Berlin

„Die weibliche Form von Stevie Wonder“

Die blinde Sängerin Bernarda Bruno belegte bei „The Voice of Germany“ den zweiten Platz. Mit ihrer Musik setzt sie sich unter anderem für den Lebensschutz ein.

Bernarda Bruno
Die blinde Sängerin Bernarda Bruno trat 2020 auch bei der GiG-Konferenz auf. Foto: Romano Casanova

Der erste Eindruck mag relativ unscheinbar sein: Beim Sprechen bewegt sie kaum ihre Hände, ihre Mimik wirkt unkoordiniert. Wenn sie auffällt, dann wegen ihres Blindenstocks. Aber wenn sie ihre Stimme zum Singen anhebt, verfliegt dieser Eindruck ganz schnell. Ihre Stimme strotzt vor Kraft aber gleichzeitig auch vor Gefühl. Sie geht nicht nur unter die Haut, sondern erschüttert wie ein Erdbeben. Rüttelt auf. So auch ihr neuester Song „Welcome on Earth“ zum Thema Lebensschutz.

„Ich froh, dass der Herr mir diese musikalische Hilfe und Inspiration geschickt hat.“ Bernarda Bruno

Bei dem jungen Talent handelt es sich um Bernarda Bruno. Die blinde Sängerin mit kroatischen Wurzeln trat vor zwei Jahren bei „The Voice of Germany“ auf, wo sie mit dem Soulsong „Heard It Through The Grapevine“ von Marvin Gaye das Publikum und die Coaches überzeugte. Eine Youtube-Nutzerin kommentierte unter dem Song-Battle-Video in der zweiten Phase der Gesangs-Castingshow: „Ich hab es Bernarda so gewünscht und sie ist tatsächlich weitergekommen. Ich mag ihre Stimme total und für mich ist sie die weibliche Form von Stevie Wonder.“ Ironischerweise belegte Bernarda schlussendlich den fünften Platz – eigentlich wollte die hübsche Brünette gar nicht zu „The Voice of Germany“, da sie bei einer anderen Talentshow „nicht die beste Erfahrung“ gemacht hatte. Ohne es jedoch mit ihr abzusprechen, meldete Bernardas Schwester sie bei „The Voice of Germany“ an „und im Nachhinein bin ich froh, dass der Herr mir diese musikalische Hilfe und Inspiration geschickt hat“, meint die 27-Jährige.

„Inkompetentes Management“

Trotzdem blieb der große Durchbruch bisher aus. „Aber ich bin froh, dass ich bisher nicht wirklich berühmt geworden bin“, gesteht Bruno. „Ich war oft so nah dran, aber dann wurde mir die Tür vor der Nase wieder zugeknallt. Aber vielleicht musste das alles so sein. Weil ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn ich eine Karriere gehabt hätte und jetzt durch Corona alles abstürzt.“ Zur Zeit von „The Voice“ hatte Bernarda zwar viele Auftritte, Interviews und Aufnahmen, danach sei sie aber unter ein Management gekommen, das „mir durch seine Inkompetenz alles kaputt machte“. So habe das Management Bruno verbieten wollen, bei der GiG-Konferenz im Vorjahr und beim „Marsch für das Leben“ in Berlin aufzutreten. Daraufhin löste Bruno den Vertrag auf.

Denn gerade das ungeborene Leben liegt dem jungen Talent sehr am Herzen: „Ich selbst bin ein Kind, für das sich meine Eltern explizit entschieden haben, als gewisse Leute versucht haben, ihnen Angst zu machen.“ Als Bernardas Mutter mit ihr schwanger war, lebten die Eltern noch in Kroatien, damals herrschte dort Krieg. „Es gab noch gewisse Spuren vom kommunistischen Regime. Abtreibung war da ganz normal. Meine Eltern haben aber auf Gott vertraut und deshalb bin ich hier.“ Gerade in Kindern mit einer Behinderung sieht Bruno die Chance, dass unsere Gesellschaft wachgerüttelt wird, um zu sehen, wie zerstörerisch das herrschende utilitaristische Menschenbild sei und dass es eine „Kultur des Todes“ brächte.

Vorbild Aretha Franklin

Bernarda rüttelt nicht nur durch ihre Stimme, sondern auch durch den Liedtext ihres neuesten Songs „Welcome On Earth“ auf, den sie beim „Marsch für das Leben“ dieses Jahr aufführte. Ihre Songs drücken eine Komplexität aus, die man aus dem Pop-Genre so nicht gewohnt ist: Die Sängerin fühlt sich im Bereich Gospel, R?n?B, Jazz und Blues beheimatet. Sie habe sich immer von den „großen schwarzen Mamas“ angesprochen gefühlt; Aretha Franklin zum Beispiel ist ein großes Vorbild für sie. Oder auch die blinden Sänger Stevie Wonder oder Ray Charles. Dass die Blindheit den Künstlern aber gewissermaßen das Gespür für die Musik in die Wiege gelegt habe, glaubt Bernarda nicht. „Ich würde das Talent und die Blindheit lieber nicht zusammendenken, weil ich auch schon jemanden gehört habe, der blind war und gesungen hat und sogar bei einer Talentshow einen Preis gewonnen hat – ich will jetzt keine Namen nennen – aber musikkritisch hat das nicht gereicht. Ich finde, das Schlimmste, was man jemandem antun kann, ist, Bonuspunkte aus Mitleid zu vergeben.“

Noch Luft nach oben

Sie selbst sehe, dass sie noch Lücken in ihrer Musik habe, die es noch zu füllen gelte. „Gesanglich lässt sich definitiv noch vieles herausholen. Ein längerfristiges Ziel von mir ist es, auch zukünftig mit einem Instrument aufzutreten, dann wäre ich einfach noch mehr ,ein Teil‘ der Band.“ In Frage dafür komme Gitarre oder Keyboard – beides bringt sich die Sängerin per Video-Tutorials bei.

Beim Besser-werden, beim Vorankommen als Künstler gehe es aber nicht darum, angehimmelt zu werden. Es sei zwar natürlich, dass Menschen nach Anerkennung, nach etwas Schönem und Aufregendem suchen, die Stars seien letztlich aber auch nur Menschen. „Jesus bezeichnet sich in der Bibel als der Morgenstern, er ruft uns in die Nachfolge, auch Licht zu sein. Also wir im Musikgeschäft haben umso mehr die Verantwortung, Lichter für die Welt zu sein, erfüllt von dem, der das Licht der Welt ist.“ Dieser Glaube, diese Beziehung zu Gott hilft Bruno auch ihre Sehbehinderung aufzuopfern.

Sehbehinderung ist ein Nachteil

„Also es ist kein Vorteil, es ist ein Nachteil. Die Leute sagen immer wieder, dass ich froh sein kann, dass ich das Böse in der Welt nicht sehe. Aber ich werde immer wieder von Emotionen, von Gedanken angefochten. Es schützt mich nicht.“ Bruno ist seit ihrer Geburt blind, Licht und Schatten kann sie erahnen, teilweise auch Farben, aber alles „ist so verzerrt wie in einem Horrorfilm“. Sie bete zwar immer wieder, dass Gott ihr das Augenlicht gebe, aber auch, dass er ihr hilft, die Behinderung aufzuopfern „und irgendwie einen Weg zu finden, dass ich doch alles schaffen kann, was ich will, ohne dass meine Blindheit ein Stolperstein ist. Also vielleicht schon ein Berg, den ich besteigen muss, aber keine Wand. Sowas kann wirklich nur der Herr ermöglichen. An mir liegt es dann einfach, mit der Gnade Gottes zu kooperieren.“

Bisher hat die 27-Jährige auch schon einiges geschafft: Sie war nicht nur musikalisch erfolgreich bei „The Voice of Germany“ und durfte den Song für den „Eurovision Songcontest“ für Malta dieses Jahr schreiben – Bernarda ist auch ein sportliches Talent: Trotz ihrer Sehbehinderung lernte sie schwimmen und sogar Skifahren. „Wär ich nicht in der Musik, dann wär ich im Spitzensport gelandet“, ist Bruno sich sicher. Letztendlich habe sie sich aber nicht entscheiden können, welche Sportart sie intensivieren wolle, deswegen habe sie es bei der Musik belassen. Ihre Ausdauer, die sie durch den Sport erlangt habe, helfe ihr aber auch, bei mehrstündigen Konzerten durchzuhalten, „weil man da auch wirklich Power im Körper braucht“. Und das ist Bernarda Bruno sicher – eine Powerfrau, die sich nicht so schnell von etwas aufhalten lässt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.