Pandemie

Die Pandemie hat gerade erst begonnen

Der Oecotrophologe Joachim Gardemann fordert einen globalen Ansatz der Virus-Bekämpfung.
Foto: GF | Katholik mit Kompetenz und Empathie: Joachim Gardemann.GF

Er hat an der Fachhochschule Münster über 700 Abschlussarbeiten einschließlich etlicher Promotionen betreut und ein Kompetenzzentrum für humanitäre Hilfe aufgebaut. Einsätze für das Deutsche Rote Kreuz haben ihn unter anderem nach Ruanda, Tansania, Kosovo und Mazedonien, Iran, Sudan (Darfur), Sri Lanka, China, Haiti und Sierra Leone geführt. Joachim Gardemann, Kinderarzt und Professor für Oecotrophologie und Humanbiologie an der FH Münster, ist gerade von seiner Hochschule verabschiedet worden, bleibt ihr aber als Seniorprofessor erhalten. Die Motivation für sein gerade auch in Corona-Zeiten segensreiches Engagement bezieht der überzeugte Katholik zu einem großen Teil aus seinem Glauben.

Dass Corona weitreichende Auswirkungen haben würde, wurde für Gardemann nach dem großen Infektionsausbruch zu Karneval 2020 im Kreis Heinsberg deutlich. „Damals haben wir uns in der Fachhochschule getroffen und überlegt: Was können wir machen, wenn die Lage noch dramatischer wird?“, erinnert sich der gebürtige Rheinländer. „Ich habe allen geraten: Bitte seid vorsichtig. Und mir war klar: Wir müssen trotz aller Gefährdung unsere ethischen Grundsätze bewahren.“ Dass das im Ernstfall gar nicht so einfach ist, wurde Gardemann erstmals voll bewusst, als ihm eine chinesische Studentin berichtete, viele Leute gingen ihr bewusst aus dem Weg und sie fühle sich stigmatisiert. Für Gardemann war das ein Alarmsignal.

Eine große Welle

Schon bald wurde ein Arbeitsstab aller Hochschulen in Münster gebildet, in den er als Berater des Präsidiums aufgenommen wurde. „Mir war schon früh klar, dass wir den Lehrbetrieb einschränken müssen, wenn wir nicht zu einer Verteilungsagentur für das Virus werden wollen“, erklärt der 66-jährige. „Meine Erfahrungen mit Cholera und Ebola sagten mir, dass eine große Welle auf uns zurollt.“ Zugleich weist Gardemann darauf hin, dass das Ebola-Virus viel tödlicher ist als Sars-Cov-2 und Deutschland, hätte sich dieses Virus ausgebreitet, bereits 2, 5 Millionen Tote beklagen würde statt „nur“ 80 000 wie jetzt durch Corona. Außerdem würde selbst das am besten ausgestattete Gesundheitssystem durch die Anforderungen bei Ebola gesprengt.

„Die Pandemie hat gerade erst begonnen, und deshalb ist es wichtig, dass wir auch Säuglinge und Kinder impfen.“ Joachim Gardemann

Von daher ist es aus Gardemanns Sicht ein Glück, dass es sich derzeit „nur“ um eine Corona-Pandemie handelt, womit er aber nichts relativieren oder beschönigen will. Dass Viren von Tieren auf Menschen übergesprungen seien (sogenannte „Zoonosen“), habe es immer gegeben, aber nicht in dieser zeitlichen Dichte, gibt er zu bedenken. Ursachen dafür seien die Globalisierung und die unglaubliche Mobilität heutzutage. „Die Corona-Pandemie wird ab jetzt zum Menschen dazu gehören. Die bekommen wir ebenso wenig in den Griff wie das Polio-Virus“, warnt der ausgebildete Kinderarzt. „Die Pandemie hat gerade erst begonnen, und deshalb ist es wichtig, dass wir auch Säuglinge und Kinder impfen.“

Solidarität und Selbstlosigkeit

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Mit Bewunderung spricht Gardemann über die große Welle der Solidarität und Selbstlosigkeit während des ersten Lockdowns, als Masken genäht, Nachbarschaftshilfen organisiert und Musik-Einlagen vor Altenheimen organisiert wurden. „Das war eine großartige Sache, bricht aber inzwischen leider zusammen“, bedauert der Professor. „Den Deutschen, so scheint es, geht es jetzt nur noch um drei Dinge: Shoppen, Essen-Gehen und Urlaub-Machen.“ Viel zu wenige interessierten sich dafür, dass Im Kongo und im Sudan viele Leute sterben und ein großer Anteil der Länder auf der Erde immer noch keine „Waffen“ gegen das Corona-Virus besäßen. „Das ist ein riesiges Evolutionslabor für Sars-Cov-2 und seine Varianten, und solange wir das haben, werden wir Corona nicht los werden“, warnt er und fordert deshalb – wie viele humanitäre Organisationen – einen globalen Ansatz der Pandemie-Bekämpfung. Dabei stelle die Freigabe von Patenten eine Möglichkeit dar. Über die Schwierigkeit, Impfstoffe in manche Regionen der Erde, besonders in Gebiete mit kriegerischen Konflikten, zu liefern, gibt der Experte für Entwicklungsarbeit sich keinen Illusionen hin. „Die Logistik stellt im Hinblick auf Lagerung und Transport eine enorme Herausforderung dar.“

Es fehlt der direkte Kontakt zum Menschen

Herausfordernd war und ist aber auch die Situation an der Fachhochschule Münster selbst. Von Anfang an galt es jeden Tag, Entscheidungen zu fällen, stellte sich vor allem die Frage: Wie können die Studierenden dazu motiviert werden, sich aktiv einzubringen? „Ein viertes virtuelles Semester hintereinander wäre eine Katastrophe“, urteilt der Professor. „Es hat bei uns Master-Studenten gegeben, die noch kein einziges Mal die Hochschule von innen gesehen haben.“ Kognitive Dinge ließen sich noch gut digital vermitteln, aber bestimmte praktische Vorgänge könne man nur ganz konkret und analog durchführen.

Inzwischen habe eine Umfrage der FH ergeben, dass viele Studenten der Ansicht seien, man habe ihnen die schönste Zeit ihres Lebens genommen. Gardemann selbst hat in Corona-Zeiten auf alle internationalen Reisen verzichtet und weiß es längst zu schätzen, dass es virtuelle Alternativen zu realen Kongressen gibt. „Andererseits brauche ich den direkten Kontakt zu Menschen, und es macht mir sehr zu schaffen, dass das nur noch eingeschränkt möglich ist“, hebt Gardemann hervor. „Es ist schön, die Studierenden wieder leibhaft vor sich zu sehen.“ Sobald es die epidemiologischen Daten zuließen und auch die Mehrzahl der Studierenden an der FH geimpft sei, könne man demnächst im Hörsaal zusammenkommen.

Leidenschaften in der Pandemie neu entdeckt

Joachim Gardemann hat in Corona-Zeiten Tätigkeiten neu entdeckt, die ihm schon früher viel Freude gemacht haben. So gilt seine große Leidenschaft dem Aquarell-Malen, und auch der Astronomie hat er sich in den vergangenen Monaten wieder verstärkt gewidmet. Als Lektüre empfiehlt er – nicht ganz überraschend - „Die Pest“ von Albert Camus. „Der Doktor in diesem Roman ist mit seiner Unaufgeregtheit angesichts der Katastrophe für mich ein großes Vorbild“, verrät er.

Den Glauben des Katholiken hat die Corona-Krise nicht verändert. Mit der Theodizee-Frage (Warum lässt Gott so viel Leid und Tod in der Welt zu?) hat er sich schon anlässlich der Kriege in Ruanda, dem Kosovo und dem Sudan stark beschäftigt. Bei einem Todesfall in der Familie hat er die Erfahrung gemacht, dass der Glaube Halt und Trost vermitteln kann. Entscheidend sei es, überhaupt einen Sinn und ein Ziel im Leben zu haben, weil das eine große Ermutigung sein könne. „Für überzeugte Christen ist diese Ermutigung der Glaube “, erklärt Gardemann.

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