiegen sind, oder der erste FC Köln abgestiegen wäre. Beide Städte bieten für die Menschen immer noch so viel anderes, in Gelsenkirchen bleibt aber nicht mehr viel, neben dem FC Schalke 04.“ Natürlich habe die Stadt ihren Reiz, schöne Ecken und Potenzial, aber Identität schaffe in ihr vor allem der Fußballverein. Schalke finde bei seinen Fans allerdings ebenso engagiert in der Zweiten Liga statt. Die Liebe der Anhänger bleibe, wie im Schlachtgesang beschrieben, „ein Leben lang“.

Lage der Kirche ist schlimmer

Vergleichbar mit der Situation der Kirche sei der Abstieg der Königsblauen allerdings nicht, meint der Propst. „Wir haben als Kirche nicht mehr eine tragende Mehrheit von Anhängern, die sagt: Wenn Ihr da oben Mist gebaut habt, das vergeht, wir sind der Verein. Bei uns als Kirche sagt die Mehrheit der Fans: Wir wollen nichts mehr mit euch zu tun haben.“ Und das sei natürlich viel dramatischer, vor allem, weil es sich nicht nur um Fehler gehandelt habe, die zu der aktuellen Situation führen, sondern eben um Straftaten und Vertuschung. Die Kirche könne, anders als Schalke, nicht einfach ihre Kräfte bündeln, um dann zeitnah wieder einen Aufstieg zu schaffen. „Für uns als Kirche ist die erste Liga Lichtjahre entfernt“, zieht Pottbäcker ein ernüchterndes Fazit. Es werde Jahrzehnte dauern, bis es wieder gelinge, Vertrauen aufzubauen. Genau das sei aber dringend erforderlich. 

1000 Freunde

Dazu müsse die Kirche sich immer wieder in weltlichen Bezügen zeigen. Einer der Gründe, warum sich Pottbäcker jetzt beim FC Schalke 04 engagiert. Er habe sich sehr gefreut, dass man ihn gefragt habe, ob er sich vorstellen könne, für den Wahlausschuss zu kandidieren. Ein Gremium, dem nach der jetzigen Satzung eine besondere Bedeutung zukommt. Dort wird nämlich festgelegt, welche Bewerber für den Aufsichtsrat des Vereins infrage kommen. Es geht also um eine Vorauswahl, wer nach bestimmten harten, aber auch weichen Kriterien künftig die Geschicke des Revierclubs, vorbehaltlich der späteren Wahl, mitbestimmen darf. Die mehr als 160 000 Mitglieder des zweitgrößten Fußballvereins in Deutschland und des fünftgrößten der Welt waren in Coronazeiten Mitte Juni aufgerufen, digital abzustimmen. Mehr als 12 000 von ihnen hatten sich dazu angemeldet. 

Während die Übertragung der Versammlung funktionierte, scheiterte allerdings bereits bei einer Probeabstimmung die Software, die die Stimmen der Mitglieder einsammeln sollte. So musste die Versammlung abgebrochen werden. Für Markus Pottbäcker heißt das, dass er noch ein wenig warten muss, bis er seine Verantwortung in dem Verein wahrnehmen kann. Das wird er dann aber getreu dem Vereinslied tun, in dem es heißt, „1000 Freunde, die zusammen steh‘n, dann wird der FC Schalke niemals untergeh’n?“.

 

 

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