Ein geplatzter Deal

Rückschlag für den Pluralismus: Die Hoheit über die Klagemauer sorgt für Streit in jüdischen Kreisen. Von Andrea Krogmann
Foto: dpa | Junge Frauen beim Gebet an der Klagemauer in Jerusalem. Für orthodoxe Juden kein schöner Anblick, sondern ein religiöses Ärgernis. Die Politiker versuchten zu vermitteln.

Jerusalem (DT) Seit Jahren streiten ultraorthodoxe, konservative und reformjüdische Gruppen darüber, wer wo und wie an der wichtigsten heiligen Stätte des Judentums, der Klagemauer in Jerusalem, beten darf. Ein zäh errungener Kompromiss im Januar 2016 sollte den Konflikt beenden, die Umsetzung ließ jedoch nicht zuletzt wegen Protesten der Strengreligiösen auf sich warten. Am vergangenen Sonntag schließlich begrub die israelische Regierung das Projekt bis auf Weiteres ganz. Die Kritik jüdischer Gruppen innerhalb und außerhalb Israels hält an.

Männer links, Frauen rechts: Nichtorthodoxe jüdische Gruppen stören sich seit langem an den strikten Vorgaben an der Klagemauer. Nicht nur gegen die Geschlechtertrennung, sondern auch gegen zahlreiche Einschränkungen wie dem Verbot von Tora-Lesungen oder des Tragens von Gebetsschals oder -riemen durch Frauen, kämpfen Gruppen wie die „Frauen der Klagemauer“. Eine weitere Frauenrechtsgruppe klagte gegen die Diskriminierung beim Obersten Gericht.

Der Kompromissvorschlag der israelischen Regierung von Januar 2016 wollte beiden Lagern gerecht werden: Auf neu einzurichtenden 900 Quadratmetern südlich der bestehenden geschlechtergetrennten Gebetszonen sollte Raum geschaffen werden für alle, die sich nicht der orthodoxen Gebetspraxis zugehörig fühlen. Doch das Projekt stieß auf Unmut der strengreligiösen Fraktion und nicht zuletzt der ultraorthodoxen Koalitionspartner von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Dieser sei, warfen ihm viele nach der Abstimmung vom Sonntag vor, gegenüber den Ultraorthodoxen eingeknickt – ein Vorwurf, den der Premierminister nicht gelten ließ. Vielmehr schaffe dies Raum für konkrete praktische Absprachen für pluralistische Gebetsformen.

Vor allem amerikanische Juden, aber auch Oppositionspolitiker protestierten scharf gegen den Rückzieher Netanjahus. Der Entscheid sei ein Schlag ins Gesicht des Weltjudentums und fatal für die Einheit des jüdischen Volkes, erklärte die „Jesch Atid“-Abgeordnete Aliza Lavie laut Medien. Geht es nach ihrer Partei, soll der Kompromiss von 2016 gesetzlich verankert werden. Verärgert zeigte sich auch die „Jewish Agency“, deren bisheriger Vorsitzender Natan Scharansky maßgeblich an dem Kompromiss mitgewirkt hatte. Ein geplantes Dinner mit Netanjahu wurde abgesagt, der neugewählte Aufsichtsratschef der Lobbygruppe, Michael Siegal, ließ verlauten, das Verhältnis zu Israel müsse neu überdacht werden. Für ihn zeige die Entscheidung vor allem eines, sagte der Präsident der Union für Reformjudentum, Rabbiner Rick Jacobs, gegenüber der „Jewish Telegraphic Agency“: dass „der Staat Israel und die israelische Regierung bereit sind, unsere Rechte und unser Wohlergehen für Koalitionspolitik zu verkaufen“. Israels aschkenasischer Oberrabbiner lobte unterdessen laut Medienberichten das Einfrieren der Pläne. Die Klagemauer zu teilen sei „von Anfang an ein Fehler“ gewesen. Für lange Jahre sei das jüdische Volk als eines und mit einem Herzen an diese Stätte gekommen und werde dies auch in Zukunft tun.

Konkret scheint diese Einheit ebenso weit weg wie eine Einigung in Sachen Klagemauer: Bereits für den Abend des kommenden Schabbat haben konservative und reformjüdische Gruppen zur Demonstration vor Netanjahus Jerusalemer Residenz aufgerufen. Sie sehen in den jüngsten Regierungsentscheiden einen Rückschlag für den jüdischen Pluralismus in Israel, der das jüdische Volk zu spalten drohe.

Dabei ist der geplatzte Klagemauer-Deal ist nicht das einzige, an dem sich nichtorthodoxe Kreise stören: Ebenfalls am Sonntag hat der Rechtsausschuss des Parlaments einen Gesetzentwurf vorangebracht, der eine erhebliche Verschärfung bei Konversionen zum Judentum vorsieht. Wird der Vorschlag Gesetz, dürften Regierungsstellen nicht länger über die Gültigkeit von Glaubensübertritten (und damit das Anrecht auf Staatsbürgerschaft nach dem sogenannten Rückkehrrecht) entscheiden. Die Zuständigkeit fiele künftig stattdessen ausschließlich in den Machtbereich des Oberrabbinats, welches wiederum seine strenggläubige Linie auch in Fragen des Religionswechsels vertritt. In konservativer oder reformjüdischer Tradition oder vor privaten orthodoxen Konversionsgerichten zum Judentum Übergetretene hätten damit wenig Aussicht auf offizielle Anerkennung.

Auf strengreligiöser Seite scheint man sich durch den Doppelerfolg von Sonntag im Parlament im Aufwind gegenüber den Pluralismusvertretern. So forderten Abgeordnete der ultraorthodoxen Parteien „Schas“ und „Vereintes Torah-Judentum“ zu Wochenbeginn in einem Schreiben an das Transportministerium die Einstellung von Buslinien in mehreren Städten im Einzugsgebiet von Tel Aviv am jüdischen Ruhetag Schabbat. Auch Sammeltaxis sollen dem Verbot zum Opfer fallen, ebenso wie Schas-Vorsitzender Arye Dery durch eine erneute Überprüfung erreichen will, dass 160 Geschäften in Tel Aviv die Erlaubnis entzogen wird, am Schabbat zu öffnen.

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