Arolsen Archives

Die Opfer nicht vergessen

Jugendliche haben drei Wochen lang an einem digitalen Archiv für Nazi-Opfer mitgearbeitet – die Initiative ging von dem 21-jährigen Kato Uso aus Minden aus.
Kato Uso
Foto: Archiv | Engagiert: Kato Uso
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Jeder Name steht für ein Schicksal, für ein Opfer der Mordmaschinerie der Nationalsozalisten. Es sind Akten oder Überbleibsel von Häftlingen und KZ-Insassen. Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung oder Homosexuelle – oder Personen, die der NS-Diktatur einfach missliebig waren. Millionen dieser Hinweise zu NS-Opfern lagern in den „Arolsen Archives“, einer internationalen Dokumentationsstelle im hessischen Bad Arolsen. Das Problem: Viele Opferakten sind zwar eingescannt, aber nicht online abrufbar. Mit der Initiative „#everynamecounts“ rufen die Arolsen Archives alle Interessierten dazu auf, sich an der Digitalisierung der Opferakten zu beteiligen – und stießen dabei bei gesellschaftlich engagierten Schülern auf Resonanz.

Rund 150 Stipendiaten der „START-Stiftung“, die Schüler mit Migrationshintergrund in ihrem gesellschaftlichen Engagement fördert, beteiligten sich von Ende März bis Mitte April unter dem Motto „#start2remember“ an der Digitalisierungsaktion. Mehrere tausend Dokumente haben sie bearbeitet. Nach einer Überprüfung durch die Arolsen Archives sollen sie bald online abrufbar sein.

Erschüttert von den Taten

Die Idee zu der Aktion hatte der 21-jährige Kato Uso aus dem westfälischen Minden. Der Schüler hat am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, die Rede der früheren Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, im Bundestag verfolgt. „Ich dachte mir, ich muss mich jetzt noch mehr damit beschäftigen, was denn überhaupt mit den Menschen damals passiert ist“, erzählt der junge Mann im Gespräch mit der „Tagespost“.

„Die Taten des Nationalsozalismus haben mich immer erschüttert, und ich habe mich immer gefragt, mit was für einem Menschenverstand man solche Taten begehen konnte.“ Gleich nach der Veranstaltung hat er in sozialen Netzwerken recherchert, sich Postings zum Holocaust-Gedenktag angeschaut. Dabei stieß er auf die Arolsen Archives und deren Aufruf, bei der Digitalisierung von Opferakten mitzuhelfen. „Das ist ein Herzensprojekt von mir geworden“, erzählt Kato Uso. Sogleich hat er mit der Organisation Kontakt aufgenommen und angefragt, ob sie mit der START-Stiftung kooperieren wollen. In Bad Arolsen stieß das Angebot gleich auf große Zustimmung, wie Uso berichtet. „Die waren total begeistert, haben ihre volle Unterstützung ausgesprochen.“

Die Erinnerung bleibt

Gut drei Wochen lang saßen rund 150 Schülerinnen und Schüler daheim vor ihren Computern, trugen die Namen von NS-Opfern in eine Datenbank ein. Für die Angehörigen dieser Menschen, die bis heute nicht wissen, was mit ihren Vorfahren passiert ist, kann diese Datensammlung eine große Hilfe sein. „Wenn etwas online ist, dann bleibt es da für immer“, meint Kato Uso. „Es ist dann für alle nachfolgenden Generationen abrufbar und nicht mehr wegzudenken.“ Denn, so betont der junge Mann, es sei etwas anderes, ob man einfach einen Namen eingibt und Informationen bekommt, oder ob man erst bei den Arolsen Archives nachfragen muss.

Die Opfer haben Gesichter und Namen bekommen

Doch auch den Schülern selbst hat die Aktion etwas gebracht: Ihr Blick auf den Nationalsozalismus hat sich verändert, ist konkreter geworden. In der Schule geht es meist um Fakten, man lernt die Opferzahlen oder die Mechanismen der Herrschaft – hier bekamen die Opfer ein Gesicht, einen Namen. „Man versteht die Schicksale der Menschen besser – und man fragt sich: Wieso musste diese Frau, dieses kleine Mädchen sterben?“ Uso fand in den Akten auch Gleichaltrige und fragte sich: „Ich bin jetzt genauso alt, wäre ich eigentlich auch dort gelandet?“ So habe er bei der Arbeit mit den Akten manchmal Gänsehaut bekommen, erzählt der Schüler.

„Die Menschen waren da, um umgebracht zu werden“, stellt er erschüttert fest. In den Akten sei nirgendwo ein Befreiungsdatum eingetragen, auch nicht bei den Überlebenden. „Es waren Menschen in meinem Alter dabei, wo ich mich gefragt habe, warum eigentlich“, erinnert sich der 21-Jährige. In manchen Akten habe beispielsweise gestanden, „er hat sich auf der Arbeitsstelle widersetzt“. Heute, so meint Kato Uso, könnten wir eine Arbeit oder Ausbildung einfach beenden, wenn sie uns nicht gefalle. Damals seien die Menschen gezwungen gewesen, für die Leute, die sie gepeinigt haben, auch noch zu arbeiten. „Das hat mich am allermeisten betroffen gemacht, dass die Menschen dennoch arbeiten mussten, damit sie nicht umgebracht werden.“

Eine Sache der Menschlichkeit

Aus dem Schulunterricht brachte Uso ein unterschiedlich starkes Vorwissen mit, wie er erzählt. 2014 kam er aus Syrien nach Deutschland. Auch dort sei der Holocaust ein Thema im Unterricht gewesen, aber nicht so intensiv wie hierzulande – obwohl wenige hundert Kilometer entfernt in Israel zahlreiche Überlebende der Shoah zuhause sind. Wichtig ist ihm insbesondere – und darauf legt er großen Wert – dass die Auseinandersetzung mit verfolgten und entrechteten Menschen nichts mit seiner persönlichen Fluchtgeschichte zu tun habe. „Es ist eine Sache der Menschlichkeit“, sagt Kato Uso. „Ich setze mich nicht als Geflüchteter, sondern als deutscher Bürger dafür ein, dass die Erinnerungskultur nicht vergessen wird.“

Es mache keinen Unterschied, ob man geflüchtet sei oder nicht, sondern dass man aus der Geschichte lerne. Durch seine Flucht hat er ein paar Schuljahre verpasst, das Wirtschaftsabitur will er im kommenden Jahr ablegen. Danach, so berichtet er, wird es ihn vermutlich in die Wirtschaft ziehen. Die offizielle Politik sei nichts für ihn, sondern die – wie er sie nennt – „echte Politik“, das Engagement für die Gesellschaft.

Nächstenliebe ist wichtig

Und da hat Kato Uso neben dem Projekt „#start2remember“ bereits einige weitere Dinge angestoßen. Aufgewachsen in einem Mindener Stadtteil mit wenigen Sportvereinen, trainiert er inzwischen Kinder in einem Projekt namens „Offene Sporthalle“, organisiert Fußballturniere und bringt sich als Jugendvertreter für das Sport- und Bewegungsangebot in der Stadt ein. An seinem Berufskolleg ist er Schülersprecher, und bei der START-Stiftung amtiert er als Regionalsprecher für Nordrhein-Westfalen. „Ich finde, es muss immer Menschen geben, die sich einsetzen, und es Leute gibt, die in dem Moment diese Hilfe brauchen“, betont der junge Mann.

„Und wenn diese Leute diese Hilfe bekommen, werden sie eines Tages auch diese Hilfe jemand anderem zurückgeben.“ Mit seinem Glauben – Uso ist Jeside – habe das Engagement jedoch nichts zu tun. Es gehe ihm um eine allgemein menschliche Perspektive. „Ich verstehe Menschlichkeit so, dass man sich für jeden einsetzt“, sagt Kato Uso. Doch er schätzt beispielsweise am Christentum die Forderung nach Nächstenliebe. „Das kann auch bedeuten, dass man einem anderen hilft mit seinem Engagement.“

Und er ruft auch andere Menschen zum Engagement auf, insbesondere für die Aktion „#everynamecounts“. Es sei nur eine Sache von ein paar Minuten, die Akten eines NS-Opfers zu digitalisieren. Doch dann, so betont er, habe man schon ein Zeichen gesetzt, dass einzelne Schicksale nicht vergessen werden.

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