Die Kölner Schreinsbücher als Vorläufer des Grundbuchs

Die Kirchengemeinden des Mittelalters institutionalisierten den Umgang mit Liegenschaften. Von Constantin Graf von Hoensbroech
Foto: Historisches Archiv Köln | Ausschnitt aus einem Schreinsbuch der Gemeinde St. Aposteln.

Im Jahr 1401 verkaufte Emont vanme Cuesin sein Recht an einem Turm auf der Stadtmauer an die Stadt Köln. Mit einer Urkunde wurde der Vorgang geregelt. Außerdem ist in dem mittelalterlichen Dokument festgehalten, dass des Ritters Tochter Beelgin, wenn sie mündig wird, ebenfalls auf ihre Erbrechte an dem Turm am Holzmarkt verzichtet. Dafür bürgten ihr Onkel Heinrich vanme Cuesin sowie Goedart Grijn der Junge. Das Spannende an diesem Immobiliengeschäft ist nicht so sehr des Ritters Verzicht auf eine Wohnung in exquisiter Lage. Es ist vielmehr der Umstand, dass dieses Geschäft so genau und mit Namensnennung der Beteiligten schriftlich fixiert worden ist.

Aus heutiger Sicht ist das nichts Ungewöhnliches. Der Umgang mit dem Grundbuch, in dem Grundstücke verzeichnet sowie die damit verbundenen Eigentumsrechte sowie möglichen Belastungen beschrieben sind, ist eine alltägliche Selbstverständlichkeit. Aber vor 700 Jahren?

In Köln – und einigen wenigen anderen Städten – war die damalige Stadtgesellschaft schon sehr weit. Mehr noch: Köln hatte schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts mehr als 200 Jahre Erfahrung mit der Erfassung von Liegenschaftsangelegenheiten und wurde damit zum Maßstab und Vorreiter für andere Städte nördlich der Alpen – und eben auch für das deutsche Grundbuch, wie es heute bekannt und gebräuchlich ist.

Im mittelalterlichen Köln wurden diese Vorläufer der Grundbücher als Schreinsbücher bezeichnet. Es war die Altstadtgemeinde St. Laurenz, die um das Jahr 1130 das erste Schreinsbuch, ein mit einer Säulenarkade bemaltes Pergamentblatt, über eine Liegenschaftsangelegenheit innerhalb ihres Gemeindegebiets, dem Kirchspiel, führte. Auch in anderen Pfarrgemeindebezirken wurden, anfangs wohl nur sporadisch, Aufzeichnungen solcherlei Rechtsgeschäfte gefertigt und in dafür bestimmte Truhen, den Schreinen, als lose Blattsammlungen und später in gebundener Form aufbewahrt. Die Pfarrgemeinde Klein Sankt Martin gilt aufgrund von Umfang und Kontinuität ihrer Aufzeichnungen über Grundstücksangelegenheiten ihrer Pfarrgemeindemitglieder als die eigentliche Urheberin des Kölner Schreinswesens ab dem Jahr 1136, das sich im Laufe der Jahre organisatorisch institutionalisierte und erst mit Beginn der Franzosenzeit 1798 beendet wurde.

Zwar steht von Klein Sankt Martin heute nur noch der Turm, da die seit dem 11. Jahrhundert bestehende Gemeinde Anfang des 19. Jahrhunderts in einer größeren Gemeinde aufging und in der Folge das Kirchengebäude abgebrochen wurde. Doch das Erbe der kleinen Innenstadtgemeinde sowie das gesamte Kölner Schreinswesen wurden Vorlage für das heute bekannte deutsche Grundbuch.

„Die Kirchengemeinden waren über viele Jahrhunderte ein sehr tragender Teil des gesellschaftlichen Lebens und regelten in vielerlei Hinsicht öffentliche und für das soziale Leben relevante Aufgaben“, ordnet Ulrich Helbach ein. Der Leiter des Historischen Archivs des Erzbistums Köln sieht denn auch in den Schreinsbüchern sowie den Regelungen von Liegenschaften ein sehr gutes Beispiel für diesen Prozess einer institutionellen Ausprägung in einem „selbstverständlich religiös-kirchlich geprägten Gesellschaftsumfeld“.

In diesen Jahrhunderten kamen rund 500 Bände von insgesamt 41 laufenden Metern, hochgerechnet rund 240 000 Blätter, zusammen, die neben den mittelalterlichen Handschriften den wertvollsten Bestand des Historischen Archivs der Stadt Köln bilden. Doch wie alle Bestände wurden auch die Schreinsbücher am 3. März 2009 verstreut und vielfach beschädigt. Damals stürzte das Gebäude zusammen, riss zwei Menschen in den Tod und begrub knapp 30 Kilometer Archivgut aus über 1 000 Jahren kölnischer, rheinischer, deutscher und europäischer Geschichte unter einem riesigen Schutt- und Trümmerberg. Bereits während der monatelangen Bergungsarbeiten wurden die Schreinsbücher konzentriert gesammelt und zusammengefasst.

Zahlreiche Kölner Archivalien sind nach der Bergung und (vorläufigen) Reinigung in andere Archive eingelagert worden. Im Laufe des kommenden Jahres sollen alle ausgelagerten Bestände bis zur Fertigstellung eines neuen Historischen Archivs der Stadt Köln in das Interimsarchiv nach Düsseldorf, in das ehemalige Landesarchiv, gebracht werden.

„Wir brauchen einen sehr langen Atem, um diesen wertvollen Bestand wieder herzustellen“, so Dr. Max Plassmann, Sachgebietsleiter für die Altbestände im Historischen Archiv. Jedes Buch, jedes Blatt müsse einzeln durchgesehen, bewertet und kalkuliert werden. Von Vorteil ist es, dass sich viele Arbeiten auch mit kleineren Spenden kurzfristig erledigen lassen – oder ließen, wenn denn Geld und Personal vorhanden sind. Nicht zuletzt dieser Umstand, effizient sichtbar und wirksam einen Beitrag zum Erhalt von einem der wertvollsten Bestände kölnischer Stadtgeschichte leisten zu können, hat auch die Stiftung Stadtgedächtnis auf den Plan gerufen. „Wir haben die Restaurierung der Schreinsbücher zu einem unserer Projekte gemacht und finanzieren für zwei Jahre hierfür eine eigene Restauratorin“, betont Konrad Adenauer, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Stadtgedächtnis.

Max Plassmann macht in diesem Zusammenhang nochmals die überragende historische Bedeutung und Tradition der Schreinsbücher deutlich: „Wir stehen heute auf den Schultern von damals. Wenn wir heute völlig normal mit dem Grundbuch umgehen, wäre dies ohne die Basis aus dem Mittelalter gar nicht möglich.“ Auch Ulrich Helbach sieht in dem Bestand sowohl von der Quantität als auch von der Qualität her eine „ganz besonders bedeutende Quelle für die jahrhundertelange Beschreibung gesellschaftlicher Vorgänge“. Die Arbeiten zur Wiederherstellung dieses Quellenbestandes beobachtet er mit großem Interesse. Über die informellen Kontakte der Mitarbeiter der verschiedenen Archive, aber auch durch Helbachs Mitwirkung im Fachbeirat. Dieser hatte sich im September 2009 aus Vertretern deutscher und ausländischer Archive und Archivverbänden, Historikern und Restauratoren gebildet, der den Prozess des Wiederaufbaus seitdem begleitet.

Die Forschung zeigt: Der Versuch, alle Grundstücksgeschäfte Kölns zu zentralisieren, misslang. Mit der 1473 erlassenen Schreinsordnung hatte zwar der Stadtrat die Oberaufsicht, es blieb jedoch bei der dezentralen Organisation in den zehn Schreinsbezirken. Hier führten eigens für den Bezirk bestellte Amtsleute nebenamtlich die Bücher. Um Manipulationen zu verhindern, gab es das Vier-Augen-Prinzip. Für den zwar öffentlich zugänglichen, aber verschlossenen Schrein gab es mehrere Schlüssel, und nur in bestimmten zeitlichen Abständen wurden die Truhen von den bestimmten Schreinsamtleuten geöffnet. Dann konnten wieder Eintragungen über das Eigentum vorgenommen werden. ,Anschreinen‘ wird dies genannt. „Leider wissen wir über den praktischen Umgang der Schreinsführung viel zu wenig“, sagt Max Plassmann. „Eine Restaurierung macht auch deshalb Sinn, weil es hier noch so viele Themen in einem reichhaltigen Quellenmaterial auszuforschen gibt.“

Im Laufe des 14. Jahrhunderts wurde der Schreinsbucheintrag schließlich ein rechtsetzender und konstitutiver Akt. Nach einem Jahr ohne Einspruch galt das eingetragene Rechtsgeschäft als verbindlich und konnte als schriftlicher Beweis vor Gericht vorgelegt werden. „Dies stabilisierte erheblich den sozialen Frieden innerhalb der Stadtgesellschaft, es war ein klarer Schritt gegen das Faustrecht “, erläutert Max Plassmann die sozialgeschichtliche Dimension des Vorgangs.

Im historischen Kontext gesehen, ist die Entstehung und Institutionalisierung der Liegenschaftsangelegenheiten spektakulär. Das mitunter als ,finster‘ beschriebene Mittelalter zeigt sich hier eben als überragend fortschrittlich und reicht mit diesem Kapitel bis in die Gegenwart.

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