Rückblick

Schnackenburg: Die umzingelte Kleinstadt

Schnackenburg in Ost-Niedersachsen war einst von der DDR nahezu eingeschlossen: Heute erinnert das Grenzlandmuseum an diese Zeit.
Grenze bei Schnackenburg
Foto: OG | Ulrich Bethge neben einem Original-Fahrzeug der DDR-Grenzer. Dahinter zeigen Karten den damaligen Grenzverlauf.

Gemütlich fährt die Fähre „Ilka“ von einem Ufer der Elbe zum anderen. Autos, Radfahrer und Fußgänger warten geduldig, bis das kleine Motorschiff von der anderen Seite übergesetzt hat. Auf dem Elberadweg sind in diesen Sommertagen unzählige Touristen unterwegs, genießen die idyllische Landschaft entlang des Flusses, der hier noch weitgehend naturbelassen ist. Bis vor 30 Jahren wäre das alles unmöglich gewesen. Denn die Elbe war hier der Grenzfluss – zwischen Bundesrepublik und DDR, zwischen Ost und West. Der Eiserne Vorhang verlief mitten auf dem Wasser. Das linke Elbufer gehört zu Niedersachsen, lag im Westen. Auf der anderen Seite liegt Brandenburg – so nah, und viele Jahre lang doch so fern.

Im Osten des Wendlandes

Das hatte auch Folgen für die malerische Kleinstadt Schnackenburg, ganz im Osten des Wendlandes, westdeutsches Zonenrandgebiet. Der Zoll übernahm hier die Aufgaben der Grenzpolizei, denn als östlichster Punkt im Westen wurden hier auch die Schiffe abgefertigt, die aus der DDR kamen oder dorthin fuhren. Der beschauliche Ort im Osten Niedersachsens lebte von den Zollbeamten, die mit ihren Familien hier lebten und Wohlstand in die Stadt brachten. Denn Schnackenburg war doppelt vom Osten eingeschlossen: Nicht nur die Elbe bildete hier die Flussgrenze, östlich der Stadt verlief die Landgrenze zur DDR. Das Grenzlandmuseum direkt am Ufer erinnert seit 1995 an das Schicksal der Stadt als Grenzort im Kalten Krieg.

„Nicht zu nah an den Grenzzaun gehen“

Ulrich Bethge war einer der Zollbeamten, die bis kurz vor der Wiedervereinigung 1990 in Schnackenburg ihren Dienst verrichteten. Der heute 80-Jährige baute das in privater Initiative entstandene Grenzlandmuseum mit auf. Nach wie vor sitzt er regelmäßig am Empfang, verkauft Eintrittskarten oder kalte Getränke für Radtouristen, erzählt als Zeitzeuge von seinen Erlebnissen. Bethge ist hier aufgewachsen, lebt bis heute in dem kleinen Ort. 1968 begann sein Dienst beim Zoll, sein Platz war im Grenzaufsichtsdienst. Er gehörte zu denjenigen, die die innerdeutsche Grenze von Westen aus bewachten. Er warnte Besucher, nicht zu nah an den Grenzzaun zu gehen, denn der war ein paar Meter nach hinten versetzt, man stand schon auf DDR-Gebiet.

Und er hat natürlich in den 21 Dienstjahren bis zum Mauerfall unzählige Fluchtversuche mitbekommen – sowohl mit glücklichem wie mit tragischem Ausgang. „Manche kamen nur in Badehose durch die Elbe geschwommen, die Papiere in eine Tüte gewickelt. Die haben oft tagelang gewartet, bis die Luft rein war – dann mussten sie die Zäune überwinden“, erinnert sich Ulrich Bethge an diese Zeit. Denn die Elbgrenze verlief nicht in der Flussmitte. Die Alliierten hatten sich auf die so genannte Streichlinie der Buhnenköpfe geeinigt, und die lag sehr nah am östlichen Ufer. Und das hat die DDR immer mehr hermetisch abgeriegelt, die Dörfer direkt am Fluss waren größtenteils bis 1989 Sperrgebiet, viele Bewohner wurden zwangsweise umgesiedelt. Das Dorf Stresow, das gegenüber von Schnackenburg direkt hinter der Landgrenze zum heutigen Sachsen-Anhalt lag, wurde bis 1974 völlig geschleift – heute ist es ein Gedenkort am Elberadweg.

Hilfe kam zu spät

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An ein Ereignis kann sich Ulrich Bethge bis heute gut erinnern, obwohl es noch in die Zeit vor seinem Dienstantritt fällt. Im Oktober 1963 versuchten die Brüder Bernhard und Siegfried Simon aus Leipzig, im Gartower Forst unweit von Schnackenburg die Landgrenze Richtung Bundesrepublik zu überqueren. Beim Versuch, den Stacheldrahtzaun zu überwinden, trat Bernhard Simon auf eine Mine, die ihm das linke Bein bis zum Oberschenkel abriss. Der unverletzte Bruder schaffte es mit letzter Kraft, den Schwerverletzten durch das Minenfeld bis auf die Westseite zu tragen. Die Zollbeamten riefen gleich einen Krankenwagen, doch Siegfried Simon hatte in der Dunkelheit fast keine Orientierung.

Es dauerte lange, bis sie den verletzten Bruder wiederfanden – zu lange. Er hatte bereits zu viel Blut verloren, jede Hilfe kam zu spät. An einen anderen tragischen Fall erinnert ein Gedenkstein direkt am Fähranleger in Lütkenwisch gleich gegenüber am rechten Elbufer auf der Brandenburger Seite. Am 19. August 1974 versuchte der damals 21-jährige Hans-Georg Lemme, der ganz aus der Nähe aus dem Dorf Groß Breese stammte, durch die Elbe nach Schnackenburg zu schwimmen. Ein Grenzsicherungsboot entdeckte den Fluchtversuch, doch Lemme weigerte sich, an Bord zu kommen. Schließlich erfasste ihn die Schiffsschraube, sein Leichnam wurde erst mehrere Tage später im Fluss treibend gefunden. Ob er gezielt getötet wurde, darüber gab es unterschiedliche Darstellungen. Das Landgericht Schwerin kam 1998 zu dem Schluss, dass kein Tötungsvorsatz vorgelegen habe – obwohl die Staatssicherheit von einem Befehl des Bootsführers berichtet, den Flüchtling mit dem Boot zu überfahren.

Das „rote Telefon“

Trotz dieser tragischen Vorfälle war es die meiste Zeit eher ruhig an der Grenze, erinnert sich Ulrich Bethge. Zwischen den Grenzbeamten in West und Ost gab es ein „Rotes Telefon“, eine Direktverbindung zum nahe gelegenen Grenzwachturm in Cumlosen (Brandenburg), um sich auf kurzem Dienstweg verständigen zu können. Ab und zu, erzählt Bethge, habe eine Motorradstreife der DDR-Grenzer mal eine Hand zum Gruß gehoben – fast immer war es der Hintermann, wenn er sicher sein konnte, dass es der Fahrer nicht mitbekommt. Wenig Kontakt hat Bethge auch zu den Einheimischen auf der Ostseite gehabt, zumal er keine familiären Verbindungen nach „drüben“ hatte. Einmal im Jahr seien die Schnackenburger zum Schützenfest auf den Deich zum Fahnenmast gezogen und hätten dort „Märkische Heide“ gesungen. Einmal musste diese Zeremonie wetterbedingt ausfallen – und sofort seien Beschwerden von der Ostseite gekommen, die durch den Grenzverkehr nach Schnackenburg gelangten. 1987 durfte er mit seiner Dienststelle mal eine Fahrt in die DDR unternehmen. Dort seien sie auf Schritt und Tritt verfolgt worden, erinnert sich Bethge. „Die wussten genau, wo wir waren, haben uns immer beobachtet.“

Nichts mehr zu tun nach dem Mauerfall

Bei solch bescheidenen Kontakten blieb es bis 1989. Dann fiel die Mauer – und 1990 war auch bei Schnackenburg die Grenze endgültig Geschichte. Ulrich Bethge fuhr nun in die angrenzenden Städte, die er bis dahin nur von der Landkarte kannte. „Ich war ja auch neugierig, aber es war erdrückend, in welchem Zustand die Städte waren. Man musste auf den Straßen aufpassen, dass man sich nicht den Auspuff abfährt“, schildert er seine ersten Eindrücke. Damals gerade Ende 40, änderte sich auch seine berufliche Situation grundlegend. Denn mit der Wirtschafts- und Währungsunion am 1. Juli 1990 und der folgenden Wiedervereinigung gab es hier für den Zoll nichts mehr zu tun. Ein halbes Jahr lang ging es für ihn ersten Mal nach Passau, dann über Soltau und Hannover schließlich ins nahe gelegene Uelzen, wo der Zollbeamte für die Beihilfestelle umgeschult wurde. Hier verbrachte er seine Dienstjahre bis zur Pensionierung. Schnackenburg blutete in dieser Zeit immer mehr aus, rund 50 Familien verließen die Kleinstadt. Heute hat selbst das letzte Café am Marktplatz zugemacht, auch einen Supermarkt gibt es nicht mehr. Ironie der Geschichte: Ulrich Bethge fährt heute „in den Osten“ zum Einkaufen – nach Wittenberge in Brandenburg.

Erinnerungsstücke im Grenzlandmuseum

Am 7. September 1991 wurde auch die Fährverbindung von Lütkenwisch nach Schnackenburg wieder aufgenommen, seitdem sind die Ufer wieder miteinander verbunden. Direkt am Fähranleger hat die Stadt Schnackenburg dem Förderverein des Grenzlandmuseums das Alte Fischerhaus überlassen, das an die Zeit der Teilung erinnert. Dabei kann das Museum eine beeindruckende Sammlung vorweisen, die vor allem auf den ehemaligen Gartower Samtgemeindedirektor Hans Borchert zurückgeht. Nach der Wende hat er alle möglichen Erinnerungsstücke der Grenztruppen aufgekauft – Gewehre, Autos, Motorräder, Uniformen und vieles mehr. Viele dieser Sammlerstücke sind im Grenzlandmuseum gelandet. Auch ein Stück des früheren Grenzzauns oder ein Selbstschussautomat erinnern an die Schrecken der Grenze. Ebenso wird hier der zahlreichen Opfer gedacht, die an der Elbe ums Leben kamen. Das Museum versteht sich als Dokumentations- und Informationszentrum sowie als Mahn- und Erinnerungsort. Ein gut zwölf Kilometer langer Rundweg ergänzt die Ausstellung, zeigt den originalgetreuen Nachbau der ehemaligen Grenzanlagen.

Hier verrichtet Ulrich Bethge seinen Dienst – und führt die Besucher durch die Ausstellung. Auch wenn er durch den Mauerfall seine Arbeit verloren hat und fortan nicht mehr in Schnackenburg arbeiten konnte, steht für ihn doch fest: „Ich fand das gut, dass alles so gekommen ist.“

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