„Ein europäischer Leuchtturm“

15 Jahre Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam – Mit dem Rabbiner Walter Homolka sprach Rocco Thiede
Warum benötigen wir in Deutschland eine intensive Ausbildung zu Rabbinern?

Wenn hier in Deutschland so viele Zuwanderer in die jüdischen Gemeinden integriert werden müssen, also die über 200 000 Menschen, die nach dem Fall der Mauer nach Deutschland gekommen sind, um hier jüdisches Leben zu beleben, ist das mehr als notwendig. Aber wie werden sie integriert? Und wie kann man Menschen integrieren, die aus einem Land wie Russland und der ehemaligen Sowjetunion kommen, in dem jüdisches Leben fast keine Rolle gespielt hat? Aus diesem Grund brauchen wir mehr Rabbiner und Rabbinerinnen, um sich professionell mit diesen zugewanderten Menschen und ihren Kindern zu beschäftigen und ihnen auch einen Weg in die jüdische Tradition hinein zu zeigen. In der Vergangenheit war es doch sehr schwierig, Rabbiner auszubilden – es gab in Deutschland keine rechte Möglichkeit dazu.

Wie kam es zur Gründung der School of Jewish Theology in Potsdam?

Angefangen hat das schon 1999 – insofern feiert das Abraham Geiger Kolleg 2014 auch 15-jähriges Gründungsjubiläum. Aber der richtige Kick kam eigentlich 2010 mit den Empfehlungen des Wissenschaftsrates für die religionsbezogenen Wissenschaften an der deutschen Universität. Wenn diese Empfehlungen sagen, das die christlichen Theologien an der Universität weiterbestehen und wenn die islamische Theologie durch vier Zentren in Deutschland dazukommen sollen, dann ist eigentlich nicht einzusehen, warum das Judentum vor der Türe verharrt und immer als Gast da anklopfen muss. Vor diesem Hintergrund konnten wir 2013 im November die School of Jewish Theology eröffnen.

Was hat sich seitdem getan?

Wir haben verschiedene Lehrstühle einrichten können – die damit das Fach viel besser vertreten: einen philologischen, philosophischen, historischen und exegetischen Zugang. Dazu kommen das Jüdische Recht und die Geschichte der jüdischen Musik – das kann man jetzt alles in Potsdam studieren. Einmal in einem Bachelor- und dann auch in einem Masterstudiengang und dann sogar mit der Möglichkeit zur Promotion und Habilitation, auf allen Stufen des akademischen Werdegangs.

Wie ist Ihre Rolle dabei?

Wir haben ein direktes Mitspracherecht bei der Besetzung der Stellen. Das heißt: Juden unterrichten Juden, um Rabbiner auszubilden – auch das ist ja nicht selbstverständlich, denn in der Judaistik oder den Jüdischen Studien müssen sie ja nicht selbst Jude sein, um darüber zu lehren. Übrigens ist das nicht eine Idee von 2010, sondern eine Idee, die schon 1836 Rabbiner Abraham Geiger hatte. In einer Denkschrift formulierte er: Wir brauchen eine jüdisch-theologische Fakultät. Und für ihn war das ein Gradmesser für das Ausmaß der Emanzipation. Wenn Rabbiner erst einmal so ausgebildet werden, ebenso akademisch in der deutschen Hochschule wie das für Pastoren und für Priester der Fall ist, erst dann ist die völlige Gleichberechtigung erreicht. Sie sehen, damit haben wir eine ziemlich lange Wegstrecke durchlaufen müssen, mit vielen Höhen und Tiefen in der deutsch-jüdischen Geschichte, bis wir an diesen Punkt gekommen sind.

Wie viele Studenten gibt es zurzeit?

Wir haben im Wintersemester 2013 mit 47 Studienanfängern begonnen – man kann sagen, wir waren knallvoll, schon von Anfang an. Diese Studierenden finden ein ziemlich gutes Umfeld vor, weil sie ja nicht nur die Jüdische Theologie studieren können, sondern auch die benachbarten Jüdischen Studien und die Religionswissenschaften. Und dann gibt es darum herum noch das Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg: ein Zusammenschluss von Abraham Geiger Kolleg, Moses Mendelssohn Zentrum, Universität Potsdam und den drei Berliner Universitäten, wo das gesamte Feld der Jüdischen Studien noch mal besonders profiliert und herausgehoben wurde. Das ist schon ein Schwerpunkt der Jüdischen Studien deutschlandweit und damit ein europäischer Leuchtturm.

Und der Lehrkörper setzt sich zusammen aus vielen Experten?

Für die Studierenden ist ein Professor für Jüdische Religionsphilosophie für die Antike und des Mittelalters da, ein Professor für die Religionsphilosophie der Moderne, einer für Bibel und Bibelexegese, einer für Talmud und Rabbinische Literatur, ein ständiger Gastprofessor für Jüdische Musik, einer für Jüdisches Recht und ein Professor für Jüdische Religionsgeschichte – so wie das eben auch an der christlich-theologischen Fakultät der Fall wäre. Die Praxis steuern wir bei – wir vertreten am Abraham Geiger Kolleg die liberale Richtung in der Ausbildung von Rabbinern und Kantoren und dann gibt es für die konservative Richtung das Zacharias Frankel College.

Wer den Campus besucht, spürt die weite Welt …

Wir haben eine Akademisierung dieser Rabbinerausbildung hinbekommen. Und das führt dazu, dass wir einen internationalen Studentenkörper haben, mit Studierenden, die aus Lateinamerika bis Skandinavien, vor allem aus Mittel-und Osteuropa kommen, aber auch aus Israel. Das liegt an einem einzigartigem Umstand, den wir hier in Deutschland haben: die Ausbildung zum Rabbiner oder Kantor ist kostenlos. In Großbritannien, den USA oder Israel sind Studiengebühren fällig.

Themen & Autoren

Kirche