Orvieto

Ein Blick auf die Apokalypse

Die Erwartung des sicheren Untergangs: Unter welchen Umständen Luca Signorelli die Cappella Nuova im Dom von Orvieto ausmalte.
Predigt des Antichristen, Freskenzyklus von Luca Signorelli, 1499-1502, Capella Nuova oder Cappella di San Brizio, Dom S
Foto: Imago Images/Imagebroker | Die Predigt des Antichristen: Freskenzyklus von Luca Signorelli in der Capella Nuova im Dom Santa Maria Assunta in Orvieto.

Europa im Jahr 1499; fast ein Jahrtausend und fünfhundert Jahre nach der Geburt des Erlösers. Es ist eine seltsam beschleunigte Zeit, eine Epoche des Umbruchs. Bücher werden nicht mehr wie bisher in monatelanger Arbeit abgeschrieben, sondern in kürzester Zeit gedruckt. Das Wissen der Welt vervielfacht sich; heilige Texte gelangen neuerdings auch in die Hände von Unberufenen. Zudem mehren sich die Zeichen, dass das Weltende nah ist. Der Prediger Savonarola hat dies vorhergesagt und auch die Wissenschaft ist sich sicher. Seit dem großen Sterben im letzten Jahrhundert zeigt sich immer wieder der Schwarze Tod, der erste Reiter der Apokalypse. In Italien wütet bereits der zweite, der Krieg, und dazu kommt die ständige Türkengefahr. Missernten und darauffolgende Teuerungen beweisen, dass auch der dritte Reiter, der Hunger, im Anmarsch ist. Die Erwartung des sicheren Untergangs ist der Hintergrund, vor dem Luca Signorelli sein Meisterwerk begann, die Ausmalung der Cappella Nuova im Dom von Orvieto.

Fra Angelico hatte begonnen

Ganz neu und jungfräulich war die der Gottesmutter geweihte „Neue Kapelle“ freilich nicht mehr, als der um 1450 geborene Maler daran ging, seine Farben anzurühren. Fünfzig Jahre zuvor hatte schon der große Fra Angelico damit begonnen, das Gewölbe auszuschmücken. Vor einem Goldgrund platzierte der Altmeister über dem Altar den von Engeln umgebenen Weltenrichter und eine Versammlung von Propheten, ehe ihn ein überraschender Ruf des Papstes ereilte, weswegen er nach Rom ging und die Arbeit seither liegenblieb. In Orvieto war man darüber nicht begeistert, konnte aber nichts ausrichten, da die Stadt zum Kirchenstaat zählt. Verzweifelt machten sich die Stadtoberen auf die Suche nach einem Ersatz für den inzwischen verstorbenen Künstler. Perugino sagte ab, auch Antonio da Viterbo.

Ausschlaggebender Grund für die Bestallung Luca Signorellis war, dass er deutlich weniger Geld verlangt und außerdem in dem Ruf steht, schneller und effizienter zu liefern. 200 Dukaten soll er für die Vollendung der Decke erhalten sowie 600 für die Wände, dazu monatlich als Verpflegung zwei Maß Wein und zwei Viertel Korn; die Unterkunft wird ihm gestellt; in theologischen Fragen hat er außerdem das Domkapitel zu konsultieren. Am 5. April 1499 war Vertragsunterzeichnung, schon 1502 kehrte Signorelli in seine Heimatstadt Cortona zurück und seither bestaunt die Renaissance-Welt seine Hinterlassenschaft in Orvieto. In nie gekannter Monumentalität offenbart sich dort in einem Zyklus von sieben Fresken ein Blick auf die Apokalypse; eine Komposition, die so kühn ist, dass sie der Malerei neue Maßstäbe setzt, als hätte ein Blitzstrahl die Nacht erhellt.

Die Predigt des Antichristen

Gleich links vom Eingang sieht man die Predigt des Antichristen. Alle Stände haben sich um ihn geschart, um ihm zu lauschen; dass um sie herum Raubmord und Totschlag herrschen und schwarze Gestalten das Grab des Erlösers schänden, scheinen sie nicht zu bemerken; auch nicht, dass der Prediger dem Höllenfürsten sein Ohr leiht. An der Eingangswand ist das Weltende dargestellt. Rechts deutet der Prophet Ezechiel auf die Zeichen, die im Hintergrund das Unabwendbare ankündigen: von Erdbeben zerstörte Städte, fallende Sterne, einen blutigen Mond und eine schwarze Sonne. Auf der linken Seite des Bogens fahren bereits vier Engel vom Himmel hernieder und setzen die Welt in Brand. Panisch mühen sich Mütter, ihre Kinder zu retten und Verzweifelte suchen ihr Heil in der Flucht, bei der sie sogar aus dem Bildrahmen stolpern.

Gleich daneben herrscht tiefer Friede. Auf den Weckruf zweier Engel hin erheben sich an der rechten Seitenwand die Verstorbenen aus ihren Gräbern; einige sind noch Skelette, denen jeglicher Schrecken fehlt und andere sind schon mit Fleisch bekleidet. Männer und Frauen stehen dort in jugendlicher Nacktheit vereint; das aber, worauf sie warten – das Jüngste Gericht – wird selbst nicht gezeigt.

Dantes Inferno lässt grüßen

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Es ist präsent im Bildnis Christi als Weltenrichter, jenem Fresko Beato Angelicos, auf das Signorellis Oeuvre fokussiert und um das es komponiert ist. Auf den Gottessohn an der Decke verweisen auch die Engel an der Fensterwand, welche links die Seligen ins Paradies geleiten, während sich rechts vom Fenster die Vorhölle auftut, wo die Verdammten vor dem Hintergrund feuerspeiender Berge vom Fährmann Charon über den Höllenfluss Acheron gestakt werden – Dantes Inferno lässt grüßen. Das weitere Schicksal der Gerichteten ist auf den anschließenden Gemälden auf den Längsseiten dargestellt. Rechts, zwischen der Auferstehung der Toten und der Vorhölle, werden die Verdammten von Teufeln gepeinigt. Sie werden gebissen, gefoltert, stranguliert und erwürgt; die Darstellung ist drastisch und von schonungslos brutaler Gewalttätigkeit. An der linken Seitenwand sieht man die Seligen vereint. Heiter wandeln sie zum Klang musizierender Engel und werden mit Rosenblüten bestreut; der Goldgrund zeigt die Präsenz Gottes an.

Dramatische Effekte

Signorellis Szenerien sind dramatisch effektvoll durchgestaltet; Erlöste und Verworfene, Teufel und Engel sind in anatomischer Präzision fixiert, ihre Körper teilweise in unerhörter Verdrehung und perspektivisch verkürzt dargestellt. Mit Ausnahme der Verdammten, deren Leiber sich in der zwangvollen Enge der Hölle bis zum Horizont ballen, ordnete der Meister die Massenszenen mit großem Geschick, indem er sie in Gruppen aufteilte, die klein den Hintergrund bevölkern, indes die großen Figuren in der ersten Reihe beinahe aus dem gemalten Rahmen treten wollen – kein Wunder, dass der junge Michelangelo begeistert ist und Signorellis Gedanken in der Sixtinischen Kapelle weiter entwickeln wird. Signorelli selbst soll nach seinem Erfolg bald zurückkehren und auch noch die Sockelwände mit Fresken schmücken. Medaillons mit den Porträts von Dichtern und Philosophen will er dort anbringen; auch Dante Alighieri ist darunter, der in seiner Göttlichen Komödie Hölle, Fegefeuer und Paradies bereiste; zusammen mit seinem Seelengeleiter, dem Dichter Vergil, der es natürlich – als antiker Heide – nicht bis zur Endstation schaffte.

Selbstporträt von Luca Signorelli

An die beiden Jenseitsreisenden erinnern auch die zwei auffälligen, ganz in Schwarz gekleideten Gestalten, die am Rand des Freskos an der linken Seitenwand stehen. Der eine, etwa fünfzigjährig und mit schulterlangem, blondem Haar, blickt aus dem Bild heraus den Betrachter an. Es ist ein Selbstporträt von Luca Signorelli. Der andere ist jünger, um die 40, und wurde als Fra Angelico identifiziert. Wie Vergil seinen Dante weist der verstorbene Maler seinen lebendigen Kollegen mit abgeklärtem Blick auf die sich ihnen darbietende Szene hin. In der Bildmitte steht ein Prediger auf einem Sockel, vor dem goldenes Altargerät gehäuft wurde.

Das Verstörende daran ist, dass diese Gestalt mit ihrem ernsten, bärtigen Gesicht eben jenem Bilde gleicht, das wir uns von Jesus Christus machen! Nur auf den ersten Blick, denn hinter ihm steht halb verdeckt ein gehörnter Teufel mit modischer Glatze und sinnlich vollen Lippen, der dem Anti-Christus die zu predigenden Worte ins Ohr flüstert. Mehr noch hält er ihn so umfasst, als führe der Höllische auch dessen Gesten wie ein Puppenspieler und es ist nicht erkennbar, ob es noch die Hände des Predigers sind oder schon jene Satans, mit denen die Zuhörer zu Taten einer vermeintlichen Barmherzigkeit angeleitet werden, die sich ins genaue Gegenteil verkehren wird.

Als falscher Tugend-Prophet verbrannt

Im Bildmittelgrund zwar, formal aber direkt beim Antichristen, steht eine Gruppe von Mönchen, die an ihrem schwarz-weißen Habit unschwer als Dominikaner zu identifizieren sind – tagesaktueller Verweis auf Girolamo Savonarola und seine verhetzten Jünger, der mit jugendlichen Schlägertrupps das nahe Florenz tyrannisierte. Erst ein Jahr vor Beginn des Freskenzyklus' war er als falscher Tugend-Prophet verbrannt worden.

Ob Signorelli mit dem Doppelporträt zum Ausdruck bringen wollte, dass Fra Angelico es war, der ihn durch sein unvollendetes Werk zur Thematik der Letzten Dinge hinführte, wie Vergil seinen Dante? Dies muss Spekulation bleiben; auch, ob der Leichnam bei der „Beweinung Christi“, die Signorelli in einer seitlichen Altarnische der Kapelle noch malte, wirklich die Züge von seinem an der Pest verstorbenen Sohn trägt. Unbestreitbar bleiben seine Fresken in der heute nach San Brizio benannten Kapelle ein Schatz des Christentums, mit denen der Künstler nicht nur die Tür zur Hochrenaissance aufstieß. Vor allem mit seiner eindringlichen Darstellung des Antichristen als Anti-Christus gemahnt er die Nachgeborenen an die Kräfte des elementaren Bösen, die Schwarz für Weiß erklären und aus Gutem das Schlechte erwachsen lassen.

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