Die Tuberkulose kehrt zurück

Die Seuche macht sich gestärkt in Osteuropa, Asien und Afrika breit. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | Der Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis unter dem Mikroskop.
Foto: dpa | Der Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis unter dem Mikroskop.

Würzburg (DT) Alle dreißig Sekunden stirbt ein Mensch an Tuberkulose. Im Jahr summiert sich das auf 1,3 Millionen Tote. Die Seuche ist gefährlicher geworden: In Osteuropa reagieren viele Patienten nicht mehr auf die normalen Medikamentenkombinationen: Ärzte sprechen von einer multiresistenten, der MDR-Tuberkulose. Noch dramatischer ist es in Afrika: Dort verstärken sich Aids und-Tuberkulose-Erreger gegenseitig: In einer Klinik in Südafrika ist eine noch tödlichere Form der Tuberkulose aufgetreten, die XDR-Tuberkulose.

Dabei schien die Tuberkulose lange Zeit besiegt zu sein. Nachdem im neunzehnten Jahrhundert noch jeder siebte Europäer der Tuberkulose zum Opfer fiel, war die Entdeckung des Tuberkel-Erregers durch Robert Koch 1892 der erste große Erfolg im Kampf gegen die Seuche. Als in den folgenden Jahrzehnten wirksame Antibiotika und eine Impfung gefunden wurden, schien der Kampf entschieden zu sein. Doch nun kehrt die Tuberkulose mit stärkeren Erregern zurück und macht sich in Osteuropa, China und Afrika breit.

Jeder kann sich mit Tuberkulose anstecken: Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass ein Drittel der Weltbevölkerung mit dem Keim infiziert ist. Doch wirklich krank wird nur der, dessen Abwehrsystem geschwächt ist. Die Ansteckung geschieht meist über die Tröpfchen-Infektion: Jeder Huster eines Tuberkulose-Kranken treibt Millionen infektiöser Tröpfchen in die Luft, wer in der Nähe ist, atmet sie unwillkürlich ein. Doch auf die eingeatmeten Tuberkulose-Bazillen reagiert das zelluläre Immunsystem. Fabozyten, „Fresszellen“, spüren die Bakterien auf. Doch anders als bei anderen bakteriellen Infektionen können die Fresszellen die Tuberkulose-Bakterien nicht abtöten. Sie schließen sie nur ein und hindern sie daran, zu wachsen und sich weiter auszubreiten. Doch in ihrem „Gefängnis“ leben die Tuberkulose-Erreger weiter. Selbst in zweitausend Jahre alten Mumien wurden lebensfähige Bakterien entdeckt.

Die Tuberkulose-Bakterien befinden sich also in einer Art „Ruhezustand“. Sie treten, abgekapselt, auch bei Menschen auf, die völlig gesund sind und fallen als kleine „Kalkschatten“ gelegentlich beim Röntgen auf. Wird aber das Immunsystem schwächer, erwachen die schlafenden Keime: Die Krankheit bricht aus.

Meist beginnt die Tuberkulose harmlos und wird als Erkältung abgetan. Dann treten Fieber, Husten und Auswurf hinzu: Der Patient verliert an Gewicht, soviel er auch isst. Monate-, jahrelang schütteln Hustenanfälle den Kranken, Bakterien breiten sich in der Lunge aus, lassen eitrige Kavernen entstehen und wandern über Blut- und Lymphwege in andere Organe.

Was die Behandlung so aufwendig macht, ist das langsame Wachstum der Tuberkelbakterie: Teilen sich Kolibakterien alle zwanzig Minuten, brauchen Tuberkulosebakterien dafür sechzehn bis zwanzig Stunden. Dadurch beseitigen die eingenommenen Antibiotika immer nur wenige Erreger. Nur ein Dauerangriff aus mehreren Richtungen zerstört den Tuberkuloseerreger zuverlässig. Deshalb müssen Patienten erst vier, dann zwei Antibiotika gleichzeitig einnehmen – und das konsequent, bis zu sechs Monaten.

Wird die Behandlung zu früh abgebrochen, überleben Mikroben: Und diese können mit der Zeit Abwehrmechanismen gegen Antibiotika entwickeln, wie sich an der MDR- oder der XDR-Tuberkulose zeigt. Solche Tuberkuloseformen verlaufen völlig anders als gewohnt. Eine normale Tuberkulose schwächt Patienten schleichend und führt schließlich zum Tod. Ein aids-infizierter Patient, der sich mit einem multiresistenten Tuberkulose-Erreger angesteckt hat, ist nach einem Monat tot.

Vor allem in Osteuropa breiten sich Erregerstämme aus, gegen die kaum noch ein Antibiotikum hilft. In Russland werden jährlich etwa 110 000 Neuerkrankte registriert, jeder fünfte davon stirbt. In den überfüllten russischen Gefängnissen besteht große Ansteckungsgefahr. Fehlendes Geld und organisatorische Mängel verhindern den konsequenten Kampf gegen Tuberkulose und noch schlimmer, die konsequente Behandlung. Und von Osteuropa ist es nicht mehr weit bis Deutschland.

Im Jahr 2000 trafen sich in Amsterdam die Politiker der Länder, die von der Tuberkulose am härtesten getroffen waren und verabschiedeten einen Plan mit dem Titel „Stop TB“. Das Ziel: Die Zahl der Tuberkulose-Infektionen und Todesfälle bis 2015 gegenüber 1990 zu halbieren und die Tuberkulose bis 2050 endgültig zurückzudrängen. Doch dazu müssen die Investitionen in die Bekämpfung der Tuberkulose mindestens verdreifacht werden. Noch sind nicht genug Mittel zugesagt.

Denn Tuberkulosemanagement erfordert Zeit, Personal und Geld. Dies bereitzustellen, ist eine Frage des politischen Willens, nicht nur des Geldes. Auch Länder, die auf Einnahmen aus Öl- und Gasvorkommen zurückgreifen können, stellen sich der Tuberkulose zu wenig. Tuberkulose ist eine Arme-Leute-Krankheit: Schlechte Ernährung, enge Wohnverhältnisse, fehlende Hygiene setzen dem Immunsystem zu und befördern den Ausbruch der Tuberkulose. Offenbar glaubt so manche Regierung, sich die Hilfe für arme Leute sparen zu können, die ohnehin im Schatten stehen.

Wenn sich die Tuberkulose aber unbeschränkt ausbreiten kann, greift sie aus dem Kreis der Armen heraus und schadet allen – schon indem sie die wirtschaftliche Entwicklung behindert, weil immer mehr Menschen erkranken. Oder indem immer resistentere Tuberkulose-Erreger auch den reichen Ländern gefährlich werden.

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