Erdbebenhilfe

Die vergessene Katastrophe

Die schweren Erdbeben in Kroatien, bei denen tausende Menschen ihr Zuhause verloren, gingen medial unter. Doch es gibt Hoffnung: Dank der Kooperation zweier Hilfswerke entstehen neue Häuser .

Nach dem Erdbeben
Viele der Betroffenen möchten nicht in die Massenunterkünfte; aus Angst vor dem Coronavirus oder weil sie ihre Tiere weiter versorgen möchten. Foto: Imago Images

Begibt man sich fünf bis sechs Autostunden von München Richtung Süden, steigt man bei mediteranem Klima, kristallklarem Meer und atemberaubenden Wasserfällen aus. Die Rede ist von dem beliebten Urlaubsziel Kroatien. Doch das Land an der Adria hat Seiten, die dem touristischen Auge unbekannt sind.

Das Armenhaus Kroatiens

Zerstörungen
Das Erdbeben vom 29. Dezember war das stärkste, je registrierte, in Kroatien. 2 000 Häuser wurden komplett zerstört, noc... Foto: Imago Images

Fährt man von der Hauptstadt Zagreb circa 60 Kilometer in die südöstlich gelegene Region rund um die Kleinstadt Petrinja, eröffnet sich dem Betrachter eine ganz andere Welt. Das „Armenhaus Kroatiens“ nennt Michael Dzeba, Mitglied des Malteserhilfsdienstes und Länderkoordinator für besagtes Land, die Region. Diese ist nämlich bis heute gekennzeichnet durch den Kroatienkrieg, welcher während der ersten Hälfte der 1990er Jahren tobte. 1991 wurden die mehrheitlich kroatischen Bewohner aus der Stadt und dem Gebiet rundherum von serbischen Nationalisten vertrieben, da beide zu der Region gehörten, die gewaltsam zum unabhängigen serbischen Staat, der „Krajina“, proklamiert wurde. Fast zwei Drittel der kroatischen Bevölkerung dort wurden zu Flüchtlingen. 1995 bekam die kroatische Armee das Gebiet wieder unter ihre Kontrolle. Nun waren es Serben, die aus der ehemaligen „Krajina“ flohen.

Kaum mehr junge Menschen

Bis heute hat sich das Gebiet rund um Petrinja von den Auswanderungen nicht erholt. Es gibt kaum junge Menschen. Die Gegend ist geprägt von den Personen, die während der Besetzung blieben: Alte, Kranke, Behinderte, Menschen ohne Berufsausbildung. Viele der Häuser ist über 100 Jahre alt und teilweise noch mit Lehmboden ausgestattet. „Manche Pensionisten leben dort von 100 Euro im Monat. Sie können sich kaum ein Stück Seife leisten“, erzählt Dzeba, der aufgrund seiner Dienste im Rahmen der Malteser die arme Seite des Landes gut kennt. „Die Freude der alten Frauen, wenn sie bei den Weihnachtsaktionen in der örtlichen Pfarrei eine Seife bekommen, ist unbeschreiblich“, so der Münchner. Es ist schwer vorstellbar, dass in Europa noch solche Zustände möglich sind.

Manche Rentner leben von 100 Euro im Monat

Zu all diesen ohnehin schwierigen Zuständen in Zentralkroatien gesellte sich ausgerechnet ein Erbeben mit der Stärke 6,4 am 29. Dezember dazu. Es handelte sich um das schwerste, je registrierte Erdbeben mit einigen Nachbeben in Kroatien. Dabei kamen sieben Menschen ums Leben, weitere 26 wurden verletzt.

Knapp eine Woche später erschütterte erneut ein Erdstoß der Stärke 5 das Gebiet. Schwer treffen die Menschen in Petrinja, das Epizentrum der Beben, die materiellen Schäden, die das Erdbeben verursachte: Allein 2 000 Familienhäuser sind komplett zerstört. Tausende weitere haben massive Schäden erlitten. Die winterliche Kälte – in Zentralkroatien herrscht ein kühlerer Winter als in Deutschland –, und die Corona-Pandemie erschweren die Lage zusätzlich. Viele der alten Menschen, deren Häuser zerstört wurden, möchten nicht in die Massenunterkünfte, da sie Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus haben. Stattdessen schlafen sie beispielsweise in ihren Autos. Außerdem wollen die Bewohner weiterhin ihre Tiere versorgen, die eine Lebensgrundlage für sie darstellen.

Der Malteserorden hilft

Die Not rief Michael Dzeba und das Hilfswerk des Malteserordens auf den Plan. Die Organisation leistet in über 100 Projekten in 28 Ländern Hilfe für Menschen in Not, unabhängig von ihrer Religion, Herkunft oder politischen Überzeugung. Bei dem Gedanken daran, wie man in dieser Situation am Nachhaltigsten Hilfe leisten könnte, fiel dem Länderkoordinator eine Bekanntschaft ein, die er bei einem Gebetsfrühstück im österreichischen Parlament schloss: Hier lernte Dzeba Doraja Eberle, die Gründerin der Salzburger Hilfsorganisation „Bauern helfen Bauern“, kennen. Aufgrund der schrecklichen Fernsehbilder, die Eberle, eine Schwester des Gründers der Loretto-Gemeinschaft Georg Mayr-Melnhof, Anfang der 1990er Jahre vom Bosnienkrieg zu Gesicht bekam, fuhr sie selber in das Kriegsgebiet, um sich ein eigenes Bild der Lage zu machen.

Daraufhin formierte sie den humanitären Verein, der forthin Holzhäuser für Menschen, die in Kriegsgebieten ihre Wohnstätten verloren haben, aufbaut. In den letzten 30 Jahren baute „Bauern helfen Bauern“ 1 500 solcher Häuser nach kanadischem Holzhaussystem in Bosnien auf. Um in dem erdbebengeplagten kroatischen Gebiet Hilfe zu leisten, trafen die zwei humanitären Organisationen nun eine Kooperation. In zwei Wochen werden holzbeladene Lastwagen auf den Weg nach Petrinja geschickt, um dort zu 55 Quadratmeter großen Häusern zusammengebaut zu werden.

Haus mit Kochstelle

Holzhäuser
1 500 solcher Holzhäuser nach kanadischem Modell wurden bereits in Folge des Bosnienkriegs gebaut. Foto: privat

Für den Aufbau so eines Hauses mit Kochstelle und Waschanlage inklusive Fundament braucht es sieben Tage. Nach einer Woche kann eine Familie ein stabiles und den kalten Temperaturen trotzendes Haus beziehen. Ein Holzhaus kostet 7 800 Euro. In den Kosten ist schon alles inkludiert: Bad, Dusche, Toilette, Küche und Isolierung. Ein weiterer Vorteil der Unterkünfte ist, dass sie für 40 bis 50 Jahre ausgerichtet sind. Bald werden sich kroatische Familien über ein neues Zuhause freuen können.

Mehr Informationen erhalten Sie unter dem Link: www.malteser.de

 

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